Weinstadt

Gebrauchtes E-Bike: Fehlkauf oder Schnäppchen? Check beim Radservice Weinstadt

Pedelec
In „Wölles Sportshop“ in Schnait bekommt das gebrauchte E-Mountainbike der Autorin seinen ersten Service seit Kauf. © Benjamin Büttner

Mitte Januar habe ich mir ziemlich spontan ein Pedelec gekauft. Gebraucht, entdeckt habe ich das rund vier Jahre alte Fahrrad bei Ebay-Kleinanzeigen.

Ganz ahnungslos herangegangen bin ich an den Kauf nicht: Mehrere Monate lang hatte ich schon mit dem Gedanken, aufs E-Bike umzusteigen, gespielt und mir verschiedene Testberichte durchgelesen. Ein Mountainbike sollte es sein, gerne vollgefedert, aber auch preislich ein Einsteiger-Modell: weil ich mir dann doch nicht ganz sicher war, ob Pedelecs auf Dauer das Richtige für mich sind.

Keine Möglichkeit, das Fahrrad vor dem Kauf durchchecken zu lassen

Allzu viele Modelle kommen in dieser Kategorie gar nicht infrage. Und als ich dann zufällig das Modell, das ich mir geistig schon auserkoren hatte, für unter 2000 Euro in der Anzeige entdeckte, schlug ich kurzerhand zu.

Vor dem Kauf habe ich mich zwar ein bisschen schlaugemacht, auf was man beim Gebrauchtkauf eines E-Bikes achten sollte – aber ein Experte bin ich natürlich trotzdem nicht. Und die Möglichkeit, das Fahrrad vor dem Kaufabschluss zu einer Werkstatt zu bringen, bestand auch nicht.

Der Moment der Wahrheit ist gekommen

Der Moment der Wahrheit kam für mich jetzt also erst, nachdem ich schon knapp 1500 Kilometer mit meinem neuen Rad zurückgelegt hatte, in „Wölles Sportshop“ in Schnait. Der Betreiber Bernd Wöllhaf war so nett, sich meiner und meines gebrauchten Rades anzunehmen – auch wenn das günstige E-Mountainbike vom Baujahr 2017 offensichtlich nicht so ganz dem Niveau seines kleinen Fahrradladens mit Werkstatt in Schnait entspricht.

Jetzt im Frühjahr einen Termin für einen Fahrrad-Service zu bekommen, ist derweil gar nicht so einfach: Die Werkstätten werden aktuell geradezu überrannt. Jeder möchte sein Fahrrad jetzt für die warme Jahreszeit fit gemacht haben.

Fahrrad am besten im Winter zum Service bringen

Und die Corona-Pandemie hat den Trend Fahrradfahren zusätzlich befördert: „Nach dem ersten Lockdown standen die Menschen die Straße hoch Schlange“, berichtet Bernd Wöllhaf. Gerade für jemanden wie ihn, der alleine im Laden und in der Werkstatt arbeitet, seien so viele Anfragen kaum zu bewältigen.

Deswegen müsse er manchmal Fremdräder ablehnen – denn sonst würde alles einfach viel zu lange dauern. Und gar mehrere Monate lang auf sein Fahrrad zu warten, das im Service ist, sei einfach ein No-Go, findet Wöllhaf. Auch, wenn das bei manchen Fahrradwerkstätten zurzeit leider der Fall sei. Sein Geheimtipp deshalb: das Fahrrad zwischen November und Januar zum Service bringen. Da hätten die meisten Werkstätten Luft: „Und ich mache dann auch alles so, dass man das ganze Jahr damit fahren kann.“

E-Bikes müssen öfter gewartet werden

Auch mein blaues E-Mountainbike wird jetzt von ihm unter die Lupe genommen. Der Service bei E-Bikes sei nicht so viel anders als bei normalen Fahrrädern, erklärt der Experte. Nur müsse eben auch auf den Motor und den Antrieb geachtet werden – und insgesamt bräuchten Pedelecs engmaschiger den Service.

Denn auf Antrieb, Kette und Zahnkreise und auf die Bremsanlage wirken höhere Kräfte als bei einem Rad ohne Antrieb. Bei vollgefederten „Fullys“ wie meinem sei es außerdem wichtig, alle 2000 bis 3000 Kilometer einen Dämpfer- und Feder-Service machen zu lassen.

Gute Bremsen sind das Wichtigste

Gerade die Wartung der Bremsanlage werde oft unterschätzt. Pedelec-Fahrer bremsen öfter von höheren Geschwindigkeiten herunter als andere Fahrradfahrer. Und natürlich macht auch das höhere Gewicht des Rades einen Unterschied beim Verschleiß. Hier müssen nicht nur die Bremsbeläge regelmäßig erneuert werden, auch die Bremsscheiben müssen beim Service gemessen werden: Sind sie zu dünn, müssen neue her.

Bei meinem Pedelec ist mit den Bremsen alles in Ordnung: Die Bremsbeläge sind auch kürzlich erst erneuert worden. Bernd Wöllhaf stellt mir allerdings die Bremshebel am Lenker in einem bequemeren Winkel ein - was tatsächlich einen großen Unterschied macht beim Fahren, wie ich später feststelle.

Kette nach 1500 Kilometern tauschen, sonst gehen die Zahnräder schnell kaputt

Was allerdings spätestens unter meinen vielen Fahrten durch schlammiges, sandiges Gelände bei kaltem Winterwetter gelitten hat, sind meine Kette und die hintere Zahnkranz-Kassette. Die Kette ist völlig durch und auch die Zahnräder müssen getauscht werden.

Beides kann der Fahrrad-Mechaniker aber mit wenigen Handgriffen direkt erledigen, passende Teile hat er zum Glück vor Ort. Nach etwa 1500 Kilometern soll ich die Kette am besten wieder tauschen, empfiehlt mir der Experte. Sonst könne ich die Kassette wahrscheinlich gleich wieder mittauschen.

Keine größeren Mängel 

Er schaut sich auch die Federgabel an, die beim Ausfedern Geräusche macht. Die Funktion der Feder sei erst mal nicht beeinträchtigt, beruhigt er mich. Bietet mir aber an, im Spätherbst, wenn der große Trubel vorbei ist und mich das Geräusch immer noch stört, die Gabel an den Hersteller einzuschicken.

Ansonsten stellt Bernd Wöllhaf keine größeren Mängel an meinem gebrauchten E-Mountainbike fest. Für ein Rad dieses Alters sei es recht gut in Schuss, bestätigt er. Der Vorbesitzer sei wohl pfleglich damit umgegangen.

Der Rahmen ist etwas zu groß

Was ihm allerdings auffällt: Der Rahmen sei für mich etwas zu groß, auch wenn die Angabe des Herstellers zur Körpergröße soweit passt. „Fullys“ wie meines fahre man eigentlich mit weiter ausgefahrener Sattelstütze, als ich das tue. Dem Vorbesitzer war das Fahrrad dann aber wohl auch schon zu groß. Beim Fahren stört mich das aber bislang überhaupt nicht.

Bernd Wöllhaf empfiehlt: Auch mit Rädern, die man gebraucht kauft, vor dem Kaufabschluss zur Werkstatt gehen und einen Service machen lassen. „Das würde man beim Autokauf ja auch tun.“ Das Worst-Case-Szenario: „Ein Fahrrad kaufen und keine Ahnung davon haben“.

Immer noch große Lieferschwierigkeiten wegen Corona

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Mein Rad fährt sich wunderbar und selbst mit dem Austausch der Verschleißteile bin ich insgesamt unter 2000 Euro weggekommen. Und lange auf mein Fahrrad warten musste ich auch nicht.

Das ist gerade nicht selbstverständlich: „Aus Asien kommt gar nichts“, klagt Bernd Wöllhaf. Das habe in erster Linie mit der Zero-Covid-Strategie der chinesischen Regierung zu tun: Ganze Großstädte werden immer wieder abgeriegelt, der Betrieb in manchen Häfen steht wochenlang still. Das betreffe nicht nur die Pedelecs und elektronische Bestandteile oder Antriebe, sondern auch alle anderen Fahrräder – egal welche Art oder welche Marke. „Das geht quer durch.“ Für manche Fahrradmodelle gebe es deshalb im Moment Lieferzeiten von über einem Jahr.
Der Trend geht weg von der Straße

Bei sich im Laden verkauft Bernd Wöllhaf motorisierte wie nichtmotorisierte Fahrräder, Mountainbikes, Trekkingräder und Rennräder. Sogar ein Einrad steht im Verkaufsraum. Auch das ein oder andere gebrauchte Fahrrad und E-Bike ist hier zu finden.

Früher sei der Anteil der Rennräder größer gewesen. „Der Trend geht gerade aber klar in Richtung offroad - weg von der Straße.“ Der Schnaiter hat über den Radrennsport zum Fahrradreparieren gefunden.

Über den Rennsport zum Fahrradmontieren gefunden

„Ich bin früher selber Rennen gefahren“, erzählt er. Bei den Rennen sei er dann auch immer schon als Mechaniker unterwegs gewesen und habe irgendwann auch daheim in Schnait angefangen, Fahrräder zu montieren. Immer mehr Freunde hätten ihre Räder zu ihm gebracht. „Die ersten Räder habe ich bei meinen Eltern auf dem Esstisch montiert“, erinnert er sich.

Seit 32 Jahren betreibt er nun ganz offiziell das Geschäft „Wölles Sportshop“. Erst ein Geheimtipp für vorwiegend „sportive Leute“, wie der Betreiber es nennt, erfreut sich der „größte Laden in Schnait“ heute einer breiten Kundschaft. „Ich versuche, den Charme zu erhalten“, sagt Wöllhaf. Er arbeite immer nach dem Motto: „Beraten, als wär’s der beste Freund, und reparieren, als wäre es mein eigenes Fahrrad.“

Mitte Januar habe ich mir ziemlich spontan ein Pedelec gekauft. Gebraucht, entdeckt habe ich das rund vier Jahre alte Fahrrad bei Ebay-Kleinanzeigen.

Ganz ahnungslos herangegangen bin ich an den Kauf nicht: Mehrere Monate lang hatte ich schon mit dem Gedanken, aufs E-Bike umzusteigen, gespielt und mir verschiedene Testberichte durchgelesen. Ein Mountainbike sollte es sein, gerne vollgefedert, aber auch preislich ein Einsteiger-Modell: weil ich mir dann doch nicht ganz sicher war, ob

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