Weinstadt

Pseudomonas-Bakterien in Weinstadt: Strümpfelbacher Kirschbäume sterben

Kirschmuttergarten
Wolf Dieter Forster betrachtet den Schaden: Die Bäume im Kirschmuttergarten sterben reihenweise ab. © Gaby Schneider

Auf den sonst so idyllisch liegenden Wiesen unterhalb des Naturfreundehauses ein erschreckender Anblick: Mitten im Sommer recken hier um die 30 Kirschbäume kahle, tote Äste in die Luft. Hier und dort hängen noch einzelne verdorrte Blätter, vertrocknete Früchte.

Doch das ist noch nicht alles. Auch weitere Bäume im Mutterkirschgarten, die jetzt noch vermeintlich gesund aussehen, werden im kommenden Frühjahr wohl nicht mehr austreiben. Schuld an diesem Baumsterben ist nicht etwa nur die Trockenheit - sondern das Bakterium Pseudomonas.

Triebe aus dem Kirschmuttergarten dienten der Veredelung

Der Kirschmuttergarten in Strümpfelbach war einst der ganze Stolz der Gemeinde: Im 20. Jahrhundert wurden in Strümpfelbach von Obstbauern so viele Kirschen angebaut, dass diese tonnenweise mit dem Zug ins Land hinaus zum Verkauf transportiert wurden, berichtet SPD-Stadtrat und Naturfreunde-Ehrenvorsitzender Wolf Dieter Forster. Den Kirschmuttergarten brauchte es seit den 1940ern, um die von den Obstbauern aus Kirschkernen gezogenen „Wildlinge“ mit einjährigen, sortenreinen Trieben veredeln zu können, erklärt er.

Deshalb wächst bis heute im Kirschmuttergarten eine ganze Sortenvielfalt: Die einjährigen Triebe wurden früher geschnitten und auf die Stämme der Obstbäume aufgepfropft. Auch wenn diese Technik mittlerweile kaum jemand mehr beherrscht, erinnerte der Kirschmuttergarten an diese Tradition. Es sei eben mehr als eine gewöhnliche Obstwiese, sagt Wolf Dieter Forster.

Mindestens 30 Bäume sind betroffen, Stadt lässt Gutachten machen

Vor 20 Jahren hat die Stadt hier die alten Bäume größtenteils entfernt und mit Sitzungsgeldern des Technischen Ausschusses junge Kirschbäume nachgepflanzt. Auch seitdem wurden immer wieder junge Bäume eingesetzt. Jetzt ist zu befürchten, dass die meisten Bäume gefällt werden müssen. Die Stadt Weinstadt hat sich des Problems bereits angenommen: Die erkrankten Bäume sind mit rot-weißen Flatterbändern markiert worden, auch ein Baumsachverständiger solle noch vor Ort kommen, so Forster.

Wer seinen Blick über die große Wiese schweifen lässt, sieht: Flatterbänder, so weit das Auge reicht. Mindestens 30 Bäume seien inzwischen betroffen, bestätigt der Stadtrat. Es fällt auch auf, dass die Bänder längst nicht nur an den verkahlten Bäumen hängen oder an den Bäumen, an denen zumindest einzelne Äste schon vertrocknet und kahl sind. Auch augenscheinlich vitale Bäume sind markiert. Wer genauer hinschaut, sieht auch wieso: Tiefe Risse ziehen sich durch die Borke, an mehreren Stellen quillt eine geleeartige, klebrige Flüssigkeit aus dem Holz.

Trockenheit schwächt die Bäume und macht sie anfällig

Deswegen nenne man die Erkrankung der Bäume mit Pseudomonas auch Bakterienbrand oder Gummifluss, erklärt Wolf Dieter Forster. Er zeigt auf ein noch junges Bäumchen, das dicht belaubt ist, aber ein wenig die Blätter hängen lässt. „Das ist das erste Anzeichen“, weiß der Stadtrat. „Wenn die Blätter so matt aussehen.“

Die Bakterien befallen grundsätzlich Pflanzen, die sowieso schon geschwächt sind. Das komme durch die Trockenheit, so Forster. „Die schwächt die Bäume, macht sie anfällig.“ Im Herbst infizierten sich die Bäume dann - um im Frühjahr darauf dann nicht mehr richtig auszutreiben.

Wieso sind es hier so viele Bäume auf einmal? 

Zum ersten Mal sei es ihm im August vor einem Jahr aufgefallen, dass sich die Blätter von etwa 20 Bäumen frühzeitig verfärbt hätten, berichtet der Ehrenvorsitzende. Dann waren immer mehr Bäume betroffen. Ein Befall mit Pseudomonas sei zurzeit an sich nichts Ungewöhnliches, viele Bäume seien eben durch die Trockenheit sehr anfällig. Auch in seinem eigenen Garten hat er zwei betroffene Bäume.

Auffällig sei aber schon, dass im Kirschmuttergarten so viele Bäume auf einmal erkrankt sind. Eine Theorie, woran das vielleicht liegen könnte, hat er aber: Die Wiesen werden regelmäßig mit Rindern beweidet, diese lieben es, sich an den Stämmen der Bäume zu scheuern und zu kratzen - an und für sich schade das dem Baum normalerweise nicht, so Wolf Dieter Forster. Er hält es aber für durchaus möglich, dass sich die Bakterien über das Scheuern der Rinder an der durch die Trockenheit rissigen Rinde auf besonders viele Bäume verbreitet haben. Sicher sagen könne das aber niemand: „Das kann sich auch über den Wind verbreiten.“

Gegen die Erkrankung hilft nur eins: Die kranken Bäume entfernen

Doch was kann man gegen die Erkrankung überhaupt tun? Vermutlich gar nicht viel, befürchtet der Naturfreund. In Amerika zum Beispiel dürften Antibiotika gegen Pseudomonas-Befall bei Pflanzen eingesetzt werden - in Deutschland sei so etwas nicht möglich.

Die entsprechenden Zulassungen für Antibiotika fehlen. Es gebe zwar ein Mittel, das im Weinbau zum Einsatz komme - aber dabei handle es sich eigentlich um ein Fungizid. Für eine Bakterienerkrankung, wie sie im Kirschmuttergarten vorliegt, sei das Mittel deswegen eher nicht geeignet.

Ist das das Ende des Kirschmuttergartens?

Wahrscheinlich wird nur ein Ausweg bleiben: Die befallenen Bäume müssen entfernt und verbrannt werden. Und das eigentlich so schnell wie möglich. Dann müssten neue Bäume gepflanzt werden – doch wer kümmert sich um 30 oder 40 junge Kirschbäume, die bei der aktuellen Trockenheit zumindest in den ersten Jahren intensive Pflege brauchen, um überhaupt zu überleben? Auf diese Frage hat auch Wolf Dieter Forster noch keine Antwort.

Die Stadt habe unter anderem vorgeschlagen, nicht nur Kirschen, sondern auch andere Streuobstarten nachzupflanzen, um einen sofortigen Neubefall zu verhindern. Das würde dann aber auch das Ende des Kirschmuttergartens als solcher bedeuten.

Auf den sonst so idyllisch liegenden Wiesen unterhalb des Naturfreundehauses ein erschreckender Anblick: Mitten im Sommer recken hier um die 30 Kirschbäume kahle, tote Äste in die Luft. Hier und dort hängen noch einzelne verdorrte Blätter, vertrocknete Früchte.

Doch das ist noch nicht alles. Auch weitere Bäume im Mutterkirschgarten, die jetzt noch vermeintlich gesund aussehen, werden im kommenden Frühjahr wohl nicht mehr austreiben. Schuld an diesem Baumsterben ist nicht etwa nur die

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