Weinstadt

Pfarrer Michael Schneider aus Endersbach verteidigt Präsenz-Gottesdienste an Ostern

Pfarrer Schneider
Pfarrer Michael Schneider vor der evangelischen Kirche in Endersbach. Auf dem kleinen Podest hat er früher getanzt, als es noch in einer Diskothek stand, jetzt wird es für die Oster-Gottesdienste im Freien genutzt. © Gabriel Habermann

Erst sollten die Christen wegen steigender Corona-Zahlen auf Präsenzgottesdienste an Ostern verzichten, dann wurde die Bitte wieder zurückgezogen. Viele, die nicht glauben, schimpfen: Warum darf man in die Kirche, aber nicht ins Kino?! Der Endersbacher Pfarrer Michael Schneider hat Verständnis für diesen Frust – und macht sich dennoch stark für die Zusammenkünfte. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der 41-Jährige, warum er Gottesdienste seit Monaten nur im Freien feiert, seine Gemeinde an Ostern doch nicht das volle Programm fährt und wieso der Glaube gerade in der Krise wichtiger ist denn je.

Michael Schneider, das ist der evangelische Pfarrer, der zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 vom Kirchturm herab Trompete spielte und damit dem ganzen Dorf Glücksmomente schenkte. Nicht nur Christen standen damals auf dem Balkon und klatschten Beifall. Im Sommer zog er dann mit seiner „Traktorkirche“ von Station zu Station und predigte quasi vom Anhänger herunter.

Gottesdienste im Freien "bei Minusgraden und Schnee"

Als die Infektionszahlen vor Weihnachten stiegen, sicherte er sich flugs die Domain www.weihnachten-im-wohnzimmer.de und streamte den Gottesdienst live nach Hause. Präsenz-Gottesdienste finden in Endersbach aus Infektionsschutzgründen seit November nur noch im Freien statt, zwei pro Sonntagvormittag, damit die Menschen sich verteilen. „Wir haben bei Minusgraden und Schnee im Stehen und mit Abstand gefeiert“, sagt Schneider.

Und ausgerechnet jetzt, zum höchsten Fest der Christen, an Ostern, hätten sie um ein Haar ganz auf Präsenz-Gottesdienste verzichten sollen? Oder, um es polemisch zuzuspitzen: „Ich darf nach Mallorca in den Urlaub fliegen, aber nicht an Ostern in die Kirche!?“ Über eine entsprechende „Bitte“ der Politik hatte schon der evangelische Dekan Timmo Hertneck herzhaft geschimpft, ehe sie dann zurückgezogen wurde. Zu Recht, findet auch Pfarrer Schneider.

„Es gibt keinen landeskirchlichen Gottesdienst, der Hotspot war“

Er und seine Kollegen, auch diejenigen, die drinnen feiern, hielten sich streng an alle Regeln, übererfüllten die Vorgaben sogar: Großer Abstand, medizinische Masken, kein Gesang, Kontaktnachverfolgung ... Ein Einkauf im Supermarkt, sagt Schneider, sei deutlich gefährlicher als der Besuch in der Kirche: „Es gibt keinen landeskirchlichen Gottesdienst, der Hotspot war.“

Mit diesem Argument müssten aber doch auch Theater, Gastronomie, Einzelhandel oder Sporthallen, die alle über Konzepte verfügten, öffnen dürfen, Herr Pfarrer?

Michael Schneider antwortet: Zum einen sei die Religionsfreiheit (wie zum Beispiel auch das Recht, zu demonstrieren) im Grundgesetz besonders geschützt, ob das nun aktuell allen gefällt oder nicht. Er als Pfarrer halte Gottesdienste, in denen es um transzendente Erlebnisse gehe, ums „Seelenheil“ der Menschen, um die Suche nach der Antwort auf die Frage, was nach dem Tod geschehe, natürlich für wichtiger als einen Theaterbesuch oder ein Handballspiel. Aber darüber – und das tut der Pfarrer gern – lasse sich natürlich trefflich diskutieren.

"Auch unser Vereinsleben liegt brach"

Zum anderen habe er natürlich großes Verständnis für den Frust der Menschen nach vielen Monaten mit heftigen Einschränkungen. Er selbst vermisse es, mit seinen Freunden im Biergarten zu sitzen, sagt Michael Schneider. Und: „Auch unser Vereinsleben liegt brach, unsere Gruppen und Kreise sind allesamt dicht. Wir konzentrieren uns auf das absolut Wesentliche.“ Das seien eben Gottesdienste, die möglichst viele Menschen ansprechen und, gerade in der Krise, Hoffnung stiften.

Dies zu tun und ureigene christliche Werte wie Solidarität und Nächstenliebe zu transportieren, seien wichtige Aufgaben der Kirche in dieser Krise.

Wortwitz: Beutelsbacher Pfarrer bezeichnet die Kirche als „GmbH“

Michael Schneiders Kollege in Beutelsbach, Pfarrer Rainer Köpf, hat es bei einem „Ermutigungsgottesdienst“ vor einigen Tagen so ausgedrückt: „Die Kirche ist eine GmbH – eine Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung.“ Forschungen hätten gezeigt, dass diejenigen Bevölkerungsgruppen am besten durch den letzten Lockdown im vergangenen Jahr gekommen seien, die dankbar und hoffnungsvoll lebten.

Schneider selbst hat in einem Brief zu Ostern an seine Gemeindemitglieder von einer „Coronapassionszeit“ geschrieben und sich auf die kommenden Feiertage bezogen: „An Ostern tritt Jesus aus der Enge der Grabhöhle – seinem Lockdown – hinaus ins Leben. Das lässt mich hoffen, irgendwann öffnet sich die Enge und wir treten hinaus ins Licht.“

Ein "mulmiges Gefühl": Andachten fallen aus

Doch bei aller Hoffnung auf ein Osterwunder: Zur Lebenswirklichkeit von Pfarrer Schneider gehört auch der tägliche Blick auf die Infektionszahlen. Die sonst üblichen Abendandachten zur Passionszeit, die von Montag bis Mittwoch in der Kirche stattgefunden hätten, hat der Pfarrer „schweren Herzens“ abgesagt. Die Verantwortlichen hätten „ein mulmiges Gefühl“ gehabt, im Innern zu feiern.

Der Gottesdienst an diesem Donnerstag wird von 19 Uhr an im Pfarrgarten gefeiert, an Karfreitag finden die Feiern mit Michael Schneider um 9.30 Uhr und um 10.30 Uhr auf dem Gemeindehausparkplatz statt und am Ostersonntag um 10 und 11 Uhr an selber Stelle mit Pfarrerin Ursula Fink.

Auf der Bühne hat Michael Schneider früher getanzt

Zu diesem Zweck hat die Kirchengemeinde kürzlich bei Ebay-Kleinanzeigen ein kleines Podest gekauft, berichtet Pfarrer Michael Schneider und lacht. Die Bühne habe früher zu einer mittlerweile geschlossenen Diskothek in Göppingen gehört: „Auf der hab’ ich damals selbst getanzt. Und heute halte ich darauf Gottesdienste ab.“

Erst sollten die Christen wegen steigender Corona-Zahlen auf Präsenzgottesdienste an Ostern verzichten, dann wurde die Bitte wieder zurückgezogen. Viele, die nicht glauben, schimpfen: Warum darf man in die Kirche, aber nicht ins Kino?! Der Endersbacher Pfarrer Michael Schneider hat Verständnis für diesen Frust – und macht sich dennoch stark für die Zusammenkünfte. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der 41-Jährige, warum er Gottesdienste seit Monaten nur im Freien feiert, seine

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