Weinstadt

Eigentlich wäre ja jetzt Kirbe ... Wie verkraften die Beutelsbacher den Ausfall der Traditionsveranstaltung?

Kirbe-Party des Musikverein Beutelsbach, 12.10.2019.
2019 auf der Beutelsbacher Kirbe. Heidi Ellwanger heizt dem Publikum ein. © Benjamin Beytekin

Eigentlich hätte am Donnerstag der Kirbemarkt den alljährlichen fünf Tage andauernden Ausnahmezustand in Beutelsbach einläuten sollen. Eigentlich. Denn im Corona-Jahr 2020 gibt es keinen Markt, keine rauschenden Partys, keinen Umzug und keinen Festakt auf dem Marktplatz, kurz: keine Kirbe. Heidi Ellwanger, die Sängerin des Musikvereins, die jeder kennt, der schon mal in der Beutelsbacher Halle auf einer Bierbank getanzt hat, übertreibt höchstens ein bisschen, wenn sie augenzwinkernd sagt: „Beutelsbach trägt Trauer.“ Unsere Zeitung hat erfahren, warum die Kirbe weiterlebt und wie sich der „grüne Jahrgang“ mit dem Ausfall arrangiert hat.

Was macht die Kirbe aus? „Das ist schwer zu beschreiben“

Böse Zungen sagen, die Kirbe sei für viele bloß ein Saufgelage. Und ja, auf der Kirbe wird viel Wein getrunken, mehr als viele verkraften. Doch das Fest ist mehr als das, sagt Heidi Ellwanger. Für viele ist es ein Heimkommen. „Jedes Jahr finden sich die Jahrgänge hier wieder“, sagt die 38-jährige Sängerin. Da gebe es zum Beispiel einen, der seit Jahren in der Schweiz lebe, „ich glaube Jahrgang 1963“, der komme jeden Herbst nach Beutelsbach. Was die Kirbe ausmacht? „Das ist schwer zu beschreiben“, sagt Heidi Ellwanger, „die Kirbe ist einfach ein Gefühl.“ Und das bleibt.

Marius Büche weiß, wovon Heidi Ellwanger spricht. Er findet es faszinierend, wie das Fest Verbundenheit schafft, und zwar über alle Generationen hinweg. Der 19-Jährige gehört in diesem Jahr zum grünen Jahrgang, den Kirbebuben und -mädle, die eigentlich schon seit zwei Wochen auf einem Wagen mit Rätschen durch die Ortsteile gefahren wären und sämtliche Besen und Kneipen unsicher gemacht hätten, schließlich einen großen Trauben geschnürt und zur Krönung in rot-weißer Tracht vor dem Rathaus in luftiger Höhe aufgehängt hätten. Eigentlich. Wenn eben dieses verflixte Coronavirus nicht dazwischengekommen wäre. Am schlimmsten, sagen die jungen Leute, sei es gewesen, als nach und nach alle Veranstaltungen abgesagt wurden, auch der Fellbacher Herbst, und klar geworden sei: Das wird nix mit der Kirbe.

Natürlich sind nicht alle jungen Menschen so heiß auf die Traditionsveranstaltung, die im Mittelalter noch als Kirchweihe gefeiert wurde, wie die, mit denen unsere Zeitung sich am Kirbedonnerstag zusammengesetzt hat. Von mehr als 100 jungen Beutelsbachern aus dem Jahrgang 2001, die in diesem Jahr von der Verwaltung angeschrieben worden sind, ist circa die Hälfte zum ersten Kirbetreffen gekommen.

Aber die, die dann dabeibleiben, sind häufig Feuer und Flamme. Eine davon ist Tanja Dobler. Das Kirbe-Gefühl „bekommt man in die Wiege gelegt“, glaubt die 19-Jährige. Wie sie freuen sich viele schon Jahre vorher auf den Oktober, in dem es endlich so weit ist, in dem sie zum grünen Jahrgang gehören, zu den Stars der Kirbe.

Im kommenden Jahr soll es einen doppelten Kirbejahrgang geben

Entsprechend groß ist die Enttäuschung: „Bei uns hat sich nicht besonders viel getan“, sagt Marius Büche, „es waren ja kaum Veranstaltungen möglich.“ Immerhin: Gemeinsam mit der Stadt haben sich die jungen Leute schon vor einiger Zeit darauf geeinigt, dass es im kommenden Jahr einen doppelten Kirbejahrgang 2001 und 2002 geben soll, vermutlich mit rund 100 Mitgliedern. Natürlich vorausgesetzt, die Corona-Lage hat sich bis dahin entspannt. Seither haben sich die Jugendlichen laut Tanja Dobler mit dem Kirbe-Ausfall arrangiert und es ruhig angehen lassen: „Wir wollten auch nichts provozieren.“ Lust auf einen kirbebedingten Corona-Ausbruch hat in Beutelsbach niemand.

Der hätte freilich gedroht, wenn sich an diesem Samstag 1500 Menschen in die Beutelsbacher Halle gedrängt hätten, um gemeinsam mit Heidi Ellwanger und der Stimmungskapelle des Musikvereins („Die Beutelsbacher“) bis tief in die Nacht hinein zu singen und zu tanzen – unvorstellbar in Pandemiezeiten. Für Frontfrau Heidi Ellwanger und ihre rund 25 Bandkollegen, die alle ehrenamtlich spielen, fallen mit den Kirbepartys in der Beutelsbacher Halle freilich die mit Abstand größten Gigs des Jahres aus. „So ein Publikum haben sonst nur Bands, die es auf den Wasen schaffen“, sagt die Sängerin. Das Besondere in Beutelsbach: „Das Publikum kennt die Leute, die auf der Bühne stehen. Wir sind nicht so unnahbar.“ Auflösungserscheinungen zeige die Gruppe wegen des Kirbe-Ausfalls zum Glück nicht, sagt Heidi Ellwanger.

Am Sonntag spielen die Musiker bei der Ehrung der Jubilare

Seit wieder geprobt werden darf, werden auch neue Stücke einstudiert. Die Musiker wollen schließlich auf der Ehrung der Jubilarsjahrgänge am Sonntag für gute Unterhaltung sorgen, obwohl sie bei der geschlossenen Veranstaltung nur mit der halben Besatzung antreten dürfen. Im nächsten Jahr soll es dann wieder die volle Kapelle sein, das ist der große Wunsch. Noch ein Jahr ohne Kirbe wollen sich die Beutelsbacher gar nicht vorstellen. Ellwangers Bandkollege Marcus Wolf, der in diesem Jahr zum silbernen Jahrgang gehört, sagt: Dass die Kirbe ausfällt, das habe es in der Geschichte wohl nur im Krieg gegeben.

Eigentlich hätte am Donnerstag der Kirbemarkt den alljährlichen fünf Tage andauernden Ausnahmezustand in Beutelsbach einläuten sollen. Eigentlich. Denn im Corona-Jahr 2020 gibt es keinen Markt, keine rauschenden Partys, keinen Umzug und keinen Festakt auf dem Marktplatz, kurz: keine Kirbe. Heidi Ellwanger, die Sängerin des Musikvereins, die jeder kennt, der schon mal in der Beutelsbacher Halle auf einer Bierbank getanzt hat, übertreibt höchstens ein bisschen, wenn sie augenzwinkernd sagt:

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