Weinstadt

Klimawandel: Weinstadt soll bis 2035 klimaneutral werden

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Natürlich mit dem Fahrrad klappern die Weinstädter Klima-Aktivisten am Samstag die fünf Stadtteile ihrer Heimatstadt ab. © ZVW/Ralph Steinemann

Beim Klimaschutz mit dem Finger immer nur auf andere zu zeigen, die USA, China, Politiker oder Großkonzerne, dafür ist die Lage zu ernst. Dieser Überzeugung sind die Mitglieder im kürzlich gegründeten Klimabündnis Weinstadt. „Jeder Einzelne muss und kann etwas tun. Nur auf andere zu warten, geht nicht“, sagt etwa Claus Hainbuch (64) aus Endersbach. Er und die anderen Aktivisten gehen jetzt in die Offensive. Ihr Ziel: Weinstadt bis 2035 zu einer klimaneutralen Kommune zu machen, die netto keine Treibhausgase mehr abgibt. Der Druck auf die Kommunalpolitik, entsprechende Konzepte zu entwickeln, soll von den Bürgerinnen und Bürgern ausgehen. Damit ist Weinstadt nicht allein: Auch in der Nachbargemeinde Kernen steht das Thema klimaneutrale Kommune auf der Agenda.

Groß angelegte Kampagne für ein „Bürgerbegehren light“

Am Samstag hat deshalb eine groß angelegte Unterschriftenaktion des Klimabündnisses begonnen. Die Mitglieder radelten dafür – mit Genehmigung des Ordnungsamts – in ihren knallgelben Shirts von Stadtteil zu Stadtteil. Außerdem wird plakatiert. Die gesammelten Unterschriften in den kommenden Wochen bilden später die Grundlage für einen sogenannten „Einwohnerantrag“. GOL-Stadtrat und Bündnis-Mitglied Manfred Siglinger (67) beschreibt das als „Bürgerbegehren light“.

Rund 400 Unterschriften sind nötig

Unterzeichnen rund 400 Einwohner (1,5 Prozent der Gesamtpopulation) über 16 Jahre den Antrag – wobei die Klima-Aktivisten weit mehr Stimmen für ihre Sache sammeln wollen, mindestens 2000 –, muss sich der Gemeinderat mit ihrer Forderung beschäftigen. Er hat dann darüber zu entscheiden, ob und wie Weinstadt einen Klimaschutz-Aktionsplan erarbeitet, dessen Ziel die Klimaneutralität bis 2035 ist.

Viele Handlungsfelder direkt vor Ort sehen die rund 50 Aktivisten, die aus allen Stadtteilen stammen. Bei einem Pressetermin am Freitag sprechen fünf Abgesandte unter anderem über Verkehr (mehr Anreize schaffen für den Umstieg aufs Fahrrad!), erneuerbare Energien (wo könnten große Fotovoltaik-Anlagen entstehen?), CO2-neutrales Bauen und Wohnen (welche Sanierungsprogramme sind denkbar?) oder städtebauliche Ansätze (mehr Grün und Wasser in die Stadt!).

Im Kielwasser von „Fridays for Future“

Die fünf Aktivisten beim Pressegespräch sind zwischen 40 und 67 Jahren alt. Sie machen jedoch keinen Hehl daraus, dass das Klima-Bündnis im Kielwasser der „Fridays for Future“-Bewegung entstanden ist. Jürgen Frank, 60 Jahre alt, Webadmin der Gruppe, sagt: „Bei mir hat ,Fridays for Future‘ das Umdenken eingeleitet.“ Seine Generation habe schließlich das meiste CO2 „verbrutzelt“ – jetzt bleibe nicht mehr viel Zeit, die Wende einzuleiten. Seine Motive teilt er mit denen von Familienvater Philip Jähne: „Es ist mir ein großes Anliegen, meinen Kindern einen bestellten Hof zu hinterlassen. Es ist ihre Zukunft, die auf dem Spiel steht“, sagt der 40-Jährige, der seine Einkäufe mit einem Lastenrad erledigt und damit – noch – ein Exot ist.

Mit den Jungen selbst steht das Klima-Bündnis übrigens auch in Kontakt. „Natürlich wollen wir die nachfolgende Generation einbinden“, sagt Miriam Ehret (42) vom Klimabündnis. An jedem Treffen nehme auch mindestens ein Mitglied des Jugendgemeinderats teil.

Schorndorf ist für die Initiative aus Weinstadt das Vorbild

Wie es jetzt konkret weitergeht? Zum Vorbild haben sich die Weinstädter Klimaschützer aus Schorndorf genommen. Die Daimlerstädter haben ihre Stadträte bereits per Einwohnerantrag zu einem „Klimaentscheid“ motiviert. Dort wird jetzt eine neue Stabsstelle „Klimaschutz und Mobilität“ eingerichtet, ein „integratives Klimaschutzkonzept“ erarbeitet und ein „Maßnahmenpaket“ geschnürt. Zwar wurden die Ziele der Schorndorfer Gruppe im Vorfeld als überzogen und unrealistisch abgetan. Gegen den entsprechenden Antrag stimmte im Gemeinderat aber letztlich nur die AfD-Fraktion.

Das Ziel der Weinstädter ist es, jetzt die Menschen in Weinstadt für ihre Sache zu begeistern und den Einwohnerantrag noch in diesem Sommer im Gemeinderat einzureichen. Ein „Klimaschutz-Aktionsplan“ soll die Verwaltung dann in Zusammenarbeit mit externen Experten und der Bevölkerung bis zum Herbst 2022 erarbeiten.

Es tut sich bereits einiges – zum Beispiel beim Bio-Weinbau

Auf die breite Unterstützung nicht nur der Gemeinderatsfraktionen, mit denen das Klima-Bündnis ab sofort verstärkt den Austausch suchen will, sondern der ganzen Weinstädter Bevölkerung hoffen Manfred Siglinger und Co. – es seien schließlich eindeutige Trends für mehr ökologisches Bewusstsein erkennbar. Im Weinberg zum Beispiel: „In Großheppach haben wir mittlerweile fast 45 Prozent Bio-Weinbaufläche“, sagt der Stadtrat.

Auch von Seiten der Stadtverwaltung und der Stadtwerke tue sich einiges – aber eben noch nicht schnell genug, um die Klimaziele zu erreichen, die sich Deutschland, Europa und der Rest der Welt auferlegt haben: die menschengemachte Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Klimaschützer streben Kooperationen mit der Stadtverwaltung an

Beim Pressegespräch betonen die Klimaschützer, mit ihrem Anliegen nicht „auf Konfrontation“ gehen zu wollen, sondern die Kooperation anzustreben mit allen Beteiligten, von Bürgerschaft bis Verwaltung. Nicht Probleme suchen, sondern Lösungen – das wünscht sich Miriam Ehret, angesprochen auf absehbare Konflikte, zum Beispiel mit Autofahrern, denen zugunsten der Radler öffentlicher Raum streitig gemacht wird. Oder mit Skeptikern, die hohe Ausgaben für den Klimaschutz fürchten.

Claus Hainbuch sagt: „Wir müssen jetzt Geld in die Hand nehmen.“ Viel teurer werde es sonst irgendwann, die Folgen der Klimakatastrophe zu beheben.

Beim Klimaschutz mit dem Finger immer nur auf andere zu zeigen, die USA, China, Politiker oder Großkonzerne, dafür ist die Lage zu ernst. Dieser Überzeugung sind die Mitglieder im kürzlich gegründeten Klimabündnis Weinstadt. „Jeder Einzelne muss und kann etwas tun. Nur auf andere zu warten, geht nicht“, sagt etwa Claus Hainbuch (64) aus Endersbach. Er und die anderen Aktivisten gehen jetzt in die Offensive. Ihr Ziel: Weinstadt bis 2035 zu einer klimaneutralen Kommune zu machen, die netto

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