Weinstadt

Fünf Generationen Frauen

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Fünf Generationen einer Familie, vereint auf einem Foto (von links): Sina Götz (21, geborene Batsch), ihre Mutter Michaela Batsch (50, geborene Kümpel), Ururoma Anna Deuschle (91), ihre Ururenkelin Emilia Marit Götz (rund zehn Wochen alt) und Marianne Kümpel (68, geborene Deuschle). © Sarah Utz

Weinstadt-Endersbach. „Ich glaube, so eine starke Damenliga gibt es nicht sehr häufig im Kreis“: Mit diesen Worten hat Marianne Kümpel unserer Zeitung ein Foto geschickt, auf dem fünf Frauen aus ihrer Familie zu sehen sind – und zwar aus fünf Generationen. Ururoma Anna Deuschle ist 91, ihre Ururenkelin Emma Marit gerade mal zehn Wochen.

Als Anna Deuschle geboren wurde, gab es in Deutschland endlich Demokratie. Wir schreiben das Jahr 1926, das Land wird Mitglied im Völkerbund, von Wirtschaftskrise ist keine Spur, der Aufstieg der Nazis ist noch in weiter Ferne. „Meine Mutter war die Jüngste“, erzählt Marianne Kümpel (68), ihre älteste Tochter. Alle vier Schwestern mussten im Haushalt mit anpacken, die Familie lebte damals in Fellbach. Als die Stadt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten bombardiert wurde, kam Anna Deuschles Mutter dabei ums Leben. Den nächsten schweren Schicksalsschlag musste die heute 91-Jährige verkraften, als sie 33 war und längst selbst drei Kinder hatte. Da starb ihr Mann – und Anna Deuschle musste die Familie auf einmal ganz alleine versorgen. „Sie hat dann in die Fabrik gehen müssen“, erinnert sich Marianne Kümpel. Sie und ihre Geschwister halfen deshalb sehr viel im Haushalt mit und kochten auch selbst. „Es ging ja nicht anders – meine Mutter war den ganzen Tag berufstätig.“

Uroma Anna ist inzwischen im Heim

Es ist Mittwochnachmittag, als Marianne Kümpel diese Geschichte am Esszimmertisch in ihrem Haus in der Beutelsbacher Straße in Endersbach erzählt. Mit am Tisch sitzen ihre Enkelin Sina Götz (21, geborene Batsch), ihre Tochter Michaela Batsch (50, geborene Kümpel) und ihre Urenkelin Emilia Marit Götz (rund zehn Wochen alt). Nur ihre Mutter Anna Deuschle ist nicht da, denn sie lebt mittlerweile in einem Heim in Remseck. Marianne Kümpel hatte unserer Redaktion vor einiger Zeit ein Foto geschickt, auf dem fünf Generationen Frauen ihrer Familie zu sehen sind. Bei Kaffee und Gutsle hat unsere Zeitung nun erfahren, welche Geschichten die Frauen zu erzählen haben, welche Gemeinsamkeiten es in ihrem Leben gibt – und welche Unterschiede.

„Ich tu’ gern tapezieren“

Marianne Kümpel zum Beispiel war 17 Jahre alt, als sie ihren Mann heiratete – mitten in der Ausbildung. Eine Malerlehre hat die heute 68-Jährige damals gemacht, wovon ihre ganze Familie bis heute profitiert. Vor allem eines liebt Marianne Kümpel besonders: „Ich tu’ gern tapezieren.“ Als Marianne Kümpel jung war, hörte sie die Beatles und die Rolling Stones. Es waren die 60er Jahre, eine Zeit des Aufbruchs, als die Jugend in der westlichen Welt gegen die Elterngeneration aufbegehrte und mehr Freiheiten forderte. Das bedeutet aber nicht, dass nun in Marianne Kümpels Umfeld alle ein Hippie-Leben führten. Die Gesellschaft war trotz allem konservativ. „Im Gegensatz zu heute war es schon noch sehr prüde.“

„Macht heute kein Mensch mehr“

Michaela Batsch, Marianne Kümpels Tochter, hörte gerne Bee Gees, Abba und die Neue Deutsche Welle. Die heute 50-Jährige musste auch noch zu Hause mithelfen, die Kehrwoche erledigen, staubsaugen und spülen. Sie lernte Groß- und Einzelhandelskauffrau und zog schließlich 1993 nach Kernen. Ihre Kinder wiederum mussten längst nicht so viel im Haushalt machen wie sie. Für Michaela Batsch war indes die Hausarbeit mittlerweile auch nicht mehr ganz so anstrengend wie noch früher für ihre Mutter oder Großmutter, schließlich profitierte sie nun auch davon, dass bestimmte technische Geräte für die Masse der Bevölkerung erschwinglich wurden: die Spülmaschine zum Beispiel oder der Trockner für die Wäsche. Michaela Batsch dünstete auch nicht mehr so viele Lebensmittel ein, wie es ihre Mutter Marianne Kümpel noch in ihrer Kindheit erlebte. „Mein Opa hat einen Acker gehabt, da haben wir immer mitmüssen mit dem Handwägele und mithelfen müssen, das zu verarbeiten“, erzählt Marianne Kümpel.

Enkelin tanzte erfolgreich

Für ihre Enkelin Sina Götz (21) sind das Geschichten aus einer Zeit, die so weit weg ist von dem, wie sie aufgewachsen ist. Die gelernte Erzieherin hatte wesentlich mehr Freizeit in ihrer Kindheit – und ihre Leidenschaft gilt seit langem dem Linedance, einer Tanzform, bei der die Tänzer sich in Reihen und Linien zu Country- und Popmusik bewegen. Sina Götz belegte 2013 in der Kategorie „Teen Newcomer Female“ den ersten Platz bei den deutschen Meisterschaften und nahm daraufhin an einer Weltmeisterschaft teil. 2015 wurde sie immerhin noch Deutsche Vizemeisterin in der Kategorie „Adult Novice Female“.

In der Nachbarschaft den Mann fürs Leben gefunden

Als ihre Mutter Michaela Batsch nach der Trennung von ihrem Mann im April 2015 mit ihrer Tochter in die Beutelsbacher Straße nach Endersbach zurückkam, lernte diese in der Nachbarschaft bald ihren heutigen Ehemann kennen. Im Juni war das, bei einem Fest in der benachbarten Goethestraße. Marianne Kümpel weiß noch genau, was sie damals zu ihrer Enkelin Sina sagte: „Du musst unbedingt da rüber.“ Und so fand die Enkelin ihr Glück: Sie traf bei der Feier ihren heutigen Mann. „Dann haben wir uns verliebt, verlobt und verheiratet“, sagt sie und lacht. Im November 2017 kam die kleine Emilia Marit Götz auf die Welt – und das Mädchen gehört nun zu den ganz wenigen Menschen, die tatsächlich eine Ururoma haben.

Gemeinsamkeiten

Anna Deuschle (91), Marianne Kümpel (68), Michaela Batsch (50), Sina Götz (21) und Emilia Marit Götz (zehn Wochen) verbindet mehr als nur der gemeinsame Familienstammbaum. Bis auf Anna Deuschle (sie war die Jüngste von vier Schwestern) sind alle Frauen Erstgeborene. Auch ist in der Familie die Zahl der weiblichen Nachkommen mit Blick auf die vergangenen 100 Jahre deutlich höher gewesen als die der männlichen.

Ururoma Anna Deuschle, Uroma Marianne Kümpel und Oma Michaela Batsch haben alle jeweils drei Kinder zur Welt gebracht. Sina Götz hat zwar bislang nur eine Tochter – aber das kann sich ja noch ändern.

Sina Götz und Marianne Kümpel haben zudem ein gemeinsames Hobby: Sie lieben Linedance.

Ururoma Anna Deuschle wohnt mittlerweile im Heim in Remseck, aber der Rest lebt in Weinstadt. „Alle in der Beutelsbacher Straße“, sagt Uroma Marianne Kümpel und lacht.