Weinstadt

Polizei beendet in Weinstadt eine der wohl langsamsten Verfolgungsfahrten aller Zeiten - zwei Jugendliche vor Gericht

Motorroller
Symbolfoto. © Varun Kulkarni/Pixabay

„Kurzschluss-Reflex“, nannte der Angeklagte seine Reaktion im vergangenen August: Als eine Polizeistreife den damals 18-Jährigen in Weinstadt kontrollieren wollte, versuchte er, mit einem Roller davonzufahren. Sein damals 15-jähriger Freund machte es ihm nach – ebenfalls mit wenig Erfolg. Nun mussten sich die beiden jungen Männer wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten.

In Panik geraten und Gas gegeben

Auf dem Roller des jeweils anderen waren die beiden Angeklagten an einem Sommerabend gegen 21.15 Uhr auf einem Feldweg zwischen Endersbach und Beutelsbach unterwegs. Als plötzlich ein Polizeiauto auftauchte und sich ihnen näherte, sei er in Panik geraten, so der heute 19-Jährige – und habe Gas gegeben. „Die wollten mich wahrscheinlich auf das Licht ansprechen“, sagte der Winnender in der Verhandlung.  Tatsächlich war den Beamten am Roller des 15-Jährigen, der zu dem Zeitpunkt vom älteren Freund gesteuert wurde, zunächst vor allem die Beleuchtung aufgefallen: Wie einer der Polizisten im Zeugenstand erklärte, leuchtete der Roller den Feldweg nicht wie üblich mit einem Scheinwerfer aus, sondern lediglich mit einer Taschenlampe, die der damals 18-Jährige in der Hand hielt. „Dann hat er beschlossen, dass er nicht kontrolliert werden will, und hat beschleunigt“, fügte der Beamte hinzu.

Fluchtgeschwindigkeit: 25 Kilometer pro Stunde

Auch der drei Jahre jüngere Waiblinger, der auf dem Roller des Kollegen saß, versuchte, den Polizisten zu entkommen – das Fahrzeug, auf dem er saß, hatte keine gültige Tüv-Plakette. Die Fluchtgeschwindigkeit: 25 Kilometer pro Stunde. „Eine der langsamsten Verfolgungsfahrten, die wir je hatten“, erzählte der Polizeibeamte vor Gericht.

Keine Chance

Die Verfolgung dauerte nicht lange – auch, weil der 19-Jährige nach wenigen Meter mit dem Roller ausrutschte und zu Boden fiel. Der Waiblinger hatte ebenfalls keine Chance, dem Streifenwagen zu entkommen. Aus heutiger Sicht, darin sind sich die beiden jungen Angeklagten einig, war ihr Fluchtversuch keine besonders schlaue Aktion. Juristische Folgen hatte die kurze Flucht für die beiden nicht. Angeklagt waren sie nur, weil sie ohne Führerschein gefahren waren. Auch hier zeigten sich die zwei einsichtig: „Solange man keinen Führerschein hat ...“, begann Richter Armin Blattner einen Satz, den der 16-Jährigen vervollständigte: „... sollte man nicht fahren.“

Mittlerweile haben beide einen Führerschein

Mittlerweile sind die beiden im Besitz eines Führerscheins. Zu der Entwicklung des 19-Jährigen sagte eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, dass bei ihm eine Reifeverzögerung vorliege, und regte deshalb an, auch bei ihm das Jugendstrafrecht anzuwenden. Der Angeklagte, der nur einen Hauptschulabschluss in der Tasche hat, strebt derzeit die Aufnahme am Berufsbildungswerk Waiblingen an. Auf die Frage der Jugendgerichtshilfe, was sein Ziel dort sei, hatte er keine konkrete Antwort. Er sei auf der Suche nach einem Plan B, so der junge Mann, der nach einem Langzeitpraktikum bei einem Metzger habe feststellen müssen, dass seine Qualifikationen für den Beruf nicht ausreichend seien.

Auch der schulische Werdegang lief nicht reibungslos ab. Als er seinen Realschulabschluss nachholen wollte, sei ihm ein anderthalbmonatiger Krankenhausaufenthalt in die Quere gekommen. Schwierigkeiten brachte auch die Scheidung seiner Eltern mit sich, wonach er zuerst im Wohnheim, danach bei seiner Oma und schließlich bei seinem Stiefvater unterkam. „Das ist alles ein bisschen schwierig gewesen – das kann man nachvollziehen“, so Richter Armin Blattner. Doch die Jugendgerichtshelferin machte darauf aufmerksam, dass der junge Winnender trotz allem nicht lockerlassen dürfe. „Da muss man sich dahinterklemmen, so viele Jobs gibt’s gerade nicht.“

Nach einer Perspektive schauen

Der 16-jährige Angeklagte aus Waiblingen hingegen besucht derzeit die Gewerbliche Schule. Er strebt eine Ausbildung im handwerklichen Bereich an. Doch wie die genau ablaufen soll, weiß er nicht. Auch ihm riet die Jugendgerichtshilfe, nach einer Perspektive zu schauen.

Richter Blattner stellte das Verfahren letztlich ein. Das begründete er damit, dass er die beiden bei einer Verurteilung auch zu einer Teilnahme am Verkehrsunterricht verpflichtet hätte – da die beiden allerdings mittlerweile einen Führerschein gemacht haben, sehe er davon ab. Auch gemeinnützige Arbeitsstunden kommen aus Sicht des Richters aktuell nicht infrage, weil es coronabedingt ohnehin nicht viele Stellen gebe. „Ich gehe davon aus, dass so etwas nicht mehr vorkommt“, sagte der Richter.

„Kurzschluss-Reflex“, nannte der Angeklagte seine Reaktion im vergangenen August: Als eine Polizeistreife den damals 18-Jährigen in Weinstadt kontrollieren wollte, versuchte er, mit einem Roller davonzufahren. Sein damals 15-jähriger Freund machte es ihm nach – ebenfalls mit wenig Erfolg. Nun mussten sich die beiden jungen Männer wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten.

In Panik geraten und Gas gegeben

Auf dem Roller des

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