Weinstadt

"Leaders der demokratischen Verantwortung": Warum sich Landräte, US-Militärs und Kirchenmänner 1945 im "Ochsen" in Schnait trafen

Ochsen Weinstadt Schnait
Gasthof "Zum Ochsen" in Schnait, circa im Jahr 1960. © Stadtarchiv Weinstadt

Vor 75 Jahren, am 21. November 1945, wurde in Schnait baden-württembergische Parlamentsgeschichte geschrieben. An diesem Tag kamen auf Einladung der US-amerikanischen Militärregierung im Gasthaus „Ochsen“ 120 Vertreter der nordwürttembergischen und nordbadischen Landkreise zusammen, um miteinander Lösungen für die damals drängendsten, existenziellen Probleme zu finden: die Wiederherstellung der Infrastruktur, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Energie und Arbeit, die Unterbringung der Flüchtlinge und Vertriebenen, die Auszahlung von Renten und Pensionen. Erst ein halbes Jahr zuvor war der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Kapitulation Nazi-Deutschlands zu Ende gegangen.

Eigentlich hätte der historischen Konferenz in Schnait im November 1945 nun mit einer Feierstunde im Silchermuseum gedacht werden sollen. Aber da besondere Zeiten wie die jetzige Corona-Pandemie auch außergewöhnliche Maßnahmen erforderten, sei man auf die digitale Veranstaltungsform ausgewichen und habe stattdessen zu einer Internetkonferenz mit dem Historiker Jörg Brehmer eingeladen, so der Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann (FDP), seines Zeichens auch Vorsitzender des Verwaltungsrates der FDP-nahen Reinhold-Maier-Stiftung.

OB Scharmann zieht Parallelen zur Corona-Krise

Bei dem virtuellen Austausch über die Plattform Zoom am Samstag war auch der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann dabei. Er stellte die Schnaiter Landrätekonferenz vor 75 Jahren als „die Stunde der kommunalen Selbstverwaltung“ dar. Sie habe den Grundstein für die drei Säulen des deutschen Föderalismus mitgelegt, für ein „sogenanntes lernendes System“, das gerade auch in diesen Zeiten der Corona-Pandemie seine Stärke unter Beweis stelle und seinen Teil dazu beitrage, dass Deutschland diese Krise bisher so gut gemeistert habe.

Der Historiker Jörg Brehmer stellte die Schnaiter Landrätekonferenz und deren Bedeutung vor: Mit ihrem Einmarsch in Deutschland 1945 und dem Untergang des „Dritten Reichs“ übernahmen die Armeen der Siegermächte auch die unmittelbare Regierungsgewalt in Deutschland. In ihrer Besatzungszone in Nordwürttemberg und Nordbaden entließen die Militärbehörden der USA zunächst einmal so gut wie alle Landräte und Bürgermeister und ersetzten sie durch politisch unbelastete Männer, die aber oftmals über keine Verwaltungserfahrung verfügten.

Reinhold Maier (DDP, ab 1945 DVP, später FDP/DVP), von 1930 bis 1933 württembergischer Wirtschaftsminister und nach dem Krieg Ministerpräsident von Württemberg-Baden und schließlich Baden-Württemberg, war damals als ehrenamtlicher Helfer im Landratsamt Schwäbisch Gmünd tätig. Er beschrieb die Situation zur „Stunde Null“ folgendermaßen: „Die Reichsregierung in Berlin war weggefallen. Auch eine Landesregierung in Stuttgart bestand nicht mehr. An ihre Stelle traten die Besatzungsmächte. So fing der Staat beim Landrat an. Ihm war alles unterstellt, was es im Kreis an staatlichen und öffentlichen Funktionen gab.“ Die Landräte waren für Landes- wie Reichsbehörden verantwortlich, für Finanz-, Arbeits- und Forstämter ebenso wie für Eisenbahn und Post.

Angesichts dieser Vielfalt an Aufgaben und Verantwortung lud der damalige Backnanger Landrat Albert Rienhardt bereits am 20. Juni 1945 die Landräte der 15 nordwürttembergischen US-besetzten Landkreise zu einem fünfstündigen Austausch nach Murrhardt in den Gasthof Sonne-Post ein. Der Wirtschaftsfachmann Reinhold Maier und der altgediente SPD-Parlamentarier Wilhelm Keil nahmen als ehrenamtliche Berater an der Konferenz teil. Dieser ersten Landratskonferenz folgten weitere in Schwäbisch Gmünd, Ludwigsburg, Bad Boll und dann eben auch Schnait.

Ein US-Hauptmann findet: So demokratisch wie in Connecticut

Sie alle standen unter der Aufsicht von Vertretern der US-Militärregierung. Das Besondere an der Schnaiter Konferenz vom 21. November war, dass auf Drängen der US-Behörden an ihr nicht nur die gesamte Regierung unter Reinhold Maier des von ihnen am 19. September 1945 gegründeten Landes Württemberg-Baden teilnahm, sondern auch Vertreter der Evangelischen und Katholischen Kirchen, der Industrie- und Handelskammern, der Landwirtschaft und der Gewerkschaften, und zwar sowohl aus Nordwürttemberg wie auch aus Nordbaden.

Auf den Tagungen in Bad Boll und Schnait sei es, so der US-Hauptmann Alfred Mitchell Bingham, so demokratisch zugegangen, wie in seiner Heimat Connecticut. Laut dem Direktor der Militärverwaltung, Oberst William Dawson, habe es sich bei den Teilnehmern um die „Leaders der demokratischen Verantwortung“ gehandelt.

Wilhelm Keil, der als Präsident die Schnaiter Versammlung leitete, kündigte an, dass in Zukunft auch Vertreter der sich gerade neu zusammenfindenden politischen Parteien eingeladen würden. Diese Ankündigung erfüllte sich dann mit der „Vorläufigen Volksvertretung“, deren von der Militärregierung ernannte Mitglieder am 16. Januar 1946 im Großen Haus des Württembergischen Staatstheaters in Stuttgart zur ersten von insgesamt neun Sitzung zusammentraten.

Vor 75 Jahren, am 21. November 1945, wurde in Schnait baden-württembergische Parlamentsgeschichte geschrieben. An diesem Tag kamen auf Einladung der US-amerikanischen Militärregierung im Gasthaus „Ochsen“ 120 Vertreter der nordwürttembergischen und nordbadischen Landkreise zusammen, um miteinander Lösungen für die damals drängendsten, existenziellen Probleme zu finden: die Wiederherstellung der Infrastruktur, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Energie und Arbeit, die Unterbringung

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