Weinstadt

Natalia Wörner bei den Landesliteraturtagen

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Schauspielerin Natalia Wörner liest bei den Landesliteraturtagen aus ihrem Buch "Heimat-Lust" © Habermann / ZVW
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Schauspielerin Natalia Wörner liest bei den Landesliteraturtagen aus ihrem Buch "Heimat-Lust" © Habermann / ZVW

Weinstadt-Großheppach. Keine Spur von einer witzig vor sich hin schwäbelnden Natalia Wörner, die mit Anekdötchen über schwäbische Eigenheiten unterhält. Das Publikum saß einer gewitzten, zugleich nachdenklichen Frau und ihren hörenswerten Erinnerungen an früher gegenüber. Sie trug beim Abschlussabend der Literaturtage Passagen aus ihrem Buch „Heimat-Lust“ vor.

Video:Die Schauspielerin und Autorin Natalia Wörner ist zu Gast bei den Literaturtagen in Weinstadt.

Als quirliges Vollweib Maria aus „Die Kirche bleibt im Dorf“ kennt sie vermutlich jeder Zuhörer im ausverkauften Saal bei Gourmet Berner. Für ihre Buchvorstellung schlägt sie andere Seiten in sich auf: Nachdenklich, prosaisch, abwechselnd mit einem Lächeln auf den Lippen und Wehmut in der Stimme taucht sie ein in ihre Biografie und gibt Erinnerungen preis. Sie startet in der jüngeren Vergangenheit, als sie besuchsweise nach Jahren im Ausland in ihre schwäbische Heimat zurückkehrte, für die Dreharbeiten zu „Die Kirche bleibt im Dorf“. Ihre Lesung, verbunden mit dem themenreichen Dialog mit SWR-Moderator Wolfgang Niess, endet weit entfernt der Heimat, im fernen Äthiopien und in Kenia, wo sie Kinder in Not unterstützt, von denen die meisten die Gefühle von Heimat und Geborgenheit nicht kennen, die sie in ihrem Buch schildert. Sichtlich bewegt berichtet sie von ihrer Arbeit für die Kindernothilfe und Besuchen in Schutzhäusern in Kenia, wo Mädchen in patriarchischen Gesellschaften vor ihren Peinigern Schutz suchen.

Heimat ist für Natalia Wörner auch das „Gefühl unzähliger Déjà-vus“

Authentisch und bewegt wirkt sie beim Beschreiben des eigenen Heimatbegriffs. Sympathisch vertraut schildert sie die „emotionale Komponente“ von Heimat, wo sie sich selbst beim Zurückgehen an Orte beobachtet, die einmal ihre Kindheitsstätten waren. Das „Gefühl unzähliger Déjà-vus“ sei ihr entgegengekommen. „Schaffe ich es, mich doppelt zu sehen?“, holt sie sich die Brunnenanlage in Bad Cannstatt vor Augen, wo sie als Kind ins „Betonbett mit den ausgelegten Kieselsteinen“ hineinstarrte. Sie erzählt, dass sie nach Jahrzehnten wieder dort war, auf Spurensuche des Kindes von damals. „Die Zeit dazwischen, von Uhren weggetickt, existiert in anderen Dimensionen.“

Nach dem Dreh in der schwäbischen Heimat sei sie „abgereist mit einem unfertigen Gefühl, das auch wehmütig war“. Weil sie merkte, dass die Wiederkehr der Auslöser war, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Auch mit der ihres Vaters, den sie als Kind – sie wuchs in einem Frauenhaushalt mit Mutter, Schwester und Großmutter auf – nicht häufig um sich hatte. Berührende autobiografische Wucht spricht aus den Beschreibungen ihres Vaters, der mit Kindheit und Heimat „vor allem Kriegserinnerungen“ verbunden habe. Dagegen ihr Sohn, der in einer ganz anderen Welt leben dürfe. Seit er ihr Fragen stellt, so Wörner, wachse ihre „Achtsamkeit im Umgang mit dem fragilen Begriff der Heimat“. Als gebürtiges Berliner Kind versteht er übrigens Schwäbisch, wie Natalia Wörner auf Nachfrage des Moderators und zum Vergnügen der Zuhörer einstreut. Dann perlen helle, strahlende Kindheitsbilder aus ihr heraus: Sie ist in einer „internationalen Familie“ aufgewachsen, in der französisch und auch russisch gesprochen wurde, ihre Großmutter habe Marionetten gebaut und vielleicht den Hang zur Schauspielerei mitgeebnet.

Vom Modell zur Maria

Natalia Wörner berichtet von ihren „Wanderjahren“ als Model in Paris. Das habe sie „aus Lust an der Freiheit“ getan und um sich die Schauspiellaufbahn selbst zu finanzieren. Innige Momente entstehen im Zuhörerraum, als sie beschreibt, dass sie über „unmittelbare Erlebnisse“ wie „Gerüche, Sprache, das Essen“ von jetzt auf nachher während der Dreharbeiten ihre Mentalität und Heimatgefühle wieder gespürt habe. Was sie als Jugendliche verlassen wollte, weil es ihr zu eng und kleinteilig war, könne sie heute, mit der gewonnenen Distanz, wieder wertschätzen. Dass ihr Platz einmal vor der Kamera sein würde, könnte mit ihrem Vater zu tun haben. Als Kind sei er ihr mit seiner Super-Acht-Filmerei „auf die Nerven gegangen“, weil er jede Familienzusammenkunft filmisch festhielt. Heute werde „überall alles Mögliche gefilmt und hinterher schaut es keiner mehr an“. Die damals belächelten Filme hätten inzwischen eine andere Bedeutung für sie. Möglich, antwortet sie auf eine Frage des Moderators, dass sie sogar ihre Schauspielkarriere begründet haben. „Ich war es wohl von klein auf gewohnt, vor der Kamera zu stehen“, sagt sie in einem der seltenen Momente, wo sie herzhaft lacht - ganz nah dran an ihrer schwäbischen Filmrolle der Maria.

Sozial engagiert:

Die Schauspielerin Natalia Wörner, bekannt aus dem Kinofilm „Die Kirche bleibt im Dorf“ sowie zahlreichen TV- und Theaterproduktionen, etwa „Die Säulen der Erde“, „Die Sturmflut“ und „Durch Himmel und Hölle“ setzt sich seit vielen Jahren als Botschafterin für die Kindernothilfe ein. 2016 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.