Weinstadt

Mehr Akzeptanz fürs Stillen: In Weinstadt gibt es "stillfreundliche Orte"

Stillfreundliche Orte
„Stillen in allen Bereichen“ kennzeichnet dieser Aufkleber, der an der Tür der Stadtverwaltung (Amt für Familie, Bildung und Soziales) klebt. © ZVW/Gabriel Habermann

Als stillende Person in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein, ist nicht immer einfach, weiß Hebamme und Stillberaterin Elke Rölle, die lange Zeit in Weinstadt gearbeitet und gelebt hat. Nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch durch ihren Beruf ist sie nah dran an den Themen, die frischgebackene Mütter beschäftigen. Ganz vorne mit dabei: das Stillen.

„Viele erleben das Stillen als sehr aufwendig“, berichtet sie. Aus diesem Grund hat sie bereits 2020 gemeinsam mit der Stadt und dem Familienzentrum ein Projekt umgesetzt, das Müttern erleichtern soll, stillfreundliche Orte zu finden, wenn sie in der Stadt unterwegs sind: Grün-weiße Aufkleber kennzeichnen seitdem die Orte, an denen Mütter ihre Kinder in Ruhe und ohne Hektik ernähren können.

19 Geschäfte, Cafés und Einrichtungen sind im Flyer „Stillfreundliche Orte in Weinstadt“ aufgelistet, der auf der Internetseite der Stadt unter dem Reiter „Soziales und Familie“ zu finden ist. Wie hat sich das Projekt in den Corona-Jahren entwickelt? Wie wurde es angenommen?

Corona hat den Anfang des Projektes erschwert

Geschlossene Geschäfte und Cafés sowie die Arbeit aus dem Home Office haben dem Projekt einen Dämpfer versetzt. Zwar klebt der kleine grüne Sticker an den Türen vieler Läden, doch die waren häufig nicht geöffnet. Dennoch hat Elke Rölle bisher durchweg positives Feedback bekommen, besonders im Säuglingscafé des Familienzentrums seien Mütter auf sie zugekommen, um ihren Dank auszusprechen.

Rückmeldungen über die tatsächliche Nutzung des Angebots sind der Stadtverwaltung jedoch nicht bekannt. Das Amt für Familie, Bildung und Soziales ist als stillfreundlicher Ort gekennzeichnet, doch die Inanspruchnahme sei überschaubar, so die Verantwortlichen. Die Nutzung der Räume zum Stillen geschehe nicht gezielt, eher bei Bedarf während des Bürgerkontakts, so die Stadt. Anders sieht es bei der Stadtbücherei aus, Leiterin Christina Kammerer berichtet, dass die Bücherei öfters zum Stillen genutzt wird, was aber auch daran liege, dass sowieso viele Mütter mit Kindern vor Ort sind.

Die Anzahl der teilnehmenden Einrichtungen sei konstant geblieben – lediglich „Die Vorratskammer“ ist nicht mehr dabei, denn der mobile Holzbau ist mittlerweile beim VfL Waiblingen stationiert und heißt nun „L'Arca“.

Zwar waren die Bedingungen zum Startzeitpunkt des Projektes nicht optimal, doch den Organisatoren geht es vor allem um die Wirkung der Aufkleber. Die signalisieren nämlich: Weinstadt ist stillfreundlich. Die Akzeptanz der Öffentlichkeit spiele eine große Rolle bei der Frage, ob eine Mutter sich beim Stillen im Park oder im Café wohlfühle oder nicht. Einige haben gar kein Problem damit, auf Gegenwind zu stoßen, sagt die Hebamme, aber eben nicht alle. Eine Studie des Bundesinstitutes für Risikobewertung aus dem Jahr 2017, drei Jahre bevor das Projekt in Weinstadt Fuß fasste, bestätigt, dass zum damaligen Zeitpunkt jede vierte Person „dem Stillen im öffentlichen Raum zwiespältig oder ablehnend gegenübersteht“.

Aber könnte die Botschaft vor diesem Hintergrund nicht auch falsch verstanden werden? Könnten Mütter sich ausgeschlossen fühlen, wenn es für sie extra gekennzeichnete Bereiche gibt? Darüber hat sich auch die Stadt Gedanken gemacht: „Mit der Aktion ist nicht gemeint, dass stillende Frauen ausschließlich an diese gekennzeichneten Orte verwiesen werden, wenn sie in der Öffentlichkeit stillen wollen. Stillen ist natürlich und sollte in unserer Gesellschaft etwas Selbstverständliches sein.“

Nicht nur Ablehnung ist ein Faktor, auch Ruhe für Kind und Mutter

Unabhängig von der Meinung anderer gebe es für viele Mütter aber auch andere Faktoren, ihr Kind nicht in der Öffentlichkeit stillen zu wollen. Manche Kinder und Mütter bräuchten einfach mehr Ruhe, sagt Elke Rölle, ein separater Stillraum komme dem entgegen. Keine Frau sollte auf die Toilette ausweichen müssen, findet die Hebamme, schließlich esse ein erwachsener Mensch dort auch nicht zu Mittag.

Oft sei der Hunger des Neugeborenen schlichtweg nicht planbar, weshalb Rückziehorte in der Öffentlichkeit wichtig seien. Unterwegs in der Stadt gebe es aber, anders als am Arbeitsplatz, keinen Rechtsschutz für stillende Mütter. Wenn eine Frau sich zum Stillen in ein Café setzt und der Inhaber merkt, dass seine Kunden dem nicht wohlgesonnen sind, könne er sie bitten zu gehen. „Dort gilt das Hausrecht“, erklärt Elke Rölle. Inhaber können selbst entscheiden, ob sie wollen, dass dort gestillt wird.

Kampagnen fürs Stillen sollen für mehr Akzeptanz sorgen

Mit Plakaten und Stickern wird der Ablehnung schon seit einigen Jahren in vielen Städten entgegengewirkt. In Filderstadt beispielsweise gibt es eine eigene Homepage für Orte, an denen Eltern ihre Kinder wickeln oder stillen können. Sticker, wie die in Weinstadt, existieren auch in Ludwigsburg. Die Organisatoren des Projekts in Weinstadt haben auf eine bereits vorhandene Kampagne zurückgegriffen, Ehrenamtliche des Familienzentrums haben frischgebackene Eltern dann persönlich besucht, ein Willkommenspaket abgegeben und in diesem Rahmen auch über die stillfreundlichen Orte in Weinstadt informiert. Die Hebamme möchte, dass sich Frauen nicht alleine gelassen fühlen. Sie findet: „Was Frauen heute leisten, ist echt eine Nummer.“ Viele kämen aus dem Berufsleben und müssten sich dann komplett umstellen. Mit den stillfreundlichen Orten möchte die Stadt Weinstadt Frauen bei dieser Umstellung unterstützen.

Und das geht auch noch in anderen Bereichen, findet Elke Rölle. Beispielsweise dann, wenn ein unruhiges Kleinkind im Supermarkt schreit und den Eltern Schweißausbrüche bereitet. Anstatt zu fragen, was mit dem Kind sei, oder genervt mit den Augen zu rollen, schlägt die Hebamme vor, die Eltern in der Schlange vorzulassen oder beim Verpacken der Einkäufe zu helfen. Auch das Thema Einsamkeit beschäftigt die ehemalige Weinstädterin: „Viele junge Frauen wohnen nicht mehr dort, wo ihre Familie wohnt.“ Gerade alleinerziehende Mütter und Väter hätten mit solchen Situationen zu kämpfen. Die Stillberaterin schlägt das Konzept der Leih-Großeltern vor: Senioren, welche die Familie in der Kinderbetreuung unterstützen können.

Als stillende Person in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein, ist nicht immer einfach, weiß Hebamme und Stillberaterin Elke Rölle, die lange Zeit in Weinstadt gearbeitet und gelebt hat. Nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch durch ihren Beruf ist sie nah dran an den Themen, die frischgebackene Mütter beschäftigen. Ganz vorne mit dabei: das Stillen.

„Viele erleben das Stillen als sehr aufwendig“, berichtet sie. Aus diesem Grund hat sie bereits 2020 gemeinsam mit der Stadt und

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