Weinstadt

Obstbäume schneiden wie der "Remstalrebell": Helmut Ritter aus Weinstadt zeigt wie

Palmer-Schnittkurs
Der 85-jährige Alfred Wilhelm beim Baumschnitt beim Palmer-Schnittkurs in Strümpfelbach. © Alexandra Palmizi

In welchem Maße der Geradstettener Obstbauer und Bürgerrechtler Helmut Palmer das Bild der Kulturlandschaft Streuobstwiese beeinflusst hat, wurde am Samstagnachmittag im Rahmen eines Spaziergangs deutlich, in dessen Verlauf Helmut Ritter, ein Schüler Helmut Palmers, durch das Gewann Breitengarten zwischen Strümpfelbach und Schurwald führte.

Buch der Palmer-Tochter Gudrun Mangold als Neuausgabe

Treffpunkt für die Erkundungstour war um 14 Uhr am Lutherbaum, in dessen Nähe Helmut Ritter mehrere Streuobstwiesen bewirtschaftet. Der unmittelbare Anlass bestand in der Promotion einer Neuausgabe des Lehrbuchs „Der originale Palmer-Schnitt - Spitzenerträge im Streuobstbau“ der Palmertochter Gudrun Mangold.

Ritter hatte dazu mehrere Pressevertreter am Vormittag zunächst durch die Obstbaumanlagen des Schlossguts Hohenroden bei Essingen auf der Ostalb geführt und nachmittags dann in Palmers originäres Wirkungsgebiet – das Remstal.

Besondere Art der Baumpflege aus der Schweiz mitgebracht

Der „Remstalrebell“ Helmut Palmer hatte während seiner Lehre als Obstbauer, die ihn zwischen 1946 und 1950 in die Schweiz geführt hatte, dort den „Oeschbergschnitt“ kennengelernt, eine Methode zur Pflege von Obstbäumen.

Die Vorteile dieser Methode gegenüber dem bis dahin praktizierten „Alt-Württemberger Schnitt“, berichtete Helmut Ritter, hätten Palmer davon überzeugt, sie selbst anzuwenden, konsequent weiterzuentwickeln und auch im Rahmen von Schnittkursen zu verbreiten.

Unterteilung in vier Leitäste und Fruchtäste

Die beim Alt-Württemberger Schnitt angewandte Erziehung von in mehreren Etagen angeordneten Gerüstästen führe zwangsläufig dazu, dass sich die Krone schirmartig immer stärker entwickle, während die unteren Etagen durch sie von Licht und Durchlüftung abgeschnitten würden. Dies führe zu einer Verkahlung der unteren Bereiche und zu einem hohen Anteil von Schattenfrüchten.

Als Marktbeschicker bis nach Reutlingen und Tübingen habe Palmer auf qualitativ hochwertiges Obst großen Wert gelegt. Dies versprach er sich vom Oeschbergschnitt, den er auch unter seinen Lieferanten offensiv bewarb und durch Schnittkurse zu verbreiten suchte. Bei ihm strebe man den Aufbau von vier Leitästen sowie für jeden von ihnen drei begleitenden Fruchtästen als dauerhafter Baumstruktur an.

Breite Baumkrone und bodennahe Ernte

An den Leit- und Fruchtästen befinde sich das obstbringende Fruchtholz. Um den zentralen Stamm selbst werde eine sich nach oben verjüngende Spindel aus Fruchtästen und Fruchtholz aufgebaut.

Die dadurch erzielte breite Baumkrone ermögliche eine relativ bodennahe Ernte, der Baum sei in allen Bereichen der Krone gleichmäßig produktiv und verspreche einen hohen Anteil an ausgereiften gesunden Früchten, da der Lichteinfall von oben und eine optimale Belüftung gewährleistet seien.

Er hat es Palmer am Sterbebett versprochen, den Oeschbergschnitt zu lehren

Es handle sich um eine Methode, die ihn selbst nicht nur überzeugt habe, sondern die sich auch in der Wirklichkeit bewährt habe, so der 64-jährige Hobby-Obstbauer Helmut Ritter.

An Helmut Palmers Sterbebett habe er ihm versprochen, Obstbaumschnittkurse zu geben und sich so weiter für die Verbreitung des Oeschbergschnitts und damit das typische Landschaftsbild einzusetzen.

Palmer machte auch vor fremden Bäumen nicht halt

Für den Baumschnitt, so Ritter, habe Palmer dieselbe Notwendigkeit erkannt wie in Bezug auf die Verwaltung und das politische Establishment: Oben müsse man stutzen und zurückschneiden, damit nach unten Licht und Luft kommen.

Anekdotenhaft berichtete er auch, dass Helmut Palmer bekannt dafür gewesen sei, dass er bisweilen auch vor fremden Obstbäumen nicht haltmachte, deren Zustand ihn dauerte, und ungefragt Astschere und Säge ansetzte, um deren Zustand zu verbessern.

Bäume vor dem Schurwald "strategisch günstig"

Durch und durch PR-Mensch, habe sich Palmer stets auch „strategisch günstig“ gelegene Bäume wie am Aufstieg von Strümpfelbach zum Schurwald ausgesucht, um an ihnen mustergültig die von ihm propagierte Schnittmethode vorzuführen.

Ritter versäumte auch nicht, auf einen Prozess hinzuweisen, der zurzeit gerade stattfinde und langfristig tiefgreifende Auswirkungen auf das Landschaftsbild haben werde: Viele Streuobstwiesen werden nicht mehr bewirtschaftet.

Wer pflegt noch die Obstbaumwiesen?

„An einem solchen Vorfrühlingssamstag, mit strahlend blauem Himmel, Sonnenschein und frostfrei, sollte man doch meinen, dass auf jedem Baumstückle jemand am Arbeiten ist und seine Bäume pflegt.“ Der Einzige, den man im Breitengarten allerdings antreffe, sei der 85-jährige Alfred Wilhelm. Aber, so Ritter, solange man sich nicht scheue, für den Doppelzentner Mostobst vier, fünf oder sechs Euro zu bezahlen, werde sich diese Entwicklung allenfalls beschleunigen.

In welchem Maße der Geradstettener Obstbauer und Bürgerrechtler Helmut Palmer das Bild der Kulturlandschaft Streuobstwiese beeinflusst hat, wurde am Samstagnachmittag im Rahmen eines Spaziergangs deutlich, in dessen Verlauf Helmut Ritter, ein Schüler Helmut Palmers, durch das Gewann Breitengarten zwischen Strümpfelbach und Schurwald führte.

Buch der Palmer-Tochter Gudrun Mangold als Neuausgabe

Treffpunkt für die Erkundungstour war um 14 Uhr am Lutherbaum, in

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