Weinstadt

Gefahr durch Hochwasser: Weinstadt wappnet sich mit einem neuen Rückhaltebecken

Rückhaltebecken Schachen
Matsch! So sieht das Rückhaltebecken Schachen bei Strümpfelbach aktuell aus. © Gabriel Habermann

Unkontrollierbare Wassermassen, die durch starken Regen entstehen, sind eine unterschätzte Gefahr. Erst eineinhalb Wochen ist es her, dass im Kreis Biberach ein Mann in seiner eigenen Wohnung ertrunken ist – er war im Untergeschoss vom Wasser überrascht worden. Solch ein Unglücke passiert Gott sei Dank nicht oft. Vollgelaufene Keller sind aber auch für viele Weinstädter nichts Neues. Jetzt wappnet sich die Stadt: mit dem Neubau des Hochwasserrückhaltebeckens Schachen bei Strümpfelbach und einer Starkregen-Gefährdungsanalyse für ganz Weinstadt.

Es war Zufall, dass die Sitzung des Technischen Aussschusses in Weinstadt nur wenige Tage nach den starken Regenfällen vom 7. Juni stattgefunden hat. Doch so waren alle Anwesenden frisch für das Thema sensibilisiert. Die Stadt hat das Thema zwar schon seit einiger Zeit auf der Agenda, doch das Bewusstsein über die Gefahren von Starkregen und Hochwasser ist nicht selbstverständlich.

Erinnerungen an die Freibad-Überschwemmung 2008

Julius Fassnacht vom gleichnamigen Ingenieurbüro sagte bei der Vorstellung seiner Gefährdungs- und Risikoanalyse: „Im "Worst case" können Dinge passieren, die wir uns nicht vorstellen können. Kommt ein Gewitterschauer auf der falschen Seite des Tals, dann kann’s gefährlich werden!“ Trotzdem müssten er und sein Vater Karl-Josef Fassnacht sich oft für ihre Arbeit rechtfertigen. Den Vorwurf, die Gefahr aufzublähen, machte den Fassnacht-Ingenieuren in der Jahnhalle allerdings niemand. Die Weinstädter haben schon am eigenen Leib erfahren, welche Wucht Wasser entwickeln kann.

Im Mai 2008 zum Beispiel, als das Strümpfelbacher Freibad mit Schlammwasser überflutet wurde. Das Hochwasserrückhaltebecken Schachen liegt nur ein paar Meter höher und hätte das verhindern sollen – es war einfach überströmt worden. Schon damals stand fest: Die Anlage wird den Anforderungen nicht mehr gerecht.

Das neue Rückhaltebecken soll Strümpfelbach vor Fluten schützen

Seit Jahren wird deshalb über einen Neubau gesprochen, dieser verzögerte sich immer wieder. In einer aktuellen Sitzungsvorlage der Stadtverwaltung heißt es: „Die vorhandene Stauanlage hat gravierende Sicherheitsmängel und entspricht nicht den Regeln der Technik. Die Hochwasserentlastungsanlage ist nicht ausreichend leistungsfähig.“ Jetzt scheint das Millionenprojekt tatsächlich Realität zu werden.

Dem Technischen Ausschuss stellte Stefan Krämer vom Ingenieurbüro Zink-Ingenieure die Pläne für die neue Anlage detailliert vor. Das neue Hochwasserrückhaltebecken soll rund 5,8 Millionen Euro kosten. Weinstadt rechnet mit einer Förderung von rund 70 Prozent – auf einer entsprechenden Maßnahmenliste des Regierungspräsidiums hat der Bau Prioritätsstufe 1. Kommt die Förderzusage noch 2021, muss mit den Bauarbeiten in diesem Jahr begonnen werden.

Der Strümpfelbach wird renaturiert

Allerdings wird im ersten Bauabschnitt nicht das Rückhaltebecken selbst angegangen. Vielmehr wird zunächst der Strümpfelbach am nördlichen Ende der Ortschaft, also entlang der Landesstraße nach Endersbach, renaturiert. Anstatt schnurgerade soll er in Zukunft verästelt verlaufen.

Dabei handelt es sich um eine Ausgleichsmaßnahme. Denn am südlichen Ortsende, beim Freibad, wird der Bach wiederum verdolt. In der Sitzungsvorlage heißt es: „Das Becken und die Verlängerung der Strümpfelbachverdolung werden im Winter 2021/2022 ausgeschrieben und im Frühjahr 2022 begonnen. Die erforderlichen Rodungsarbeiten erfolgen im Winter.“

Das Becken wird dort errichtet, wo sich das alte befindet

Das Becken selbst wird dort errichtet, wo sich das bisherige befindet, aber deutlich größer sein. Insgesamt werden für den Bau 18.000 Kubikmeter Erde abgetragen. 15.000 Kubikmeter sollen aber zum Bau des neuen Damms verwendet werden. Es wird ein kompliziertes System aus Schächten und Kanälen geben, die den Wasserfluss regeln, eine extra Zufahrt von der Landesstraße über den Schurwald und ein neues Betriebsgebäude, das mit anderen Weinstädter Kontrollstellen verbunden ist. Die Bauzeit ist noch etwas vage: ein bis zwei Jahre, sagte Krämer. Der Beschluss der Stadträte hingegen fiel klar aus: einstimmig.

Weniger ein Großprojekt als die Empfehlung, an vielen kleinen Stellschrauben zu drehen und die Bürger zu informieren, wie sie Schäden am Haus und Gefahr für Leib und Leben abwenden können, ergibt sich aus der Analyse des Büros Fassnacht.

Für das Erstellen eines „Kommunalen Starkregenrisikomanagements“ zahlt Weinstadt rund 85.000 Euro, wird aber mit 58.000 Euro bezuschusst. Die Ergebnisse sollen für die Bürger noch aufbereitet werden. Vor Corona war eine Veranstaltung in der Jahnhalle geplant gewesen.

Die Wege des Wassers im 3-D-Modell nachempfunden

In 3-D-Modellen von Weinstadt und seiner Umgebung hat das Büro aus Bad Wurzach einstündige Starkregen-Ereignisse simuliert und die Wege des Wassers von den umliegenden Hängen ins Tal nachverfolgt. Für verschiedene Objekte, etwa Schulen, wurden „Risikosteckbriefe“ erstellt. Dabei haben die Experten Fragen gestellt, wie: Befinden sich Menschen im Untergeschoss? Sind die Türen wasserdicht?

Ein Beispiel wurde in der Sitzung vorgestellt: die Vollmarschule beim Bildungszentrum, die schon mehrfach von Überflutungen betroffen war. Das Ergebnis der Ingenieure: „Die Gefährdung ist sehr hoch und die Vulnerabilität ist ebenfalls hoch (Schüler). Risikoabschätzung: sehr hoch.“ Mögliche Konsequenzen neben einer baulichen Aufrüstung: das Wasser von den Hängen vom Schulzentrum wegzuleiten, zum Beispiel ins Stadion.

Unkontrollierbare Wassermassen, die durch starken Regen entstehen, sind eine unterschätzte Gefahr. Erst eineinhalb Wochen ist es her, dass im Kreis Biberach ein Mann in seiner eigenen Wohnung ertrunken ist – er war im Untergeschoss vom Wasser überrascht worden. Solch ein Unglücke passiert Gott sei Dank nicht oft. Vollgelaufene Keller sind aber auch für viele Weinstädter nichts Neues. Jetzt wappnet sich die Stadt: mit dem Neubau des Hochwasserrückhaltebeckens Schachen bei Strümpfelbach und

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