Weinstadt

Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkunft in Weinstadt-Großheppach: Ist der Heuweg ein Brennpunkt?

Obdachlosenunterkunft
In den Containern und einer Baracke leben mehr als 70 Menschen. © Gabriel Habermann

Schlägereien, Randale, Lärm – das Leben in den Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkünften am Heuweg ist kein Zuckerschlecken. Insgesamt 74 Männer wohnen hier, am Rande des Weinstädter Stadtteils Großheppach. Seit Ende Januar ist es schon zweimal zu größeren Polizeieinsätzen gekommen. Wird der Heuweg immer mehr zum Brennpunkt? Muss das triste Viertel auf lange Sicht nicht aufgewertet werden?

Ex-Bewohner berichtet vom Leben in der Obdachlosenunterkunft

Eines Tages, berichtet ein 56-jähriger Weinstädter, der bis 2020 insgesamt 15 Jahre lang in der Obdachlosenunterkunft im Heuweg gelebt hat, sei er nach Hause gekommen, und in seinem Bett lag schon einer. „Er war voll besoffen“, erinnert sich der Mann, „ich habe ihn geweckt und gefragt: Warum schläfst du in meinem Bett?“ Nachdem der Betrunkene keine Anstalten gemacht habe, das Zimmer zu verlassen, habe der 56-Jährige die Polizei gerufen. Doch die habe auch nichts unternommen, weil der andere sein Lager zwischenzeitlich geräumt hatte. Er sei immer wieder bestohlen worden, berichtet der Mann, habe wegen des großen Lärms kaum Ruhe gefunden, andauernd habe es Streit gegeben, er habe mit Kriminellen zusammengelebt und zwei Monate lang im Auto eines Lieferdiensts geschlafen, für den er arbeitete –„aus Angst vor den Betrunkenen“.

Die wenig einladende Siedlung an der B 29 bei Großheppach besteht aus drei Wohncontainern und einer Baracke. In dieser Baracke, die von der Stadt instand gehalten wird, leben aktuell 16 Flüchtlinge in Anschlussunterbringung. Im Wohncontainer der Stadt sind zwölf obdachlose Männer untergebracht. Hinzu kommen zwei Container des Landkreises, in denen weitere 46 Geflüchtete untergebracht sind. Die allermeisten: junge Männer. Dass es hier immer wieder kracht, ist quasi vorprogrammiert.

Corona verschärft die Lage

Das räumt auch die Stadt ein. Auf eine Anfrage unserer Zeitung zur Situation in den Unterkünften teilt die Pressestelle des Rathauses mit: „Dadurch, dass im Heuweg auch Menschen leben, die keine oder nur eine geringe Bleibeperspektive haben, liegt es in der Natur der Sache, dass es dort häufiger zu Konflikten kommt. Die aktuelle Corona-Situation und die räumliche Enge verschärfen diesen Zustand noch weiter.“

Ein weiterer Brandbeschleuniger: Alkohol. Erst am vergangenen Dienstag hat im Heuweg ein Betrunkener randaliert und einen Polizeieinsatz ausgelöst. Es ist bereits der zweite heftige Vorfall innerhalb weniger Wochen. Ende Januar war hier ein 64-Jähriger bei einem Streit schwer verletzt worden. Ein 45-Jähriger hatte dem Älteren mehrfach ins Gesicht geschlagen. Dieser musste nach der Auseinandersetzung ins Krankenhaus gebracht werden.

Abstand halten? Schwierig

Für die Polizisten sind die Einsätze im Heuweg nicht angenehm, schon gar nicht in Zeiten einer Pandemie. Abstand halten? Schwierig. So geht es den Bewohnern freilich jeden Tag.

Den Betrunkenen am vergangenen Dienstag mussten die Polizeibeamten mitnehmen. Er befand sich in einem „psychischen Ausnahmezustand“ und wurde in eine Klinik gebracht. Grundsätzlich rückt die Polizei, wenn es die allgemeine Lage zulässt, mit mehreren Streifenwagen zu solchen Einsätzen aus, sagt Robert Kreidler, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Aalen.

Im Kreisvergleich sticht der Heuweg nicht heraus, sagt die Polizei

Doch ist der Heuweg im Rems-Murr-Vergleich ein besonders heißer Brennpunkt? Nein, sagt Robert Kreidler, das nicht. Im Heuweg gebe es derzeit zwei Bewohner, „die relativ häufig die Polizei rufen“. Am Dienstag sei es eine Sozialarbeiterin gewesen, die wiederum von einem Bewohner benachrichtigt worden war. Grundsätzlich sei es so, sagt der Polizeisprecher, dass es in solchen Unterkünften, „wo viele Menschen auf engstem Raum unterkommen“, regelmäßig Auseinandersetzungen gibt. Heißt: Der Heuweg sticht nicht besonders hervor.

Für den Weinstädter, der hier 15 Jahre lang gelebt hat, ist es dort nichtsdestotrotz „schrecklich“ gewesen. Andererseits: Nachdem er Job, Geld und Familie verloren hatte, wäre er ohne die städtische Einrichtung ganz ohne Dach über dem Kopf dagestanden.

Im November hat der Weinstädter Gemeinderat die Benutzungsgebühr von 8,40 Euro auf 21,89 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche drastisch erhöht. Das sei unproblematisch, argumentierte die Stadt damals, „weil der Großteil der Obdachlosen und Flüchtlinge Leistungen von der Arbeitsagentur, dem Jobcenter oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhält“. Nur ein kleiner Teil müsse selbst für die Nutzungsgebühr aufkommen. Die Mehreinnahmen sollen insbesondere in die „Verbesserung der baulichen Wohnsituation in den Notunterkünften“ fließen.

Stadt vermittelt Wohnungen

Wie die Stadtverwaltung mitteilt, sind schon heute regelmäßig Mitarbeiter vor Ort im Heuweg „und machen sich ein Bild von den örtlichen Gegebenheiten – auch vom baulichen Zustand“. Auch das städtische Integrationsmanagement betreue „im Rahmen seiner Möglichkeiten die Personen vor Ort“. Und wenn sich eine realistische Möglichkeit ergebe, einen Bewohner in eine Wohnung umziehen zu lassen, unterstütze die Stadt dies.

Wie bei dem 56-Jährigen, der sich zurückkämpft in ein eigenständiges Leben und dem das Rathaus mittlerweile eine Wohnung in Beutelsbach vermittelt hat, in der niemand mehr ungefragt in seinem Bett schläft.

Stadt denkt „perspektivisch“ über bauliche Verbesserungen nach

Doch wie sieht die Zukunftsplanung für die Siedlung an der B 29 aus? Bleibt alles so trostlos? Oder böte sich hier vielleicht ein Platz für hochwertigeren Sozialwohnungsbau? So weit reichen die Planungen offenbar nicht: „Die Stadt macht sich perspektivisch Gedanken, wie der derzeitige bauliche Zustand mittelfristig verbessert werden kann - beispielsweise indem man die Wohncontainer des Landkreises übernehmen könnte, falls dieser mittelfristig keine Verlängerung des Pachtvertrags für die derzeit auf städtischem Gebiet aufgestellten Container anstreben sollte“, heißt es aus dem Rathaus auf unsere Anfrage.

Schlägereien, Randale, Lärm – das Leben in den Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkünften am Heuweg ist kein Zuckerschlecken. Insgesamt 74 Männer wohnen hier, am Rande des Weinstädter Stadtteils Großheppach. Seit Ende Januar ist es schon zweimal zu größeren Polizeieinsätzen gekommen. Wird der Heuweg immer mehr zum Brennpunkt? Muss das triste Viertel auf lange Sicht nicht aufgewertet werden?

Ex-Bewohner berichtet vom Leben in der Obdachlosenunterkunft

Eines Tages, berichtet ein

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