Weinstadt

Prozess um Raubüberfall in Weinstadt-Endersbach: Angeklagter ist kein Unbekannter

Amtsgericht zu
Am Amtsgericht Waiblingen hat der Prozess um einen Raubüberfall in Endersbach im Januar 2021 begonnen. © Benjamin Büttner

Ein Weinstädter, dem vergangenes Jahr versuchter Totschlag vorgeworfen war, nachdem er und seine Kumpels zwei junge Männer am Bahnhof in Beutelsbach brutal zusammengeschlagen hatten, muss sich erneut vor Gericht verantworten. Er war im Januar nach einem mutmaßlichen Raubüberfall auf einen 26-Jährigen in Endersbach festgenommen worden - mit Smartphone und Schuhen des Opfers sowie einem Baseballschläger. Doch die Verhandlung am Amtsgericht ist jetzt vertagt worden – und der 20-Jährige kommt aus der Untersuchungshaft frei. Wie ist es dazu gekommen?

Am Bahnhof in Beutelsbach zwei junge Männer brutal verprügelt

März 2020: Tom O. () aus Weinstadt und seine Kumpels schlagen zwei junge Männer am Bahnhof in Beutelsbach brutal zusammen. Der damals 19-jährige US-Amerikaner, der in Deutschland aufgewachsen ist, wird verhaftet. Ihm wird versuchter Totschlag vorgeworfen, weil er eines der beiden Opfer gegen eine ausfahrende S-Bahn geschleudert hat. Ein halbes Jahr lang sitzt er in Untersuchungshaft.

Im Prozess am Landgericht in Stuttgart, der sich über mehrere Verhandlungstage zieht, kann ihm eine Tötungsabsicht letztlich nicht nachgewiesen werden. Er wird im Oktober 2020 wegen schwerer gemeinschaftlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Die Richterin gibt zu: „Das ist jetzt ein sehr mildes Urteil.“ Die Staatsanwältin hat zuvor eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten gefordert – ohne Bewährung. Schließlich haben die Opfer schwere Verletzungen davongetragen. Einem sind zwei Zähne ausgeschlagen worden – und das quasi ohne Anlass.

Der Weinstädter gelobt wortreich Besserung und kommt gegen Auflagen frei.

Vier Monate nach dem Urteil sitzt er erneut in einer Zelle in Stammheim

Doch nur vier Monate später, im Januar 2021, sitzt er erneut in einer Zelle in Stammheim. Der Vorwurf dieses Mal: besonders schwerer Raub. Die Polizei berichtet damals, ein 26-Jähriger sei am Mittwochabend, 17. Januar, gegen 22.45 Uhr von einem ihm unbekannten Mann in der Strümpfelbacher Straße angesprochen und nach Geld gefragt worden. Auf sein „Nein“ hin seien zwei oder drei weitere Männer hinzugekommen, einer mit einem Baseballschläger. Als der 26-Jährige die Flucht habe ergreifen wollen, hätten die Männer ihn geschlagen und auf ihn eingetreten, sein Smartphone, seinen Geldbeutel sowie seine Turnschuhe an sich genommen.

In der Meldung vom 18. Januar heißt es: „Die Polizei leitete eine sofortige Fahndung ein und konnte einen der Tatverdächtigen stellen. Der 20-jährige Täter hatte einen Teil der Beute sowie einen Baseballschläger dabei.“ Das Opfer sei mit leichten Verletzungen davongekommen.

Angeklagter: Das spätere Opfer wollte Drogen kaufen

Juli 2021: Am Dienstag wird Tom O. nach Waiblingen ins Amtsgericht gebracht, wo das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Luippold den Fall verhandeln soll. Hier schildert Tom O. seine Version der Geschichte. Er habe das spätere Opfer bereits am Mittag in Waiblingen am Bahnhof kennengelernt. Dieser habe sich nach Drogen erkundigt. Er habe ihm angeboten, ihn an einen Koksdealer zu vermitteln. Die beiden hätten den Nachmittag miteinander verbracht und Alkohol getrunken, erst in Beutelsbach, dann in Endersbach.

Tom O. sagt, er habe den Dealer nach Endersbach bestellt, dieser sei mit einer weiteren Person gekommen. Namen nennt er nicht. Der 26-Jährige habe angekündigt, einen Kontaktmann mit dem Geld für die Drogen herbeizurufen. Doch der Mann mit dem Geld habe stundenlang auf sich warten lassen. Die drei Männer fühlten sich von dem vierten zunehmend verschaukelt. Dieser habe unter anderem vorgetäuscht, mit einer Versicherungskarte Geld abzuheben.

Nachdem er sich das Smartphone des Mannes habe aushändigen lassen, um zu kontrollieren, ob dieser überhaupt wirklich einen Geldgeber kontaktiert habe, sei dieser geflüchtet und rund drei Meter tief in die Einfahrt der Tiefgarage des Remstalmarkts gesprungen, sagt Tom O. Dort hätten die beiden anderen Männer ihn gestellt und mit ihren Waffen, einem Teleskopschlagstock und einem Baseballschläger, verprügelt. Er habe sich nicht beteiligt.

Weitere Demütigung: Der 26-Jährige soll sich ausziehen 

Einer der beiden sei dann auf die Idee gekommen, den Mann weiter zu demütigen, und habe diesen aufgefordert, sich auszuziehen. Er habe das unterstützt, sagt Tom O. Nach weiteren Schlägen durch die beiden anderen Männer habe das Opfer seine Sneaker ausgezogen. „Ich habe dann demonstrativ vor seinen Augen seine Schuhe angezogen“, berichtet der Angeklagte.

Plötzlich seien die Komplizen davongerannt. Er habe sich den Baseballschläger und seine Schuhe geschnappt und sei ebenfalls getürmt. Das Smartphone des 26-Jährigen habe er behalten, damit der Gepeinigte nicht die Polizei rufen konnte.

Der Polizist zückt seine Waffe und stellt den Flüchtigen in einer Einfahrt

Die war allerdings schon auf dem Weg, von Zeugen der Tat alarmiert. Eine Streifenbesatzung aus Fellbach entdeckte Tom O. schließlich mit Baseballschläger und Schuhen in der Hand und nahm die Verfolgung auf. Wie ein 33-jähriger Polizist am Amtsgericht berichtet, ist ihm der 20-Jährige in der Dunkelheit mehrfach fast entwischt. Schließlich habe er ihn in einer Einfahrt in Endersbach gestellt, die Schusswaffe auf ihn gerichtet und ihn so in Schach gehalten. Ein Kollege der Hundestaffel habe Tom O. schließlich zu Fall gebracht.

Ehe weitere Zeugen gehört werden können, wird die Verhandlung unterbrochen. Der Geschädigte, der bei der Polizei ausgesagt hat, das zufällige Opfer eines Überfalls geworden zu sein, taucht am Dienstagvormittag nicht auf. Ohne ihn, da sind sich alle Beteiligten einig, macht es keinen Sinn, weiterzuverhandeln.

Die Staatsanwältin fordert, dass der Angeklagte in Haft bleibt

Uneinigkeit herrscht allerdings darüber, ob der Angeklagte bis zu einem neuen Termin im Spätsommer in Untersuchungshaft bleiben soll. Der Verteidiger plädiert für eine Aufhebung des Haftbefehls, die Staatsanwältin ist strikt dagegen. Der Angeklagte habe sich erneut einer „heftigen“ Tat schuldig gemacht, argumentiert sie, und das kurz nachdem ihm das Landgericht „eine Riesenchance“ gegeben habe. Er sei nach der Tat mit einem Baseballschläger, den Schuhen und dem Handy des Opfers aufgegriffen worden – der Haftbefehl sei unbedingt aufrechtzuerhalten.

Tatsächlich hebt Richter Luippold den Haftbefehl nicht auf - setzt ihn aber außer Vollzug. Sein Argument: Die Verhältnismäßigkeit müsse gewahrt werden. Der Angeklagte habe bereits vier Monate im Gefängnis verbracht. Es sei „nicht Sinn der Sache, die ganze Jugendstrafe in U-Haft zu verbringen“. Tom O. kommt also vorerst frei. Er muss sich, bis die Verhandlung fortgesetzt wird, jede Woche zweimal auf dem Polizeirevier Waiblingen melden.

Wenn der Prozess wieder aufgenommen wird, droht ihm eine Jugendstrafe ohne Bewährung. Jugendstrafrecht wird bei 18- bis 21-Jährigen, die als Heranwachsende gelten, häufig angewandt – insbesondere wenn das Gericht von Reifeverzögerungen ausgeht. Im Erwachsenenstrafrecht wird ein schwerer Raub mit mindestens fünf Jahren Gefängnis bestraft.

Ein Weinstädter, dem vergangenes Jahr versuchter Totschlag vorgeworfen war, nachdem er und seine Kumpels zwei junge Männer am Bahnhof in Beutelsbach brutal zusammengeschlagen hatten, muss sich erneut vor Gericht verantworten. Er war im Januar nach einem mutmaßlichen Raubüberfall auf einen 26-Jährigen in Endersbach festgenommen worden - mit Smartphone und Schuhen des Opfers sowie einem Baseballschläger. Doch die Verhandlung am Amtsgericht ist jetzt vertagt worden – und der 20-Jährige kommt

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