Weinstadt

Lyriker lassen sich im Weinberg inspirieren

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Sie legte im Herbst 2015 los: Lyrikerin Anna Breitenbach hat in Vorbereitung auf die Landesliteraturtage beim Weingut Idler in Strümpfelbach mitgearbeitet. © Ramona Adolf
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Literaturtage Walle Sayer © ZVW
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Nach der Lese kommt die Lesung: Lyriker José F. A. Oliver im Weingut Kuhnle. © ZVW
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Literaturtage Jose Oliver © ZVW
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Literaturtage Susanne Stephan © ZVW

Weinstadt. Wie wird der Wein zum Wein? Das haben vier Lyriker bei Weinstädter Wengertern herauszufinden versucht – und intensiv in den Weinbergen mitgearbeitet. Alles im Dienst der Landesliteraturtage, die am 23. September in Weinstadt starten. Wie es ihnen dabei ergangen ist, berichten Susanne Stephan, Walle Sayer, Anna Breitenbach und José F.A. Oliver unserer Zeitung.

Video: Die Gedichte, vorgetragen von Redakteur Bernd Klopfer

Sie haben im Wengert bei einem Weinstädter Weingut mitgearbeitet. Wann war das genau? Wie viele Stunden haben Sie investiert – und was haben Sie gemacht?

Anna Breitenbach: Ich wurde dem Weingut Idler in Strümpfelbach „zugeteilt“, die Dichterin im Weinberg zu sein. Im Herbst 2015 ging’s los, ich wurde eingeladen zu den Weinernten, bekam Rebschere und Eimer und Anleitung. Hatte aber in Italien auch schon bei Weinernten mitgemacht, also etwas Erfahrung. Und die Spätlese! Früh morgens um 8, wie der Name schon sagt! Wir haben immer im Duo geschnitten, also gegenüber abgezwickt, die Rebe zwischen Marcel (Sohn Idler) oder Robert (Vater Idler) und mir. Und dabei geredet, kommentiert, ausgetauscht über Wein und Poesie, übers Winzern und Schreiben, über ihre Trauben und meine. Nach den Weinernten kamen dann im Winter 2015 Rebschnitt, „Ausbrecharbeiten“, im nächsten Jahr Festbinden von Trieben. Ich war so oft dabei, wie wir uns verabredet haben, und es passte in die Weinarbeit und meine.

José F. A. Oliver: Ein poetisches Projekt kennt keine Uhren. Allerdings galt meine Schreibzeit eher dem Wein- und weniger dem Schweißtropfen.

Susanne Stephan: Ich war zweimal bei der Lese im Oktober, zweimal im Frühjahr beim Schnitt beziehungsweise bei der weiteren Pflege, zwischendurch auch mal im Keller. In nächster Zeit möchte ich noch einmal hinfahren, um auch die letzte Etappe vor der Lese mitzubekommen. Ich habe unter der Anleitung von Herrn Gold die Arbeiten gemacht, die gerade anstanden – und hoffentlich nützlich mitgeholfen.

Walle Sayer: Angefangen haben wir azyklisch, im September letzten Jahres, mit der Ernte. Ich war dabei beim Einbringen des Spätburgunders. Hab Rieslingtrauben ausgeschnitten. Ein paar Monate später ging es ans Ausschneiden der Triebe. Einmal ans Hochbinden der Ranken. Einen Tag habe ich im Weinkeller verbracht. Herr Ellwanger senior hat mir die Aromenkunde nähergebracht. Ich hab’ ein wenig mitkreieren dürfen beim Komponieren eines Rieslings. Und auch von der Vermarktung hab’ ich etwas mitbekommen, als über 20 Weingüter in der Fellbacher Zehntscheuer ihre Weine anboten zur Verköstigung. Vorsorglich bin ich dabei jedes Mal mit der Bahn gefahren: Das Weintrinken, das Probieren, Verkosten hat bei all diesen Anlässen dazugehört. Wie ein Wein gemacht wird, ist Handwerk und Mysterium in einem; Winzersein ist eine Lebensform.

Aufbauend auf Ihre praktische Arbeit im Wengert haben Sie Gedichte verfasst. Inwiefern hat Ihnen dabei die Arbeit im Wengert geholfen?

Anna Breitenbach: Interessanterweise hat die Fachsprache der Winzer so viele für mich fruchtbare Wörter gehabt, dass das Weindichten recht leicht, also flüssig ging – solche Wörter wie: Süßfäule, Ersatztriebe, Trockenstress. Also eine Fachsprache mit poetischen Potenzen, gut umsetzbar in mein Anbaugebiet! Also sind bald die ersten und weitere Weingedichte entstanden, auch kleine Weinzeiler, sprich Winzlinge!

Walle Sayer: Nicht nur das konkrete Tun hat mich inspiriert, zu Zeilen angeregt, zu einem Gedicht hingeführt, das ganze Drumherum, die Gespräche, Aufgeschnapptes, Details, Feinheiten, Aromen, Klänge. Beim Wein und beim Gedicht lässt sich dieselbe Formel anwenden: Weniger Ertrag ergibt eine höhere Qualität. In einem Schluck oder in einer einzigen Zeile kann ein volles Jahr enthalten sein.

José F. A. Oliver: Ich habe nichts über das beeindruckende Schaffen im Weingarten notiert, sondern Texte über jene Kostbarkeiten entworfen, die in den Gläsern münden. Worte der Gaumenfreude bitten zu Tisch.

Susanne Stephan: Die praktische Arbeit im Freien, mit den eigenen Händen, mit Blick über die Weinberge, hat mich auf jeden Fall inspiriert. Wie Rilke sagt: „Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle, es sind Erfahrungen.“ Der unvermittelte Eindruck hilft gegen das bloße Poetisieren und das Klischee.

Was macht Ihnen am Dichten am meisten Freude?

Anna Breitenbach: Das ist ja ne Frage! Das Dichten & Schreiben ist meine Passion, Begabung und Profession. Sagen wir es am besten mit einem Gedicht:

Eigener Betrieb

Das Gedicht macht

was es sagt,

das Gedicht macht

was es kann,

weil es in einem

Werkstatt & Meister

ist.

José F. A. Oliver: Wenn ich an einem Gedicht arbeite, bin ich im Wengert der Sprache.

Walle Sayer: Beim Gedichteschreiben ist man ewiger Anfänger, sitzt immer wieder zum ersten Mal vorm weißen Blatt bei jedem Gedicht. Man sucht dabei den Schnittpunkt zwischen dem Ich und der Welt. Und das Schönste oder Eigentlichste daran ist, wenn man sich selbst überrascht, wenn da am Ende etwas auf dem Papier steht, in den Zeilen und zwischen den Zeilen, das mehr weiß als ich selbst, mehr gesehen hat, als ich selber sah.

Susanne Stephan: Was mir am meisten Freude macht: Wenn ich beim Schreiben zu etwas hingeführt werde, das ich selbst vorher nicht gesehen habe. Wenn etwas „zum Vorschein kommt“: also etwas sichtbar wird, das verborgen war – aber auch im Sinne von Ernst Bloch ein „Vorschein“ ist von einem anderen Sein in der Welt, und sei es nur für den Moment eines Gedichts.

Was gefällt Ihnen am Konzept der Landesliteraturtage in Weinstadt besonders gut?

Anna Breitenbach: Dass so viele Autoren, Dichter, Schauspieler, also Künstler aus verschiedenen Richtungen hier zusammenkommen, um „Wort, Wein und Gesang“ genussvoll zu verbinden.

José F. A. Oliver: Dass Peter Reifsteck Teile der Lebensart einer Region aufgegriffen hat, ist großartig: die Kultur des Weinbaus und die Tradition des Chorgesanges – Prädikat: wertvoll.

Susanne Stephan: Mir gefällt, dass die Literaturtage an Lokales anknüpfen, aber nicht nur einfach „irgendwas mit Wein und Silcher“ machen – sondern mit den Projekten „Dichter im Weinberg“ und „Lyrik & Chor“ etwas wirklich Originelles versuchen, das sicher auch Zuhörer anziehen wird. Die Resonanz auf meine Lesung im Weingut Gold fand ich bereits beachtlich.

Walle Sayer: Das Besondere an diesen Literaturtagen sind die Verbindungslinien zwischen der Literatur und der Gegend mit ihren Gegebenheiten, Besonderheiten, ihrer Geschichte. Das spezifisch Eigene in der Konzeption: dass sie in dieser Art nur so und hier stattfinden können.

Viel Programm

Mehr als 60 Veranstaltungen, rund 50 Autoren, zahlreiche weitere Künstler: Bei den 33. Landesliteraturtagen wird in Weinstadt vom 23. September bis zum 23. Oktober viel geboten. Das Motto lautet: „Wort, Wein, Gesang“. Das gesamte Programm ist unter www.literaturtage-weinstadt2016.de zu finden.

Im Vorfeld der Landesliteraturtage arbeiteten vier Lyriker bei Weinstädter Wengertern mit. Walle Sayer war beim Weingut Bernhard Ellwanger in Großheppach im Einsatz, Susanne Stephan beim Weingut Gold in Gundelsbach, Anna Breitenbach beim Weingut Idler in Strümpfelbach und José F.A. Oliver beim Strümpfelbacher Weingut Kuhnle. Danach entstanden Weingedichte, die auch auf den Etiketten der Weinsonderedition der Weingüter abgedruckt sein werden.

Wer die vier Dichter erleben will, sollte am Freitag, 23. September, zur Eröffnung der Literaturtage in der Endersbacher Jahnhalle kommen. Beginn ist um 19 Uhr. Die Zuhörer erwartet eine literarisch-musikalisch-vinologische Revue. Die Musik steuert Michael Kiedaisch bei, die Moderation übernimmt Markus Beschorner vom SWR.