Weinstadt

Samuel Herbrich über seine Krebserkrankung: "Kein Kampf, den ich gewinnen muss"

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Samuel Herbrich, CDU-Stadtrat, Partyorganisator und Weltreisender aus Schnait, nach überstandener Chemotherapie. © Florian Mack

Samuel Herbrich ist ein Lebemann. Eigentlich. Doch der Weinstädter, der für wilde Partys in seinem „Anwesen“ und Weltreisen mit dem VW-Bus bekannt ist, durchlebt momentan die schwerste Zeit seines Lebens. Der 37-Jährige ist an Hodenkrebs erkrankt. Nach einer Operation hat er sich, weil bereits Lymphknoten im Unterleib befallen waren, in Chemotherapie begeben – allerdings nur sehr widerwillig. Denn vor dem Tod fürchtet sich der gläubige Christ nicht: „Wenn Gott sagt, du stirbst daran, dann ist das in Ordnung für mich“, sagt er.

Bemerkenswert offen spricht der Schnaiter über seine Einstellung zu Leben und Tod, seine bewegte Gefühlswelt und warum er per Social Media alle Welt an seinem Leidensweg teilhaben lässt.

Ätsch, ich habe Krebs! Galgenhumor bei Instagram

Es klingt makaber, und das ist es hin und wieder auch: Auf Samuel Herbrichs Instagram-Profil lässt sich seine Krebserkrankung seit einigen Monaten fast in Echtzeit mitverfolgen. Immer wieder greift der 37-Jährige zum Smartphone und spricht direkt in die Kamera. Ein wiederkehrendes Motiv: bitterböser Galgenhumor. Einmal ruft er dramatisch „Gott, warum ich?“, nur um dann ein Brot aufzulesen, das ihm auf die Marmeladenseite gefallen ist. Ein andermal ruft er augenscheinlich überglücklich in die Kamera: „Heute ist Montag und ihr müsst wahrscheinlich alle arbeiten – nur ich nicht, weil ich hab' Krebs!“ Die Geste, die er dabei mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger macht, und die herausgestreckte Zunge signalisieren: Ätsch!

Wer es sich beim Blick aufs Display gerade gemütlich machen wollte in seiner Betroffenheit über das traurige Schicksal des jungen Mannes, dem bleibt bei solchen Ansagen der Trauerkloß im Halse stecken. Sind solche Scherze wirklich der Situation angemessen? Diese Frage stellt man sich und gelangt zur Erkenntnis, dass es dem Kranken gefälligst selbst zu überlassen ist, wie er mit einer möglicherweise tödlichen Diagnose umgehen möchte.

„Für mich ist das ein bisschen wie Therapie“, erklärt Samuel Herbrich die vielen Kurzclips auf Instagram, auf denen er am Anfang noch mit Vollbart, später dann ganz ohne Haare zu sehen ist. Die Aufnahmen zeichnen allerdings kein vollständiges Bild seiner vergangenen Monate. Wenn es ihm besonders schlecht gegangen sei, habe er das Smartphone nicht zur Hand genommen, gibt Samuel Herbrich zu.

An ernsten, nachdenklichen Momenten mangelt es aber auch auf seinem Instagram-Kanal nicht: Einmal, es fließt ihm gerade das Mittel in die Adern, das seine Lymphknoten von den Krebszellen befreien soll, erklärt er seine Entscheidung für eine Chemotherapie: „Ich hab’ einen Deal gemacht. Wenn es nur um mich gehen würde, wäre das für mich keine Option. Weil Tina (seine Frau, Anm. d. Red.) und ich ein Team sind, haben wir beschlossen, das so zu machen. Der Krebs ist für mich kein Kampf, den ich gewinnen muss. Entweder Gott heilt mich, oder er entscheidet sich, mich heimzuholen. Dann ist das auch okay.“

Leben? Nicht um jeden Preis: Hilflosigkeit während der Therapie

Mitte Oktober hat die Chemotherapie in einem Stuttgarter Krankenhaus begonnen, zwei Monate später, am 7. Dezember, wurde Samuel Herbrich die letzte Spritze im dritten und finalen Zyklus gesetzt. Seither geht es langsam bergauf, doch sein Körper ist immer noch sehr geschwächt. Der Schnaiter, der von Anfang an skeptisch war, sagt, er weiß noch nicht, ob es das wert war. Ende Januar soll eine Computertomografie Aufschluss über den Erfolg der Therapie geben. „Ich lebe gern, aber nicht um jeden Preis“, sagt der 37-Jährige, der 2019 für die CDU in den Weinstädter Gemeinderat eingezogen ist. Zumindest die jüngeren Weinstädter kennen ihn allerdings eher als Weltreisenden und Organisator angesagter Partys denn als Kommunalpolitiker. „Mein Ziel ist nicht, dass ich möglichst viele Tage auf der Erde habe, ich will möglichst viele gute Tage haben“, sagt Samuel Herbrich.

Doch was, wenn sein Tinnitus, der sich durch das Gift verstärkt habe, für immer bliebe? Was, wenn er nicht mehr lang genug die Luft anhalten könnte, um ohne Sauerstoffgerät zu tauchen, wie er es so gerne tut? Was, wenn der verlorene Geruchssinn nicht zurückkehrt?

„Für mich ist die Chemotherapie ein bisschen wie Aderlass“, sagt Samuel Herbrich. Auch im persönlichen Gespräch betont der 37-Jährige: Ohne den „Deal“ mit seiner Frau hätte er sich dem Prozedere nicht unterzogen. Vielleicht, gibt er zu, werde er ihr irgendwann dankbar dafür sein.

Aber noch bestimmen die überwiegend negativen Eindrücke der vergangenen drei Monate sein Bild von der Chemotherapie. Nicht nur, dass er körperlich abgebaut habe, sagt Samuel Herbrich: „Ich hatte ein dauerhaftes Unglücksgefühl. Das hatte ich noch nie. Dieses Unglücksgefühl, diese krasse Hilflosigkeit, habe ich so noch nie gespürt. Mich hat nichts mehr glücklich gemacht. Nicht mal ein gutes Essen.“

Dass der überzeugte Vollbartträger seine Haare eingebüßt hat, war für ihn hingegen kein besonders großes Problem: „Nur, dass das Doppelkinn darunter rausgekommen ist. Ich hoffe, das liegt am Cortison“, sagt Samuel Herbrich und lacht.

Ein Ziehen beim Sport - wie der Krebs entdeckt wurde

Der verloren gegangene Vollbart ist das eine – er wird Samuel Herbrich wieder wachsen. Anders verhält es sich mit dem vom Krebsgeschwür befallenen Hoden, der dem 37-Jährigen im Juli operativ entfernt worden ist. Belastet ihn das psychisch? „Nach dem Motto: Oh Gott, meine Männlichkeit geht flöten? Damit habe ich weniger ein Problem“, antwortet Samuel Herbrich. Wichtiger sei ihm die Frage nach körperlichen Einschränkungen gewesen, und die hätten sich aus der Operation nicht ergeben. Allerdings habe er später, vor Beginn der Chemotherapie, Spermien einfrieren lassen, für alle Fälle.

Doch wieso war die OP im Sommer überhaupt notwendig? Die Krankheitsgeschichte des Stadtrats beginnt schon einige Monate zuvor, im April 2020. Es war die Zeit des ersten Corona-Lockdowns, und Samuel Herbrich hielt sich gemeinsam mit einem Kumpel zu Hause fit. Bei manchen Übungen verspürte er ein unangenehmes Ziehen im Unterleib. Unter der Dusche ertastete er einen Knoten. Zum Arzt ging er jedoch erst Wochen später. Bei einer Ultraschalluntersuchung stellte sich heraus: Der Knoten war ein eineinhalb Zentimeter großer Tumor.

Kurz darauf, im Juli, lag Samuel Herbrich auf dem Operationstisch – bei vollem Bewusstsein, weil er sich für eine regionale Betäubung und gegen eine Vollnarkose entschieden hatte. Die Arbeit der Chirurgen findet er spannend. „Ich bin schon öfter zusammengeflickt worden“, sagt Samuel Herbrich und lacht. Im Laufe der Operation habe der Arzt zu ihm gesagt: „Herr Herbrich, der Hoden muss fallen.“

Nach der OP fuhr Samuel Herbrich für einige Tage in den Urlaub. Später stellte sich heraus: Der Tumor ist bösartig, er hat bereits gestreut. Daraufhin ließ sich der „Große Gatsby von Schnait“, wie ihn unsere Zeitung einmal getauft hat, zur Chemotherapie überreden.

„Leben ist wieder schön“: Samuel Herbrich nach der Chemo

Die Strapazen, die das mit sich brachte, hat er überstanden, auch wenn er die Folgen mitnehmen wird ins neue Jahr: Kurzatmigkeit, Erschöpfung und Co. „Muskeltechnisch ist noch alles ziemlich an die Wand gefahren“, sagt Samuel Herbrich. Aber bis auf einen kurzzeitigen Rückfall sind die Hilflosigkeit und das Unglücksgefühl verschwunden. Samuel Herbrich lacht – „Leben ist wieder schön, würde ich sagen.“ Auch das Essen schmeckt ihm wieder, wenngleich er deutlich kleinere Portionen verdrückt als noch vor der Chemotherapie.

Ende Januar wird sich herausstellen, ob die Behandlung erfolgreich war. Einer weiteren möchte er sich nicht unterziehen. Er hoffe, dass seine Kraft nach und nach zurückkehre, sagt Samuel Herbrich. Die Hoffnung lebt, dass er wieder gesund wird. Wenn dann noch die Corona-Krise überstanden ist, wird im „Anwesen“ in Schnait mit Sicherheit eine große Party gefeiert.

Samuel Herbrich ist ein Lebemann. Eigentlich. Doch der Weinstädter, der für wilde Partys in seinem „Anwesen“ und Weltreisen mit dem VW-Bus bekannt ist, durchlebt momentan die schwerste Zeit seines Lebens. Der 37-Jährige ist an Hodenkrebs erkrankt. Nach einer Operation hat er sich, weil bereits Lymphknoten im Unterleib befallen waren, in Chemotherapie begeben – allerdings nur sehr widerwillig. Denn vor dem Tod fürchtet sich der gläubige Christ nicht: „Wenn Gott sagt, du stirbst daran, dann

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