Weinstadt

Ein Held aus Großheppach: Wie Eugen Kurz 1945 die Pläne der Nazis durchkreuzte

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Der Großheppacher Eugen Kurz und seine Tochter Iris Kurz in den 50er Jahren. © privat

21. April 1945, Deutschland steht kurz vor der Befreiung durch die Alliierten. Das 1. Bataillon der 100. Division der US-Armee rückt von Grunbach her in Richtung Großheppach vor. Entsprechend Hitlers „Nerobefehl“ machen sich die Nazis daran, die strategisch wichtige Remsbrücke zu sprengen. Doch der Großheppacher Gärtner Eugen Kurz kappt die Zündschnur. Er verhindert die Sprengung – und womöglich weiteres Blutvergießen. Heute wünscht sich seine Enkelin, dass sein Mut gewürdigt wird.

Stephanie Ebert (48) hat ihren Großvater kennengelernt, da war sie noch ein kleines Mädchen. Die Heldengeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich um ihn rankt, hat sie nach Eugen Kurz’ Tod 1979 immer wieder erzählt bekommen. Auf Familientreffen sei „viel vom Hörensagen“ berichtet worden, sagt die 48-Jährige, aber niemand habe gewusst, was damals genau geschehen sei. Also recherchierte Stephanie Ebert im Landesarchiv in Ludwigsburg – und wurde fündig. Die Geschichte von der gekappten Zündschnur ist wirklich wahr.

Historische Belege für die mutige Aktion des Großheppachers liefern ausgerechnet die Akten der Spruchkammer in Schorndorf. Diese sollte im Auftrag der Alliierten die Nazi-Vergangenheit der Deutschen aufarbeiten. Eugen Kurz war 1941 in die NSDAP eingetreten und wurde deshalb „mit besonderer Sorgfalt“ geprüft. Doch der Gärtnermeister konnte glaubhaft machen, nur „aus geschäftlichen Gründen“ in die Partei eingetreten zu sein und sich nie politisch betätigt zu haben.

Der damalige Großheppacher Bürgermeister bestätigte die Geschichte

Und nicht nur das: Im Einstellungsbeschluss der Spruchkammer (Vermerk: „entlastet“) heißt es: „Der Kammer wurden (...) Dokumente vorgelegt, die ihn als Gegner des NS erscheinen lassen.“ Eugen Kurz habe „den Gewaltmassnahmen der Partei aktiv Widerstand geleistet und Nachteile erlitten“.

Eines dieser Dokumente ist ein Schreiben des damaligen Großheppacher Bürgermeisters Gottlob Danner vom 30. August 1945: „Dem Eugen Kurz wohnhaft hier in Grossheppach wird hiermit bescheinigt, dass er zum wesentlichen Teil dazu beigetragen hat, dass die Remsbrücke hier in Grossheppach nicht gesprengt wurde. Am Tag des Einmarsches der Amerikanischen Truppen riss Eugen Kurz die Zündschnur ab, die zur Sprengung der Brücke dienen sollte.“

Stadtarchivar: Lage hätte sich "mit Sicherheit zugespitzt"

Der Weinstädter Stadtarchivar Dr. Bernd Breyvogel hat die Quellen ebenfalls gesichtet. Er ist überzeugt: „Wenn der Vormarsch der Amerikaner durch die gesprengte Brücke aufgehalten worden wäre, hätte sich die Lage mit Sicherheit zugespitzt, möglicherweise hätte sich auch der eine oder andere in Großheppach doch noch zu Widerstand ermuntert gefühlt.“ Stattdessen wurde der Ort ohne Kampf eingenommen, und die Alliierten konnten weiter in Richtung Endersbach vorrücken, das, von mehreren Seiten angegriffen, ebenfalls fast unzerstört in die Hände der US-Soldaten fiel.

Bernd Breyvogel kommt zu dem Schluss: „Man kann Eugen Kurz also eindeutig attestieren, dass er sein Leben riskierte, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, was ihm ja nachweislich gelang.“

Wenige Tage zuvor war Eugen Kurz von der Gestapo verhaftet worden

Dass er sich mit seiner Aktion in große Gefahr begeben hat, war Eugen Kurz bewusst: Nur drei Tage zuvor hatte der damals 42-Jährige noch in Waiblingen in einer Zelle gesessen – verhaftet von der Gestapo. Ihm und zwei Mitstreitern aus Großheppach war vorgeworfen worden, die bereits vorsorglich an der Brücke befestigte Sprengladung schon zwei Wochen zuvor abmontiert und in die Rems geworfen zu haben.

Das geht ebenfalls aus den Akten der Spruchkammer hervor. Die Polizeidienststelle der Stadt Waiblingen schrieb damals: „Dem Eugen Kurz (...) wird von hier aus bestätigt, dass er in der Zeit vom 6. April bis einschl. 18. April 1945 = 13 Tage, wegen Sabotage im hiesigen Ortsarrest inhaftiert war. Dessen Entlassung erfolgte am 18.4.45 wegen der damaligen Feindannäherung.“

Der Großheppacher Bürgermeister erklärte 1947 allerdings, diese erste Sabotage hätten andere Männer aus Großheppach vorgenommen. Um wen es sich dabei gehandelt hat und ob nicht doch Eugen Kurz auch bei dieser Aktion eine Rolle gespielt hat, ist unklar. Fest steht allerdings, dass sich der Gärtnermeister nicht von seiner Verhaftung durch die berüchtigte Gestapo beeindrucken ließ und nur drei Tage nach seiner Entlassung aus der Haft die Sprengladung an der Remsbrücke entschärfte.

In die Literatur hat die Heldentat noch nicht Einzug gehalten

In die Literatur hat diese Heldentat bis heute noch nicht namentlich Einzug gehalten. Stadtarchivar Bernd Breyvogel verweist auf das Weinstädter Geschichtsheft 7 von 2007, in dem eine Zeitzeugin (wohl fälschlicherweise) einen „Gärtner Konz“ nennt, der die Amerikaner in Grunbach geholt habe, um die geplante Sprengung zu verhindern. Im Ortsbuch „Grossheppach“ von Lothar Reinhard schreibt der Autor nur, „beherzte Männer“ hätten die Sprengung verhindert. „Laut familiärer Überlieferung wollte Eugen Kurz dort nicht erwähnt werden“, sagt Breyvogel.

Noch immer leben Nachfahren von Eugen Kurz in Großheppach. Enkelin Stephanie Ebert, die den Stein jetzt ins Rollen gebracht hat, lebt zwar in Bayern, doch sie fände es „toll, wenn mein Opa gewürdigt werden würde. Vielleicht mit einem Straßen- oder Brückennamen?“ Aus der mutigen Aktion ihres Großvaters könne man noch heute Inspiration ziehen. Stephanie Ebert sagt: „Mein Opa war wirklich ein sehr bescheidener Mann. Er hat da nie ein großes Ding draus gemacht. Aber für mich ist er schon ein Held. In der Nazi-Zeit so was zu machen, da gehört viel Mut dazu.“

21. April 1945, Deutschland steht kurz vor der Befreiung durch die Alliierten. Das 1. Bataillon der 100. Division der US-Armee rückt von Grunbach her in Richtung Großheppach vor. Entsprechend Hitlers „Nerobefehl“ machen sich die Nazis daran, die strategisch wichtige Remsbrücke zu sprengen. Doch der Großheppacher Gärtner Eugen Kurz kappt die Zündschnur. Er verhindert die Sprengung – und womöglich weiteres Blutvergießen. Heute wünscht sich seine Enkelin, dass sein Mut gewürdigt

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