Weinstadt

Gotthilf Fischer: Singen macht jung

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„Beim Fischer muss man Deutsch singen“: Gotthilf Fischer (88) legt viel Wert darauf, sich mit seinen Chören schwerpunktmäßig deutschen Volksliedern zu widmen. Mit dem Fischerchor Stuttgart (siehe Foto) probt er jeden Dienstagabend im Stadtteil Heslach. © Palmizi / ZVW
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Gotthilf Fischer begleitet seinen Stuttgarter Chor am Klavier. Im Hintergrund ist seine Managerin Esther Müller zu sehen (Zweite von rechts). © Palmizi / ZVW

Weinstadt-Beutelsbach. Er hat Millionen Platten verkauft, Fernsehshows moderiert und ist vor dem Papst aufgetreten: Gotthilf Fischer ist eine Chorleiter-Legende. Der Beutelsbacher lebt nach wie vor für die Musik, erst in diesem Herbst ist sein neues Album erschienen. Gotthilf Fischer hat eine Mission: „Ich kämpfe für das deutsche Volkslied.“

Video: Der Fischerchor Stuttgart singt die lange verschollene Kompostion von Gotthilf Fischer "die Sehnsuchtsmelodie" von 1946.

Da standen sie nun, bereit für ihren Einsatz: Mit 200 Sängern war Gotthilf Fischer vor der Klagemauer erschienen, einer wichtigen religiösen Stätte für alle gläubigen Juden. Er wollte mit seinen Leuten ein Lied anstimmen – doch er hatte nicht bedacht, dass dies ein Problem sein könnte. „Beim ersten Ton haben wir ein Gewehr gesehen: Man darf an der Klagemauer nicht singen. Das wusste ich nicht“, sagt Gotthilf Fischer. Von der Jerusalemer Polizei bekam der Chorleiter deshalb bei seiner dritten Weltfriedensfahrt im Frühjahr 1981 mit seinem Gefolge umgehend einen Platzverweis. „Die wollten mich sogar verhaften.“ Das, sagt Fischer, habe er sich nicht gefallen lassen – weshalb er umgehend ins Büro des damaligen Jerusalemer Bürgermeisters Teddy Kollek gegangen sei. Und als er dort auf den israelischen Politiker traf, war Gotthilf Fischers Laune gleich wieder gut. Teddy Kollek, erzählt der 88-Jährige, habe ihn mit einem Lied empfangen – mit „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“, einer Komposition des Österreichers Robert Stolz. „Wir haben eine halbe Stunde miteinander gesungen.“

Für Gotthilf Fischer ist diese Episode nur einer von vielen Beweisen, wie durch Musik Menschen berührt werden können. Für den Wahl-Weinstädter, der seit Jahrzehnten in Beutelsbach wohnt, geht von Liedern eine positive Kraft aus. Gotthilf Fischer hat es früh erlebt, damals am Ende der NS-Zeit, als Deutschland in Trümmern lag. Der 88-Jährige war wie viele Jungen seines Jahrgangs bei der Hitlerjugend – und wurde schließlich mit 17 Jahren, während seiner Internatszeit in Esslingen, zum sogenannten Volkssturm beordert. Sprich: Gotthilf Fischer musste 1945 in den Krieg, so wie viele andere Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren, die bis dahin noch nicht in der Wehrmacht kämpften. Er sah mit eigenen Augen, wie andere junge Männer von Maschinengewehrkugeln getötet wurden.

„Ich musste mir überlegen: Entweder du stirbst oder du singst“

Als die Alliierten in Deizisau im Kreis Esslingen einrückten, hatte Fischer ein Erlebnis, das er nie vergessen wird: Drei amerikanische Soldaten betraten, mit dem Gewehr voraus, das Haus, in dem er sich aufhielt. „Denen muss jemand einen Wink gegeben haben“, sagt Fischer. Was wohl passiert, wenn sie ihn mit der Waffe erwischen? „Ich musste mir überlegen: Entweder du stirbst oder du singst.“ Fischer wollte natürlich leben. Also, erzählt er, habe er sich ans Klavier gesetzt und „The Battle Hymn of the Republic“ gespielt, ein patriotisches Lied aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg mit seinem bekannten Refrain „Glory, glory, hallelujah!“ Daraufhin, erzählt Gotthilf Fischer, hätten ihn die Soldaten wie einen Bruder begrüßt. „Und sie haben mich acht Tage bewirtet.“

Wenn es um Beispiele geht, welche Kraft von der Musik ausgeht, ist Gotthilf Fischer in seinem Element. Die Anekdoten sprudeln nur so aus ihm heraus. Seine Managerin Esther Müller muss ihn an diesem Dienstagabend nach der Chorprobe daran erinnern, auch mal einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen („Gotthilf, trink mal was“), so sehr ist der 88-Jährige in Fahrt. Schon ist er bei der nächsten Episode, sie handelt von einem sehr gläubigen Daimler-Manager, der bettlägerig in einer Klinik im Kreis Esslingen untergebracht war. Dort waren alle überzeugt, dass er bald sterben würde. Fischer und seine Leute hatten im Vorfeld erfahren, dass sich der Mann „Heilig ist der Herr“ von Johann Philipp Neumann wünschen würde. Ein geistliches Lied also. Doch als sie dann dort waren, erzählt Gotthilf Fischer, habe der Daimler-Manager etwas ganz anderes hören wollen: „Hoch auf dem gelben Wagen“. Etwas Fröhliches also. Der Beutelsbacher hat das Bild noch vor Augen, wie der Mann dazu seine Hand bewegt hat.

Stimmung im Bundestag

Gotthilf Fischer würde sich wünschen, dass die Zeitungen hierzulande einmal in der Woche ein deutsches Volkslied abdrucken. Er ist sich sicher, dass viele Leser das honorieren würden. Selbst den Mitgliedern des Bundestags empfiehlt er, wenigstens einmal im Monat gemeinsam einen halben Tag zu singen. „Dann hätten die eine Stimmung!“ Zwischendurch wird Gotthilf Fischer sogar richtig philosophisch. Er fragt sich, warum die Menschen immer alles haben und kontrollieren wollen. „Du musst erkennen und vergessen“, findet der Chorleiter. Überhaupt ist er der Auffassung, dass zu viel Besitz nicht glücklich macht. „Weil es ihnen gutgeht, sind alle unzufrieden.“

Mitunter, das weiß Gotthilf Fischer selbst am besten, hilft bei aller Liebe zur Musik auch der Humor. Der 88-Jährige war sich selbst ja nie zu schade, wenn es um Scherze vor einem Millionenpublikum ging. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat sich Gotthilf Fischer in einem Heino-Musikvideo in die Luft jagen lassen. „Die haben mich gesprengt“, sagt er und lacht.

Humor und Musik also sind Gotthilf Fischers Rezept. Teuer ist das im Grunde nicht, dafür muss sich niemand verschulden. Und jeder kann es umsetzen. Jetzt und hier. Gotthilf Fischer ist überzeugt, dass es jedem Menschen gut tut, zu singen. Er beobachtet bei den Chorproben immer die Gesichter und stellt dabei Verblüffendes fest: „Die Menschen sehen dann 20 Jahre jünger aus.“

Weite Anreise

Sie kommen vom Bodensee, vom Rhein und sogar aus Frankfurt am Main: Die Sängerinnen und Sänger vom Fischerchor Stuttgart nehmen sehr weite Fahrzeiten auf sich, um mit dem legendären Chorleiter jeden Dienstagabend von 19 bis 20.30 Uhr in Stuttgart-Heslach zu proben. Treffpunkt ist das alte Feuerwehrgerätehaus in der Möhringer Straße 56.

Der Stuttgarter Chor ist nicht an einen Verein gebunden und wird von ganz verschiedenen Leuten aller Altersklassen besucht. Esther Müller, seit 22 Jahren Managerin von Gotthilf Fischer, singt ebenfalls mit. Und wer Lust hat, kann sich jederzeit anschließen. „Wir freuen uns immer über Nachwuchs in jedem Alter.“

In seinen Chören hat Gotthilf Fischer Leute, die schon als Kinder zu seinen Chorproben gekommen sind. Managerin Esther Müller hat bereits vor 42 Jahren begonnen, in einem Chor von Gotthilf Fischer zu singen.