Weinstadt

Kreis greift beim Motorradlärm durch

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Motorrad-, aber auch Autofahrer können einiges für die Sicherheit der Biker tun. Foto: Habermann © Habermann/ZVW
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Der Kreis empfiehlt den Kommunen, solche Displays anzuschaffen.

Weinstadt/Waiblingen. Noch machen sich Motorräder rar auf den Straßen. Doch viele Anwohner von beliebten Motorradstrecken fürchten bereits die ersten warmen Wochenenden, an denen die Biker ausschwärmen. Der Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages hat ein Konzept gegen unnötigen Verkehrslärm beschlossen. Es handelt sich um eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche.

„Wir wollen niemanden gängeln ...“, sagte Landrat Richard Sigel im Umwelt- und Verkehrsausschuss über das Konzept gegen unnötigen Verkehrslärm. Das Aber schwang in dieser Aussage bereits mit. Es handelt sich nicht um das erste Konzept, das der Landkreis gegen den Lärm aus Auspuffrohren erstellt hat, erinnerte Sigel an die Pläne von 2008. „Prävention und Repression“ war seinerzeit die Strategie, mit der Polizei und Landratsamt gegen Rowdys, Raser und Heuler auf zwei Rädern vorgehen wollten. Dazu zählte der Einsatz von Videomotorrädern der Polizei ebenso wie Lärmmessstellen mit „Smileys“ an neuralgischen Punkten oder die Plakataktion „Raser verlieren“.

Eine Umfrage des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2016 hat ergeben, dass sich gut drei Viertel der Menschen, die in der Nähe von Straßen leben, durch den Verkehrslärm gestört oder belästigt fühlen. Das Umweltbundesamt stellte ferner fest, dass der durch Autos und Motorräder verursachte Lärm jedoch oftmals im erlaubten Bereich liegt, hieß es in der Vorlage für die Kreisräte. Sanktionen gegen die Krachmacher sind deshalb schwierig, weil der „grundsätzlich zulässige Geräuschpegel von Kraftfahrzeugen gemäß der europäischen Richtlinie bei bis zu 91 Dezibel liegt“. Zudem könnten viele Verstöße nicht geahndet werden, weil die Biker aufgrund der Helmpflicht nicht zu identifizieren seien.

Lärmaktionspläne in den Städten und Gemeinden

Eine Umfrage bei Städten und Landkreisen hat ergeben, dass viele vor demselben Problem stehen wie der Rems-Murr-Kreis und es bisher keinen Masterplan gibt, um hier einen Ausgleich zwischen legalem Fahrvergnügen und Gesundheitsbelastung zu schaffen. Deshalb ist dem Landratsamt eigenen Angaben zufolge eine enge Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden umso wichtiger – mit dem Ziel, gemeinsam ein Zeichen gegen unnötigen Verkehrslärm zu setzen. So haben die Kommunen zum Beispiel die Möglichkeit, Lärmaktionspläne aufzustellen, um innerörtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen zur Nachtzeit zu erreichen.

Die neue Konzeption der Kreisverwaltung knüpft an die Kampagne von vor zehn Jahren an. Auf Antrag der Gruppe Linke/ÖPD und der SPD-Fraktion stellte das Landratsamt das Konzept im Umwelt- und Verkehrsausschuss vor. Verkehrs- und Motorradlärm ist nach wie vor ein heißes Thema im Rems-Murr-Kreis, vor allem entlang der beliebten Motorradstrecken wie Weinstadt-Schnait, Kernen-Stetten oder auf dem kurvenreichen Welzheimer Wald.

Verkehrsteilnehmer sensibilisieren

Ziel der Maßnahmen, die die Leiterin des Amtes für Recht und Ordnung, Anna Katharina Maier, im Ausschuss vorstellt, ist es vor allem, die Verkehrsteilnehmer zu sensibilisieren. Zu den konkreten Projekten gehören verstärkte Kontrollen des kreiseigenen Messtrupps mit der Polizei während der Motorradsaison. Aber auch das Aufstellen eines Lärm-Displays am Straßenrand ist geplant, ebenso wie die Aktion „Gelbe Karte“ in Form eines Schreibens an auffällige Fahrer. Unter dem Titel „Lärm macht krank“ ist zudem eine Medienkampagne angedacht.

Mit Tempolimits ist dem Lärm in aller Regel nicht beizukommen. Voraussetzung für Geschwindigkeitsbegrenzungen wäre ein Lärmpegel, der im Jahresmittelwert errechnet wird. Motorradlärm tritt jedoch nur saisonal auf. Da keine durchgängig hohe Lärmbelastung gegeben ist, könne ein dauerhaftes Tempolimit rechtlich nicht durchgesetzt werden. Zudem sei nicht die zu hohe Geschwindigkeit der Motorräder für den Lärm ursächlich, sondern das Fahren mit hohen Drehzahlen.

Keine Sitzbänke in der „Applauskurve“ an der B 14

Um eine Lärmreduzierung zu erreichen, sollen probeweise vorhandene Sitzbänke an Treff- und Sammelpunkten für Motorradfahrer entfernt werden. Ein Beispiel hierfür ist der Rastplatz an der B 14 zwischen Sulzbach und Großerlach, der sogenannten Applauskurve. Hier hat man beobachtet, dass Motorradfahrer sich an dieser Stelle gegenseitig ihre Fahrkünste vorführen. Zwischen der Fischbachbrücke in Sulzbach an der Murr und Großerlach hat der Rems-Murr-Kreis im Herbst den Fahrbahnbelag der B 14 übrigens mit Bundesmitteln aufwendig saniert.

Um trotz neuen Belags den Streckenabschnitt für Raser nicht noch attraktiver werden zu lassen, wurde von den Verkehrsbehörden des Landkreises, des Regierungspräsidiums und dem Polizeipräsidium Aalen entschieden, im Bereich des Unfallschwerpunkts Blockhauskurve Rüttelstreifen und eine Geschwindigkeitsreduzierung anzuordnen. Der Erfolg dieser Maßnahmen soll am Ende des Jahres beurteilt werden. Das Landratsamt läuft bei den Rüttelstreifen auf einem schmalen Grat, weiß Straßenbauamtsleiter Stefan Hein. Ausdrücklich werden Biker nicht vor den Rüttelstreifen gewarnt, um möglichen Regressforderungen aus dem Weg zu gehen. Stattdessen wird das Tempo auf 40 beziehungsweise 60 reduziert.


Der Maßnahmenkatalog

Der Rems-Murr-Kreis will den Verkehrslärm verringern. Folgende Maßnahmen sind geplant: Ausweitung der gemeinsamen Kontrollen mit der Polizei während der Motorradsaison. Hierbei werden Lärmverursacher angehalten und wird das Kraftfahrzeug auf bauliche Veränderungen überprüft.

Zur Sensibilisierung der Bevölkerung wird eine Kampagne „Lärm macht krank“ gestartet.

Lärm-Display: Die Kreisverwaltung prüft derzeit, ob ein sogenanntes Lärmdisplay mit Blitzfunktion angeschafft und wo es eingesetzt werden kann, so dass die Anzahl der Lärmkontrollen ohne zusätzlichen Personalaufwand erhöht wird.

Verstöße gegen das Verbot der unnötigen Lärmverursachung, wie die Bezeichnung im Gesetz lautet, sollen verstärkt geahndet werden. Die Meldungen bilden die Grundlage für ordnungsrechtliche Maßnahmen, wie zum Beispiel „Gelbe Karten“ für Halter der Fahrzeuge, die durch übermäßige Geräuschemissionen aufgefallen sind. „Darin wird auch darauf hingewiesen, dass im Falle erneuter Auffälligkeit gegebenenfalls die Geeignetheit zum Führen von Kraftfahrzeugen durch die Fahrerlaubnisbehörde überprüft wird.“

Tempolimits wegen Verkehrslärm sind nicht so ohne weiteres möglich, weil der Motorradlärm nur saisonal auftritt. „An den im Landkreis Rems-Murr bekannten Problemstrecken ist nach den derzeit vorliegenden Erkenntnissen keine durchgängig hohe Lärmbelastung gegeben, die eine dauerhafte Geschwindigkeitsbeschränkung rechtfertigen würde.“

Bei der sogenannten „Applauskurve“ am Rastplatz an der B 14 zwischen Sulzbach und Großerlach, sollen die vorhandenen Sitzbänke probeweise entfernt werden.


Weniger Lärm dank warnenden Displays

Ein in Weinstadt-Schnait seit 2014 aufgestelltes Lärm-Display hat sich bewährt. Der Lärmpegel an der beliebten Motorradstrecke hinauf zum Schurwald ist um 1,1 bis 2,2 Dezibel gefallen. Vor allem besonders lautstarke Biker gingen vom Gas. Das ergab eine Auswertung des baden-württembergischen Verkehrsministeriums. Der Landkreis will nun für 15 000 Euro ein eigenes Lärmdisplay anschaffen und es an wechselnden Orten einsetzen. Der Blitzer kostet extra. Der Kreis empfiehlt den Kommunen, sich ebenfalls solche Displays anzuschaffen. Foto: Bayerisches Polizeiverwaltungsamt