Weinstadt

Keine Hilfe für Einzelhändler im Lockdown: Weinstädter Christian Hartmann fühlt sich veräppelt

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Christian Hartmann vor seinem Modegeschäft in Endersbach. © Sebastian Striebich

„Wollen Sie uns Einzelhändler eigentlich vera...?“ – in einem offenen Brief hat der Sprecher der Einzelhändler in der Endersbacher Einkaufsstraße, Christian Hartmann, die Politik für ihre Hilfspläne im anstehenden Corona-Lockdown kritisiert. Trotz heftiger Einbußen dürfe er für sein Modegeschäft nach den jetzt beschlossenen Regelungen keine finanzielle Unterstützung geltend machen. Auch Oberbürgermeister Michael Scharmann äußert sich kritisch.

Christian Hartmann hat grundsätzlich Verständnis für den Lockdown aufgrund der hohen Corona-Infektionszahlen. Und doch ist er mächtig sauer auf die große Politik. „Wir kriegen einfach gar nichts“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung, „bis auf das Kurzarbeitergeld.“ Ein Tag ist vergangen, seit der Geschäftsmann einen offenen Brief ins Netz gestellt hat, gelegt hat sich sein Ärger noch immer nicht. „Überall in den Nachrichten kommt: Die Einzelhändler werden mit bis zu 500 000 Euro im Monat entschädigt. Das stimmt einfach nicht.“

Wird der Einzelhandel abgespeist?

Zwar habe die Bundespolitik die Überbrückungshilfe III beschlossen, auf die jene Einzelhändler Anspruch haben, deren Monatsumsatz mindestens 40 Prozent unter dem Umsatz desselben Monats im Vorjahr liegt. Diesen Einzelhändlern sollen durch die Überbrückungshilfe 40 Prozent der Fixkosten für das Unternehmen erstattet werden (je größer die Einbußen umso höher die Finanzhilfe). Zusätzlich soll es Sonderabschreibungsmöglichkeiten für nicht verkaufte Ware geben. Allerdings greifen diese Kriterien für Geschäfte wie „Mode am Markt“ laut Christian Hartmann gar nicht.

In seinem offenen Brief schreibt er: „Sie zahlen der Gastronomie 75 Prozent vom Umsatz November und Dezember und speisen den Einzelhandel in dem wichtigsten Monat des Jahres mit einem Zuschuss zu Fixkosten ab? Eine Branche, die Sie im ersten Lockdown auch hauptsächlich mit überteuerten Hilfskrediten statt mit wirklichen Unterstützungen abgespeist haben?“

Er wolle nicht falsch verstanden werden, sagt Christian Hartmann im Gespräch mit unserer Zeitung, er halte die Hilfszahlungen für die Gastronomie für absolut richtig. Ein ähnliches Modell hätte er sich aber auch für den Einzelhandel gewünscht.

120 000 Euro Schaden im Frühjahr

In seinem offenen Brief schildert er seine Situation, die so für „Tausende“ andere gelte, ganz konkret: Vor dem ersten Lockdown sei sein Unternehmen „abgesehen von kurzfristigen Liquiditätskrediten zur Überbrückung von Warenfinanzierungen am Saisonanfang“ schuldenfrei gewesen. Durch den Lockdown sei dann ein Schaden von rund 120 000 Euro entstanden. „Diesen habe ich mit einem völlig überteuerten Hilfskredit ausgeglichen.“ Die Gebühren und der Zins seien von der Bank bereits für ein Jahr im Voraus eingezogen worden. Rund 25 Prozent und viel Arbeitszeit habe er in die Digitalisierung investiert. So habe er die Umsätze nach dem Lockdown auf Vorjahresniveau halten können, wobei er den Verlust aus den Schließzeiten nicht habe ausgleichen können.

„Im Dezember habe ich viel Geld in eine Kundenbindungsaktion investiert und so endlich wieder ein gutes Umsatzplus erwirtschaften können“, schreibt Christian Hartmann. Mit Stand vom Sonntag, 13. Dezember, habe er 61 Prozent des Dezember-Umsatzes aus dem Vorjahr erreicht. Vergangenen Donnerstag habe er die Werbung für die Sonderangebote ab dem 16. Dezember verschickt. „Als wir die Post versendet haben, war noch die Aussage der Politik: Nach Weihnachten müssen wir wohl in den Lockdown.“ Jetzt hat Hartmann am 16. Dezember nicht einmal mehr geöffnet. „Die rund 3000 Euro für Werbung und Direktmailing hätte ich also einfach auch verbrennen können.“ Für den Dezember – eigentlich hätte „Mode am Markt“ durchgängig geöffnet gehabt, gerade nach den Weihnachtstagen zieht das Geschäft in aller Regel noch einmal an, erklärt Hartmann – rechne er jetzt mit einem Umsatzminus von 30 bis 35 Prozent. Die geforderten 40 Prozent Umsatzrückgang erreicht er nicht. Das könnte auch im ersten Monat des neuen Jahres der Fall sein, wenn die Geschäfte am 11. Januar wieder öffnen. Und doch hätte sein Unternehmen dann fast einen Monat lang wegen des Lockdowns gar nichts eingenommen: „In dieser Zeit gehen uns effektiv rund 100 000 Euro Umsatz verloren.“ Als Gastronom hätte er dafür 75 000 Euro vom Staat bekommen, rechnet Hartmann vor. Und was die Sonderabschreibungen angehe: Dafür müsse eine Firma Gewinne erwirtschaften. „Glauben Sie ernsthaft, dass der deutsche Einzelhandel sich gerade nicht vor Gewinnen retten kann? In welcher Welt leben Sie?“, schreibt der Geschäftsmann in seinem offenen Brief.

Kritik auch vom Oberbürgermeister

Mit seinem Unverständnis für die Regelung ist der Weinstädter offenbar nicht alleine. In einer Stellungnahme zum erneuten Lockdown übt auch Oberbürgermeister Michael Scharmann auf Anfrage unserer Zeitung sachte Kritik: „Für die Selbstständigen und den Einzelhandel ist dies natürlich erst recht schmerzhaft, da die Vorweihnachtszeit traditionell der wichtigste Umsatzmonat ist. Die Hilfen von Bund und Land kommen nach Auskunft von Betroffenen häufig auch nicht in dem Maße an, die notwendig wären – eventuell wäre hier ein Modell wie im Gastronomiebereich besser und zielführender.“

„Wollen Sie uns Einzelhändler eigentlich vera...?“ – in einem offenen Brief hat der Sprecher der Einzelhändler in der Endersbacher Einkaufsstraße, Christian Hartmann, die Politik für ihre Hilfspläne im anstehenden Corona-Lockdown kritisiert. Trotz heftiger Einbußen dürfe er für sein Modegeschäft nach den jetzt beschlossenen Regelungen keine finanzielle Unterstützung geltend machen. Auch Oberbürgermeister Michael Scharmann äußert sich kritisch.

Christian Hartmann hat grundsätzlich

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