Weinstadt

Muslime in Weinstadt und Integrationsverein feiern Ende des Fastenmonats Ramadan – mit Einschränkungen

Coronazuckerfest
Rola Bourghol hat die Trockenfrüchte in Tassen verpackt und verschenkt diese am Zuckerfest. © Gaby Schneider

Wegen Corona hat der Verein zur Förderung von Integrationsprojekten das Zuckerfest absagen müssen. Damit der für Muslime besondere Anlass dennoch nicht sang- und klanglos verstreicht, hat der Verein Tassen mit Trockenfrüchten an Flüchtlinge und an Vereinsmitglieder verschenkt.

Der Regen am nassgrauen Samstag bremst den Andrang aus. Und so werden unter tropfenden Außenpavillons nur 140 der 400 hellgrauen Henkeltassen abgeholt. Bestimmt sind sie für Flüchtlinge in Erstunterkünften und Mitglieder des Integrationsvereins. Bedruckt mit den Worten „Zuckerfest zu Zeiten von Corona“ und zwei sich schüttelnden Händen, sieht die Tasse aus wie für Coronazeiten konzipiert. Das Motiv passe nur zufällig: „Die Hände sind unser Vereinslogo, der Ursprung war, dass es den Zusammenhalt ausdrücken soll“, erklärt Rainer Bliesener, Vorsitzender des Integrationsvereins. Vor fünf Jahren, als sie das Logo entworfen hatten, konnte niemand ahnen, dass es einmal ein bildhaftes Zeichen werden würde.

Der Handschlag und damit das persönliche Miteinander, das seit Monaten vermieden wird, kann auf der Tasse zumindest gedanklich ausgelebt werden. „Unsere Arbeit lebt von den Begegnungen von Einheimischen und Flüchtlingen“, unterstreicht Bliesener.

Datteln sind abgezählt – ganz nach der Tradition

Die raschelnden Tüten mit rotem Geschenkband seien ein kleiner Trost für das entgangene Zuckerfest. „Damit endet der Fastenmonat Ramadan, es ist ein großes Fest für alle Muslime“, sagt die Libanesin Rola Bourghol. Sie hat tags zuvor mit ihren zwölf und acht Jahre alten Söhnen Taha und Achmed die Trockenfrüchte von Hand eingepackt. „Sie dürfen noch nicht wieder in die Schule gehen, das Tütenpacken war eine gute Beschäftigung für sie“, sagt die Mutter lächelnd. In jedem Tütchen eine halbe Handvoll getrocknete Datteln, Aprikosen und Feigen. Genau abgezählt sei die Anzahl der Datteln: „Zum Fastenbrechen wird eine ungerade Zahl an Datteln gereicht“, erklärt Rola Bourghol den Zusammenhang zur Tradition.

Corona brachte für Muslime einige Einschränkungen im Ramadan, eine davon betraf das traditionelle Zuckerfest. Je nach muslimischer Glaubensrichtung besuche man an den zwei oder drei Tagen nach dem Fastenbrechen die Verwandtschaft, mache Geschenke, verteile Süßigkeiten an die Kinder. „Ganz ohne würde etwas fehlen“, sagt Nassirachmad Ahmadi, der sich sehr über die Tasse freut.

Normalerweise werden Freunde besucht

„Normalerweise würde ich heute Freunde in anderen Bundesländern besuchen“, erzählt der 19-jährige Mahmou. Auch er nimmt freudig eine Tasse in Empfang. Durch den Integrationsverein in Zusammenarbeit mit der Stadt ist der Brauch des Zuckerfestes in Weinstadt heimisch geworden. Ohne Corona hätte es rund um das Integrationshaus zum dritten Mal ein kleines buntes Fest gegeben. „Normalerweise hätten wir gekocht, gemeinsam gegessen und Süßigkeiten verteilt“, sagt Rainer Bliesener. „Mit dem Fest möchten sich Flüchtlinge bei den Ehrenamtlichen und der Stadt bedanken.“

Zunächst sei überlegt worden, die Trockenfrüchte in ein Geschirrtuch zu hüllen. „Aber wir haben auf die Schnelle niemanden gefunden, der die Tücher mit unserem Logo bestickt hätte.“ Dann sei die Entscheidung auf Tassen gefallen – auch sie erfüllen laut Bliesener den Wunsch, einen bleibenden Wert zu verschenken. Der auch ein „kleines Signal“ sei: „Der Verein will zeigen, uns gibt es noch, wir machen mit Corona weiter.“

Planung des Alternativ-Fests war kontaktfrei

Der Entwurf für den Aufdruck sei kontaktfrei, über diverse Medien abgestimmt worden. Zunächst seien die Vereinsmitglieder mit unsicherem Datum in die Planung gegangen. Zum einen habe vor drei Wochen der mit dem Neumond verknüpfte Termin des Fastenbrechens noch nicht exakt festgestanden. Zum anderen sei nicht absehbar gewesen, ob die Corona-Regeln die Aktion zulassen würden. Vier Videokonferenzen brauchten die Vereinsmitglieder.

Alles habe gut geklappt, auch wenn die Kommunikation ohne Corona einfacher gewesen wäre. „Es konnten nicht alle per Video teilnehmen, so mussten wir zusätzlich Whatsapp und Mail kombinieren, um alle einzubinden.“ Dass sich die Menschen während der Planung und beim Abholen der Tassen nach vielen Wochen wieder gesehen haben, sei für die Flüchtlinge und Vereinsmitglieder das größte Geschenk gewesen: „Die Menschen drängen drauf, wieder Gespräche führen zu können“, sagt Rainer Bliesener. Was den Verein auszeichne – lebendige Kontakte und regelmäßiger Austausch –, fehle. Dies soll in Angriff genommen werden, kündigt der Vereinsvorsitzende an, mit einem Café der Kulturen an Sonntagen, wenn möglich im Freien, als Gartencafé. „Um sich wieder unter anderen Umständen zu treffen als nur online.“ Der jährliche Ausflug entfalle. Aber: „Wir überlegen, etwas mit Kleingruppen zu machen.“