Weinstadt

"Eine Katastrophe": Warum tut sich nichts auf dem Bleistiftareal in der Ortsmitte von Beutelsbach?

Bleistiftareal
Ein attraktiver Ortskern sieht anders aus, da sind sich Anlieger und Bauamt der Stadt Weinstadt einig. Doch auf dem Beutelsbacher Bleistiftareal wird sich so bald nichts ändern. © Alexandra Palmizi

„Eine Katastrophe“ nennt ein Anlieger das Bleistiftareal im Herzen von Beutelsbach. Die Brache sorgt zunehmend für Frustration, und zwar sowohl bei Anliegern als auch im Bauamt der Stadt Weinstadt. Seit vielen Monaten geht nichts mehr voran, auch aus dem verschobenen Baustart für ein neues Wohn- und Geschäftshaus im Sommer wurde nichts. „Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollten“, nämlich eine Aufwertung des Areals, sagt ein zerknirschter Baubürgermeister Thomas Deißler im Gespräch mit unserer Zeitung. Seiner Einschätzung nach blockiert ein Verhandlungspoker um eine Teilfläche des Areals den Fortschritt in der Ortsmitte.

30 Wohnungen in bester Lage und neue Räume für die Stadtbücherei sollen auf dem Bleistiftareal entstehen – so lautet zumindest der Plan. Doch seit fast einem Jahr tut sich auf der Baustelle nichts mehr, einmal abgesehen davon, dass die Erdhügel, von Baggern einst dort aufgehäuft, langsam aber sicher von der Natur zurückerobert werden. Wie unsere Zeitung jetzt von Baubürgermeister Thomas Deißler erfahren hat, ist nicht abzusehen, wann sich an diesem Zustand etwas ändert. „Es ist sehr frustrierend zu sehen, dass dieser gute Ansatz zu so einer Hängeparty geworden ist“, sagt Deißler.

Apotheker Christian Wolff hat einen direkten Blick aus seiner Apotheke auf die überwucherte Hügellandschaft. „Abstoßend“ und „abweisend“ wirke die verwaiste Ortsmitte, „eine Katastrophe“ sei dieser Zustand für die Attraktivität des Ortes, sagt Wolff. „Wieso sollte zum Beispiel ein neues Geschäft ansiedeln, wenn’s hier so aussieht? Das Minimum, das ich hier erwarte, ist, dass die Fläche planiert wird, damit zumindest wieder Autos hier parken können“, schimpft der Apotheker. Doch wie ist es überhaupt so weit gekommen?

Der Optimismus der Stadt hat der Realität nicht standgehalten

Zur Erinnerung: Die Realgrund AG aus Ulm hatte im Jahr 2017 im Wettbewerb mit sechs anderen Investoren den Zuschlag für das Bauprojekt auf dem Bleistiftareal bekommen. Auf dem einst bebauten Gelände, das schon seit Jahren teilweise als Parkplatz genutzt worden war, fanden zunächst weitere Abbrucharbeiten statt. Im März 2019 wurde dann öffentlich, dass das Landesamt für Denkmalpflege das Areal auf mittelalterliche Spuren untersuchen will. Die Grabungen begannen mit Verspätung und zogen sich von August bis Dezember 2019. Im Februar 2020 sollte mit dem Bau des Gebäudes begonnen werden, im Oktober 2021 sollte die Stadtbücherei einziehen. Doch kurz vor Weihnachten 2019 meldete die Realgrund Insolvenz an – seit Ende der Grabungen ist auf dem Gelände deshalb nichts passiert.

Das Projekt soll zwar nach wie vor realisiert werden, von einem neuen Bauträger, der die vertraglichen Regelungen von der insolventen Realgrund übernimmt, allerdings kommen die Verhandlungen zwischen dem Insolvenzverwalter und dem möglichen neuen Bauträger (im Juli hatte die Stadt eine Firma mit dem Namen „Phoenix“ ins Spiel gebracht, heute spricht sie von einer „Stuttgarter Gesellschaft, die Wohnimmobilien entwickelt“) offenbar nur schleppend voran. Die Einschätzung der Stadt im Frühjahr, die Verhandlungen befänden sich auf der Zielgeraden und es könne noch in diesem Jahr mit dem Bau begonnen werden, hat sich jedenfalls als viel zu optimistisch herausgestellt.

"Wir haben es nicht in der Hand, eine Einigung herbeizuführen"

Es geht in den Verhandlungen, an denen die Stadt nicht teilnimmt, laut Baubürgermeister Deißler unter anderem darum, „die Grundstückssituation zu bereinigen“. Denn eine Teilfläche des Bleistiftareals befinde sich noch im Eigentum der Realgrund. Sich den Rest der Fläche „zurückzuholen“, mache für die Stadt erst dann Sinn, wenn die Übernahmeverhandlungen scheitern sollten: „Es wäre sehr schade, wenn wir auf der Basis der bestehenden Planung nicht weitermachen könnten.“ Aber: „Wir haben es nicht in der Hand, eine Einigung herbeizuführen“, sagt Thomas Deißler, „bei Grundstücksverhandlungen geht’s immer um die, die am Tisch sitzen. Da wird gepokert, meiner Einschätzung nach.“

Den Mietvertrag der Stadtbücherei in der Poststraße hat die Stadt bereits bis Ende Oktober 2022 verlängert. Der Ortskern sei durch diese Baugrube sehr belastet, das sei das größte Problem, sagt Deißler. Es tue ihm leid für „alle, die in diesem Ort ein Unternehmen betreiben und für die Bürger, die sich das anschauen müssen“. Er hoffe auf eine schnelle Einigung der Verhandlungspartner und einen Baustart im kommenden Jahr.

Verhandlungen "auf der Zielgeraden"

Daran glaubt Karlheinz Heinisch, der Leiter des Liegenschaftsamts, der die Verhandlungen abermals „auf der Zielgeraden“ sieht: „Wir gehen demnach davon aus, dass bald die Einigung erzielt wird, damit der neue Partner ab Mitte 2021 mit dem Bau beginnen kann.“

Bei manchen Anliegern ist die Hoffnung darauf, dass sich die Beutelsbacher Ortsmitte zum Positiven wandelt, hingegen in Resignation umgeschlagen. Er sei seit 18 Jahren ganz nah dran am Bleistiftareal und habe die Pläne lange Zeit sehr interessiert verfolgt, sagt Unternehmer Tobias Ebner, der hier ein Möbelgeschäft betreibt. Sein Interesse sei mittlerweile verflogen: „Irgendwann glauben Sie nicht mehr dran.“

„Eine Katastrophe“ nennt ein Anlieger das Bleistiftareal im Herzen von Beutelsbach. Die Brache sorgt zunehmend für Frustration, und zwar sowohl bei Anliegern als auch im Bauamt der Stadt Weinstadt. Seit vielen Monaten geht nichts mehr voran, auch aus dem verschobenen Baustart für ein neues Wohn- und Geschäftshaus im Sommer wurde nichts. „Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollten“, nämlich eine Aufwertung des Areals, sagt ein zerknirschter Baubürgermeister Thomas Deißler

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