Weinstadt

Kita-Streiks in Weinstadt: Wieso zwei junge Erzieher ihren Job trotzdem lieben

Fachschule Beutelsbach
Auszubildender Kareem Cimino (23) und Berufskolleg-Schülerin Leonie Baumann (28) mit ihrer Lehrerin Heike Kraft. © ALEXANDRA PALMIZI

Seit März schon wird in den kommunalen Kindertagesstätten auch in Weinstadt auf Aufruf der Gewerkschaft Verdi immer wieder gestreikt.

Waren anfangs in Weinstadt meistens nur einige der Kitas betroffen, waren jetzt am Donnerstag gleich 14 Einrichtungen und damit ein Großteil der Kindergärten in öffentlicher Hand von einer Komplett-Schließung betroffen. Nun droht Verdi sogar mit unbefristeten Streiks, die schon am Freitag beginnen könnten. Doch wie sieht die Realität der Erzieher wirklich aus?

Verschiedene Ausbildungsmodelle

Ausgebildet werden angehende Erzieher zum Beispiel an der evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik der Großheppacher Schwesternschaft in Beutelsbach.

Die Schule bietet sowohl ein einjähriges Berufskolleg für Sozialpädagogik als Ausbildungsvorbereitung, die klassische fachschulische Erzieherausbildung wie auch die 2012 eingeführte praxisintegrierte Erzieherausbildung und ein integriertes Studienmodell an.

Die ersten zwei Jahre gibt es kein Gehalt

Dabei kann noch während der Ausbildung zum Erzieher ein pädagogisches Studium begonnen werden. Außerdem könne während der Ausbildung auch die Fachhochschulreife erlangt werden, erklärt Pressesprecherin Sibylle Kessel.

Deshalb sei auch die fachschulische Ausbildung weiterhin recht beliebt - auch wenn die Auszubildenden dabei die ersten beiden Jahre überhaupt kein Gehalt bekommen. Auch die enthaltenen Praktika in verschiedenen Einrichtungen werden nicht vergütet - für die Träger der Einrichtungen natürlich ein Kostenvorteil.

Ausbildungsunterstützung von Staat und Arbeitsamt

Das ist das erste Problem, das viele mögliche Berufseinsteiger abschreckt, weiß auch Heike Kraft, Dozentin für Gesundheitserziehung und Ernährungslehre. Dennoch gebe es auch hier Möglichkeiten, sich die Ausbildung zu finanzieren, ergänzt Sybille Kessel: zum Beispiel bei Umschulungen mit Bildungsgutscheinen vom Arbeitsamt oder bafög-ähnlichen staatlichen Unterstützungsmodellen für Schüler.

Wer in der klassischen Ausbildung die ersten zwei Jahre erfolgreich finanziert und alle Prüfungen bestanden hat, darf im letzten Ausbildungsjahr, dem Anerkennungsjahr, die gelernte Theorie tatsächlich auch vollumfänglich während der Arbeit in einer Kita, Schule oder ähnlichen sozialen Einrichtung umsetzten. Dann gibt es das erste Mal auch ein Gehalt. Ungefähr 1600 Euro brutto seien das dann – ein ganzes Stück besser als das Ausbildungsgehalt in der praxisintegrierten Ausbildung. „Das ist so ähnlich wie im Handwerk“, stuft Heike Kraft das Gehalt im Anerkennungsjahr ein.

Er steht montagmorgens gerne auf

„Eine Freundin von mir macht das gerade, sie wohnt schon alleine und muss Miete zahlen - das wird schon ganz schön knapp“, sagt Kareem Cimino. Der 23-Jährige aus Rudersberg ist gerade im ersten Lehrjahr der praxisintegrierten Ausbildung zum Erzieher.

Er bekommt also schon ein Gehalt, muss aber mit weniger als tausend Euro netto im Monat auskommen. Seinen Beruf und die Arbeit in einem Waldkindergarten liebt der angehende Erzieher aber trotzdem. An Sonntagen denke er sich regelmäßig: „Hey, toll, morgen früh aufstehen“, so der 23-Jährige ganz ohne Ironie.

Studium abgebrochen, Erzieher-Ausbildung begonnen

Eigentlich ist er durch Zufall zu diesem Berufswunsch gekommen: Nachdem er sein Studium nach einigen Semestern abgebrochen habe, habe er dringend einen Job gebraucht. Ein Kindergarten suchte dringend Vollzeitkräfte: „Egal wie“, erinnert sich Kareem Cimino. Also fing er dort als Erziehungshelfer an. Und entschied sich schon bald, auch die Ausbildung zum Erzieher zu machen.

Die Arbeit mit Kindern habe ihm einfach schon immer Spaß gemacht: „Ich bin das gewohnt, ich habe einen kleinen Bruder und eine große Familie“, so der Auszubildende.

Berufskolleg nur dank Ersparnissen möglich

Auch Leonie Baumann ist über ihre Familie zum Berufswunsch Erzieherin gekommen. Die 28-Jährige aus Schwaikheim hat davor schon in verschiedenen Branchen gearbeitet: „Aber immer ohne eine anerkannte Ausbildung.“

Ihre Mutter war Erzieherin, sie habe als Kind schon viel von diesem Beruf mitbekommen und als Schülerin auch schon verschiedene Praktika in Kindertagesstätten gemacht. Deshalb nimmt sie jetzt am einjährigen Berufskolleg teil und möchte danach wie Kareem Cimino auch eine praxisintegrierte Ausbildung anhängen. Das jetzige Schuljahr kann sie sich nur leisten, weil sie in ihrem vorigen Job wirklich gut verdient habe, sagt die 28-Jährige. Sie lebt im Moment von ihren Rücklagen.

Wenig Möglichkeiten, aufzusteigen

Ihr gefällt die Arbeit im Kindergarten ebenfalls gut. Aber auch ihr sind die mit dem Beruf verbundenen Minuspunkte sehr bewusst. Nach abgeschlossener Ausbildung erwartet die beiden jungen Erzieher ein Einstiegsgehalt von etwa 2900 Euro brutto bei Vollzeit - wobei es an den Kitas immer noch relativ wenige Vollzeitstellen gebe, gibt Pressesprecherin Sibylle Kessel zu bedenken.

„Ich finde es schwierig, aufzusteigen“, fügt Kareem Cimino hinzu. Erzieher, vielleicht noch Gruppenleiter – und dann? „Ich finde es schade, dass es Kollegen gibt, die seit 30 Jahren arbeiten und trotzdem kaum weitergekommen sind“, so der 23-Jährige. Genau wie Leonie Baumann spielt er deshalb mit dem Gedanken, früher oder später noch ein Studium dranzuhängen – wenn es finanziell möglich ist.

Seit März schon wird in den kommunalen Kindertagesstätten auch in Weinstadt auf Aufruf der Gewerkschaft Verdi immer wieder gestreikt.

Waren anfangs in Weinstadt meistens nur einige der Kitas betroffen, waren jetzt am Donnerstag gleich 14 Einrichtungen und damit ein Großteil der Kindergärten in öffentlicher Hand von einer Komplett-Schließung betroffen. Nun droht Verdi sogar mit unbefristeten Streiks, die schon am Freitag beginnen könnten. Doch wie sieht die Realität der Erzieher

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