Weinstadt

"Kultur-Drive-in" in Weinstadt: Applaus im Auto - geht das gut?

Kultur-Drive-In
Die Komiker „Helge und das Udo“ haben ihren Auftritt vor dem Weinstädter Auto-Publikum genossen. © Alexandra Palmizi

Ein Empfang mit Industriecharme wartet auf die Fahrer, die zum neuen Drive-in-Kulturerlebnis auf das Weinstädter Birkel-Areal rollen. Sie kommen aus dem Remstal und auch von weiter weg. Dreimal fast ausverkauft ist die Premiere des „Kultur-Drive-in“ an diesem Wochenende. Freiwillige Helfer in gelben Warnwesten weisen den Weg hinter die Container zu den „Sitzplätzen“, jeder bekommt einen Parkplatz zugewiesen, mit freiem Blick zur Bühne. Dort stehen die Comedians Helge Thun und Udo Zepezauer bereit, vor dem Autopulk aufzutreten. Kann das gelingen?

Das Publikum hat virengeschützt hinter den Windschutzscheiben heimelige Wohnzimmer-Atmosphäre und Live-Gefühl. Der Ton wird über die Ukw-Frequenz 99,9 ins Innere ihrer „Kapseln“ übertragen. Zu späterer Stunde geben die Fahrzeuge alles, was sie an Applaus-Hilfsmitteln auffahren können, für ein auf den Abend zugeschnittenes Auto-Medley, in dem bekannte Schlager und Melodien dann doch etwas ungewohnt klingen: Zu „Da-da-da-Daihatsu“ und „Drüben im Volvo muss die Sicherheit wohl grenzenlos sein“ lichthupt und blinkt es zuhauf, „in einem wundervollen Licht mit farbig illuminierten Containern“, wie Jochen Beglau es formuliert. Der Leiter des Amts für Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Stadtmarketing im Rathaus berichtet von Besuchern aus Leonberg, Heidelberg und Gmünd bei den Spätvorstellungen am Wochenende, von einem „total ausgelassenen Publikum, lautem Klatschen und Johlen“.

Drei junge Damen lachen so herzhaft, dass das Auto wackelt

Als „Helge und das Udo“ am Freitagabend starten, ist es noch hell und die Lichthupen zucken nur spärlich auf. Die meisten Fensterscheiben sind geöffnet, so dass echtes Lachen herausdringt in die warme Abendluft. Das Setting im Industriegebiet mit der emporragenden Produktionshalle passt wie der Bun (die Brötchenhälfte) auf das Patty im Burger, den sie besingen und berappen. Sehr zur Freude der drei jungen Damen, die so herzhaft lachen müssen, dass ihr Kleinwagen zu wackeln beginnt. Vielleicht gelten das Gejohle und Klatschen auch dem demonstrativen „In-den-Schritt-Fassen“.

„Des isch für die Street-Credibility“, weiß Udo. Also wegen der Glaubwürdigkeit. Er hat sich schlau gemacht übers Rappen. „Respekt“ würde gewiss mancher Hip-Hopper sagen zu ihrem coolen „Check the Mic“-Soundcheck. Im Sprechgesangs-Kauderwelsch irgendwas vom Klopper und Wopper kalauernd, machen sich die zwei betagten Rapper über die Drive-in-Essenskultur her - das „große M“, das sie von der Bühne aus im Blick haben, beziehen sie gekonnt mit ein. Helge setzt der verulkten, bisweilen betont stolpernden Rapperei die Krone auf: Mit einer hervorgekramten charakteristischen Pappkrone eines Fast-Food-Restaurants auf dem Kopf haut er ein sprechsingendes „King Burger is in the House“ raus, der Applaus schlägt ihnen aus heruntergelassenen Autoscheiben entgegen.

„Danke für das schöne Geräusch“, bedanken sie sich für die wichtige Rückmeldung des Publikums. Interaktion funktioniert auch in Zeiten kollektiver Hinter-Glas-Lacherei. Dreimal eine Dreiviertelstunde dürfen sie ran - und es ist imposant, wie viele rasante „Rhymes“, Limericks, Gesangsmedleys und gestenreiche Wortspiele und Wortverdrehungen sie in der Zeit unterkriegen.

Die Gartenschau-Helfer brennen darauf, wieder mitzuhelfen

Der Kulturhunger treibt die Fahrzeuge her. Kulturschaffende ihrerseits dürsten nach Auftrittsmöglichkeiten. „Win-win“, sagt Oberbürgermeister Michael Scharmann zu dem Angebot der Stadt, Bürgern und Gästen auch in Corona-Zeiten wieder ein Kulturprogramm anzubieten. „Helge und das Udo“ haben eine Veranstaltungsreihe mit elf Terminen eingeleitet. Bis zum 13. Juni treten 14 Künstler aus verschiedenen Musikrichtungen, Kabarett und Comedy auf, viele kommen aus Weinstadt und der Region. Auch auf Eltern mit Kindern wurde das Programm (zu finden im Internet: www.weinstadt.de) zugeschnitten. Pro Veranstaltung seien drei Mitarbeiter des Kulturamts und zwei Security-Helfer vor Ort. Großes Lob und viel Dankeschön verteilen Scharmann und Beglau an die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die vergangenes Jahr bei der Remstal-Gartenschau im Einsatz waren. „Sie brennen darauf, hier mitzuhelfen“, so Jochen Beglau.

Frei nach Heinz Erhardt: Alles mit „Z“

Ebenso begierig auf die Flucht aus dem Alltag sind die Zuschauer, die im Auto mit den Fingern auf dem Lenkrad im Takt mitwippen beim Helene-Fischer-Verschnitt „Kabellos durch die Nacht“ und kopfnickend mitgrooven zu „Killing my Software“ zur Melodie von „Killing me softly“. In breitem Schwäbisch erzählen Helge und Udo vom Koi-Verkäufer, der gar „koin Koi“ verkauft. Das Publikum, so scheint es, stellt auf Normalbetrieb um, herzhaft lachend und umgeben von Mitlachern lassen sich die Entbehrungen der wochenlangen Isolation ausblenden.

Ausgelassen applaudierend feiern sie den Zahnarztsketch: Frei nach Heinz Erhardts Kabinettstückchen „Alles mit G“ halten die Comedians mehrere Minuten lang einen Dialog aufrecht, der ausschließlich aus Z-Worten besteht: „Zustand ziemliche Zumutung, zahlreiche Zersetzungserscheinungen, Zangenzubehör zwingend“ diagnostiziert der Arzt. „Zitter-zitter, zappel-zappel“ stammelt der angstschweißgebadete Patient. Zweifelsohne: zum Zujubeln!

Ein Empfang mit Industriecharme wartet auf die Fahrer, die zum neuen Drive-in-Kulturerlebnis auf das Weinstädter Birkel-Areal rollen. Sie kommen aus dem Remstal und auch von weiter weg. Dreimal fast ausverkauft ist die Premiere des „Kultur-Drive-in“ an diesem Wochenende. Freiwillige Helfer in gelben Warnwesten weisen den Weg hinter die Container zu den „Sitzplätzen“, jeder bekommt einen Parkplatz zugewiesen, mit freiem Blick zur Bühne. Dort stehen die Comedians Helge Thun und Udo Zepezauer

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