Weinstadt

Schwierige Standortsuche: Was geschieht mit dem Betriebsgelände der Remstalkellerei in Beutelsbach?

Beutelsbach Remstalkellerei Sommertour Features
Unter der Erde eröffnen sich die gewaltigen Dimensionen der Remstalkellerei an der Kaiserstraße in Beutelsbach. © Gaby Schneider

Der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann möchte die Remstalkellerei unbedingt in seiner Stadt, der Weinstadt, halten. „Das ist mein größter Wunsch.“ Scharmann weiß aber auch, dass dies nicht so einfach sein wird. Weinstadt ist nicht gerade mit freien Gewerbeflächen gesegnet. Schon gar nicht mit Flächen, die die sehr unterschiedlichen Anforderungen des Weinbaubetriebes erfüllen können.

Wie berichtet, hat die Remstalkellerei in einem Rundschreiben ihren Mitgliedern tiefgreifende Umstrukturierungen angekündigt. So soll das für die heutigen Verhältnisse überdimensionierte Betriebsgelände in Beutelsbach verkauft werden. Geplant ist, die Weine künftig von der WZG in Möglingen produzieren zu lassen und die heute übers ganze Remstal verteilte Traubenerfassung bei den Ortsgenossenschaften an einem Standort zu konzentrieren. Für eine solche Zentralkelter hatten die Remstäler Wengerter bereits einen Platz in Endersbach unweit der heutigen Endersbacher Kelter gefunden. Für die Verwaltung und vor allem einen attraktiven Weinverkauf eignet sich dieser eher abgelegene Standort freilich nicht.

Die Zeit drängt: Die Reserven der Genossenschaft sind aufgebraucht

„Wir prüfen mehrere Standorte“, erklärte der seit gut zwei Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende Peter Jung auf Anfrage. Die Zeit drängt. Die Lage bei der Genossenschaft ist ernst. Die Reserven sind aufgebraucht. Aufgrund der sinkenden Erlöse laufen der Remstalkellerei Mitglieder davon; die bewirtschaftete Rebfläche ist auf 450 Hektar gesunken. Zu einem Zeitplan will sich Jung nicht äußern. Klar sei jedoch, dass Corona auch der Remstalkellerei Pläne durchkreuzt hat, nicht nur was Informationsveranstaltungen und die Generalversammlung betrifft, die für den Herbst vorgesehen war.

Der Oberbürgermeister wäre nicht glücklich, wenn die Remstalkellerei in einer Nachbargemeinde fündig würde. Schließlich sei die Weingärtnergenossenschaft auch für Weinstadt „ein Aushängeschild“. Wenn es aber um die Zukunft des Weinbaus im Remstal gehe, müsse man über den Kirchturm hinausschauen, verweist Scharmann auf die Bedeutung des Weinbaus für die Natur- und Kulturlandschaft. Noch gibt es keine brachliegenden Wengert. Damit dies auch in Zukunft nicht geschieht, müsse die Remstalkellerei unterstützt werden.

An der Kaiserstraße bietet sich ein Wohngebiet an

Spannend ist nicht nur, wo es die Remstalkellerei mit ihrem Neubau hinzieht. Städtebaulich interessant ist auch, was mit dem freiwerdenden Gelände in Beutelsbach geschieht. Als die Genossenschaft 1950 mit dem Bau ihrer Kellerei begann, lag diese am Ortsrand - und in Richtung Schönbühl waren offene Felder. Heute befinden sich die Gebäude inmitten eines Wohngebietes. Als Nachnutzung bietet sich also eine Wohnbebauung an, sagt Scharmann über erste städtebauliche Überlegungen.

Eine architektonische Herausforderung dürfte sein, was mit dem tiefen Keller geschieht. Einfach zuschütten dürfte nicht möglich sein. Die Remstalkellerei hat sich einst tief in die Erde eingegraben, um Platz für ein Hochregallager, für Dutzende von bis zu 20 Meter hohen Stahltanks und für den schmucken Holzfasskeller zu schaffen, der einer der größten seiner Art in Deutschland ist.

Die Keller waren für 30 Millionen Liter Wein ausgelegt

In der Nachkriegszeit war im Weinbau Masse angesagt. Von Ertragsreduzierung, um bessere Qualitäten zu bekommen, war noch keine Rede. Die Wengerter von einst betrachten derartige Bestrebungen vermutlich als Frevel wider Gottes Willen. In den 80er Jahren wurde das Fassungsvermögen des Kellers auf 30 Millionen Liter vergrößert, die Rebfläche betrug 1000 Hektar. Der Umsatz stieg auf rund 25 Millionen Euro. Der Weinmarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert, wie das Beispiel des Trollingers zeigt. Einst begehrt und im Nu ausverkauft, gilt der Trollinger heute eher als Ballast im Sortiment. Im Jahr 2018 erbrachte die gesamte Weinlese der Remstalkellerei nur mehr rund sechs Millionen Liter, die Rebfläche ist auf unter 500 Hektar gesunken - und der Umsatz lag bei elf Millionen Euro. Dieser Vergleich zeigt, dass der Genossenschaft die alten Schuhe zu groß geworden sind. Betriebswirtschaftlich betrachtet sind die Fixkosten im Verhältnis zu Umsatz und Erlösen schlicht zu hoch.

Oberbürgermeister Michael Scharmann schließt nicht aus, dass die Stadt der Remstalkellerei die Grundstücke abkauft. Weinstadt würde so auch einem drohenden Ärger aus dem Wege gehen, so wie ihn ihr der Schönbühl beschert hat. Die Stadt hatte auf den Kauf des ehemaligen Jugendheims verzichtet. Seither schlägt sie sich damit herum, dass ihre Vorstellungen und die des Investors, wie das Areal genutzt wird, weit auseinanderdriften.

Die Pleite mit dem „Trollingersaal“

Keine Zukunft sieht Scharmann für den „Trollingersaal“. Vor wenigen Jahren hatte die Remstalkellerei diesen Veranstaltungsort mit seinem herrlichen Panoramablick übers Remstal noch für viel Geld renoviert. Eine Fehlinvestition. Sie hatte außer Acht gelassen, dass die Anwohner in ihrer Nachbarschaft keine Hochzeiten, Partys und Konzerte wünschten, sondern nach 22 Uhr auf ihre Nachtruhe pochen.

Für Weinstadt geht es bei der Umstrukturierung der Genossenschaft um mehr als das Gelände an der Kaiserstraße in Beutelsbach. Scharmann hat auch die vier Keltern in den Teilorten im Blick. In die Finanzierung des Neubaus sollen auch die Erlöse aus den Verkäufen der Keltern der Ortsgenossenschaften einfließen, so die Pläne. Diese Keltern haben eine große Tradition und prägen das Ortsbild, betont Scharmann. Sie müssten erhalten werden, um die Ortskerne zu stärken. Bei den Verkaufsplänen für die Keltern wie für das Areal an der Kaiserstraße sieht der Oberbürgermeister die Stadt als einen „wichtigen Ansprechpartner“.

Der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann möchte die Remstalkellerei unbedingt in seiner Stadt, der Weinstadt, halten. „Das ist mein größter Wunsch.“ Scharmann weiß aber auch, dass dies nicht so einfach sein wird. Weinstadt ist nicht gerade mit freien Gewerbeflächen gesegnet. Schon gar nicht mit Flächen, die die sehr unterschiedlichen Anforderungen des Weinbaubetriebes erfüllen können.

Wie berichtet, hat die Remstalkellerei in einem Rundschreiben ihren Mitgliedern

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