Weinstadt

Nach dem Abitur am Remstal-Gymnasium die Welt erkunden? Das fällt flach

Paula Roth
Paula Roth wollte nach ihrem glänzenden Abitur am Remstal-Gymnasium hinaus in die weite Welt – doch die Corona-Krise machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Besonders bedauerlich: Sie kann an Weihnachten ihren Vater nicht besuchen, der in Shanghai lebt. © Benjamin Büttner

In Englisch und Französisch hat Paula Roth geglänzt. Sie wurde Vierte beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen. Ihr Abitur am Remstal-Gymnasium hat sie im Corona-Jahr mit der Traumnote 1,0 hingelegt, als Jahrgangsbeste. Nun sollte es raus in die Welt gehen: Studieren in Vancouver, Reisen und Jobben in Neuseeland, Städtetrip nach Shanghai. Corona hat die Reisepläne durchkreuzt, sie hat alles umgeschmissen – und findet es momentan gar nicht schlecht, auf dieser Seite der Welt zu sein.

„Langfristige Planung – das war einmal“

Ohne Pandemie würde Paula Roth nun schon die Stunden bis zu ihrem Abflug nach Vancouver zählen. Von Ende November an wollte sie ein Semester lang an einem College studieren. „Und das war nur ein Teil der Reise“, sagt Paula Roth, die sich das Jahr eins nach der Schulzeit komplett anders ausgemalt hatte. Mit ihrem Fremdsprachentalent und ihrer Reiselust zog es sie raus in die Welt, sie wollte Neuseeland und Asien sehen, ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Nun studiert sie ihren Wunschstudiengang Psychologie in Mannheim anstatt International Management in Kanada, richtet es sich in der ersten eigenen Wohnung gemütlich ein, statt im Februar auf einer Farm in Neuseeland zu arbeiten und dort den Sommer zu genießen.

"Es trifft mich schon hart"

Wie groß ist die Enttäuschung, dass alles anders gekommen ist? „Es trifft mich schon hart, aber improvisieren müssen dieses Jahr viele Abiturienten, und wir sind ja nicht die einzigen.“

Wenn die Pandemie uns eines lehrt, dann das: „Langfristige Planung – das war einmal“. Und Paula hatte alles von langer Hand geplant: Nachdem sie das Abiturzeugnis in der Tasche hatte, hat sie zweieinhalb Monate in einer Bäckerei das nötige Kleingeld verdient für ihre Reise, inklusive aller Flüge.

In Neuseeland hätte sie liebend gern einen Abstecher zu dort lebenden Verwandten nach Auckland gemacht. Riesig gefreut hatte sie sich, in Shanghai ihren Vater wiederzusehen, der dort lebt und den sie selten sieht. „An Weihnachten werde ich ihn nicht sehen und es wäre unklug von ihm, nach Deutschland zu fliegen, solange die Situation noch so unklar ist. Daher rechne ich nicht damit, ihn in den nächsten vier bis sechs Monaten zu sehen“, sagt sie.

Ende Juni, als sie sich für das College hätte bewerben müssen, änderte Corona die Lage. „Ich habe in viele Richtungen überlegt, was jetzt realisierbar und vernünftig ist.“ Zunächst hat sie sich für Philosophie und Germanistik beworben. „Ich habe mir überlegt, nach dem ersten Semester doch noch reisen zu gehen, das hat sich durch Corona erübrigt.“

Und so hat sie sich im selben Bewerbungsverfahren zugleich auf Psychologie beworben. Dass sie in ihr „Wunschstudium“ auf Anhieb reinkommt, habe sie nicht erwartet, erzählt sie hörbar glücklich. „Ich finde es unglaublich interessant, den Menschen zu verstehen, das, was ihn bewegt“, erklärt sie. Warum hat ausgerechnet sie sich gegen ein Sprachenstudium entschieden?

„Ich bin jung und kann alles vielleicht irgendwann nachholen“

Ihre Begabung für Englisch und Französisch verhalf ihr zu Platz vier beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen, den die Anlaufstelle für Talentförderung in Deutschland „Bildung & Begabung“ organisiert hat. Eine wertvolle Erfahrung fürs freie Sprechen, wie sie sagt: „Im Gegensatz zum Abitur kam es weniger auf Inhalt an, sondern auf das Ausdrucksvermögen und das Vokabular“, sagt sie. Sie stellte unter Beweis, dass sie die beiden Wettbewerbssprachen fließend wechseln kann, um anspruchsvolle Texte zu verfassen, Stellungnahmen in Diskussionen einzubringen, Gruppen- und Einzelgespräche zu führen. Schon als Kind sei sie von ihrer Mutter ermutigt worden, auf Reisen Englisch zu sprechen.

Aufgrund ihrer guten Noten wurde sie in der achten Klasse für einen Schüleraustausch in der französischen Stadt Reims mehrere Wochen vom Unterricht freigestellt, in der siebten Klasse war sie in England und in der zehnten Klasse vier Wochen in Colorado.

"Ich kann mich gar nicht drücken"

„Die Sprachen sind ja nicht verschwunden. Alle Lehrbücher und die Fachliteratur sind in Englisch“, sagt sie. Klar sei es kein Vergleich mit einer Reise – „da bin ich gezwungen, zu sprechen, kann mich nicht drücken“, erzählt sie. Ihr erstes Semester sei komplett online organisiert. Gelegenheiten, Mitstudierende kennenzulernen und sich auszutauschen, hätten sich noch nicht ergeben. „Aber das kommt schon noch.“ Ähnlich denkt sie über ihre Reisepläne: „Ich bin jung und kann alles vielleicht irgendwann nachholen.“

Das Gefühl, etwas zu verpassen, habe sie nicht. Mit ihrer Situation, zwischen ihrer Heimat Fellbach und Mannheim zu pendeln, ist sie zufrieden. „Ich bin ganz froh um den sanften Einstieg ins selbstständige Leben.“ Vielleicht, fügt sie hinzu, „wäre es ja ganz komisch geworden, an Weihnachten alleine und weit weg zu sein“. Im Vergleich zu pandemiebedingter Kurzarbeit, Existenzangst und Perspektivlosigkeit sei ein geplatztes Auslandsjahr verschmerzbar.

Durch Corona hätten sich ihre Prioritäten verschoben: „Wir alle müssen jetzt kooperieren, damit man die Pandemie in den Griff bekommt.“

In Englisch und Französisch hat Paula Roth geglänzt. Sie wurde Vierte beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen. Ihr Abitur am Remstal-Gymnasium hat sie im Corona-Jahr mit der Traumnote 1,0 hingelegt, als Jahrgangsbeste. Nun sollte es raus in die Welt gehen: Studieren in Vancouver, Reisen und Jobben in Neuseeland, Städtetrip nach Shanghai. Corona hat die Reisepläne durchkreuzt, sie hat alles umgeschmissen – und findet es momentan gar nicht schlecht, auf dieser Seite der Welt zu

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