Weinstadt

Senioren wegen Corona isolieren: "So etwas darf nie wieder passieren"

Pflege
Raus aus der Isolation! Viele Senioren, gerade in Pflegeheimen, erleben durch Corona eine schwere Zeit. (Symbolfoto) © Alexandra Palmizi

Waltraud Bühl ist die selbstbewusste Stimme der Senioren in Weinstadt und im ganzen Rems-Murr-Kreis. Den Umgang mit alten, pflegebedürftigen Menschen während der Corona-Pandemie kritisiert sie scharf. Dass die Alten „weggesperrt“ werden, das dürfe nie wieder passieren, sagt die 74-Jährige. Jetzt will sie die Menschen wieder in Bewegung bringen, in den Kontakt miteinander. Für Impfmuffel hat sie jedoch kein Verständnis.

In Waltraud Bühls Garten am Ortsrand von Schnait, so scheint es, ist die Welt an diesem Morgen wieder in Ordnung. Vogelgezwitscher, Blütenpracht, Sonnenschein. Die Seniorin im blumigen Sommerkleid ist ebenfalls gut gelaunt, plaudert über Rosen und Eidechsen – doch als die Sprache auf die vergangenen eineinhalb Jahre kommt, wird ihre Stimme ernst. „Was die Politik da vorgegeben hat, war katastrophal“, sagt Waltraud Bühl.

Die Stimme der Seniorinnen und Senioren findet deutliche Worte

Als es kürzlich im Sozial- und Kulturausschuss der Stadt Weinstadt um die zukünftige Ausrichtung des Weinstädter Stadtseniorenrats ging, den die Schnaiterin seit nunmehr zehn Jahren führt, fand sie bereits deutliche Worte: „Schockstarre“ habe unter den Bewohnern der Pflegeheime im Frühjahr 2020 geherrscht. Diese seien zu ihrem Schutz regelrecht „weggesperrt“ worden. Mit schlimmen Folgen für Körper und Geist.

„So etwas darf nie wieder passieren“, sagte Waltraud Bühl in der Jahnhalle. Beim Gespräch in ihrem Garten legt sie nach: „Vor der Impfung waren ja alle Senioren dazu verdammt, zu Hause zu bleiben, ohne Kontakt zu anderen Menschen. Diese Ansage war so nicht zulässig!“ Viele seien seither in psychischer Behandlung. Vor allem der Tonfall störte die 74-Jährige. Sie hätte sich mehr Fingerspitzengefühl gewünscht. Gerade in den Pflegeheimen, wo die Sicherheitsvorkehrungen bis heute viel zu streng seien, habe Aufruhr geherrscht. „Erklären Sie mal einem Patienten mit Alzheimer, dass er ab jetzt zu Hause bleiben muss!“

Doch auch fitte Alte seien in die Defensive gedrängt worden: „Die Senioren, die unterwegs waren, sind auf der Straße verbal angegriffen worden.“ Ihr selbst sei das beim Einkaufen mehrere Male passiert.

Es ist wichtig, die Menschen wieder zusammenzubringen

Dabei erkennt Waltraud Bühl durchaus an, dass die Situation gerade zu Beginn sehr schwierig zu bewältigen war. Auch sei es „irrsinnig“, Covid „wegzudiskutieren“ oder „kleinzureden“. Sie hat selbst Menschen gekannt, die daran gestorben sind. Doch die Folgen der monatelangen Isolation zum Schutz vor dem Virus seien nicht ausreichend bedacht worden.

Umso wichtiger ist es der 74-Jährigen, dass Institutionen wie der Stadtseniorenrat oder das Deutsche Rote Kreuz, in dem sie sich ebenfalls engagiert, die Menschen jetzt wieder in Bewegung bringen. Zumindest alle, die sich haben impfen lassen – hinter dieser strikten Politik steht Waltraud Bühl, die selbst im März mit Biontech geimpft wurde. Es sei fatal, wenn sich jetzt eine Impfmüdigkeit breitmache, zumal unter Älteren. „Da hab' ich mir schon den ein oder anderen zur Brust genommen.“

Erste Ausflüge hat der Stadtseniorenrat bereits unternommen, und auch die Bewegungskurse beim DRK sind wieder angelaufen. Die Aufarbeitung der Corona-Zeit, die bei den meisten ihre Spuren hinterlassen hat, läuft nebenher, in den Gesprächen, die endlich wieder möglich sind.

Auch für die Ehrenamtlichen ist das Zusammenkommen wichtig

Das ist nicht nur für diejenigen Balsam, die das Angebot wahrnehmen, sondern auch für die ehrenamtlich Engagierten. In den vergangenen eineinhalb Jahren war der Stadtseniorenrat nämlich nicht tatenlos, sondern unter anderem mit seiner Neuausrichtung beschäftigt, die der Gemeinderat bereits abgesegnet hat. Das war im Sinne der Kontaktvermeidung ein Kraftakt.

Herausgekommen ist folgendes: Es sollen sich in Zukunft alle interessierten Bürger im Gremium einbringen können, die Lust dazu haben, nicht mehr nur Abgesandte der Vereine und Institutionen. „Wir hoffen, so ein paar Jüngere dazuzugewinnen“, sagt Waltraud Bühl. Es gebe schließlich noch genügend zu tun in Weinstadt – mehr Sitzmöglichkeiten zu schaffen, Mittagstische für Senioren in den Stadtteilen zu organisieren, ...

Sie selbst, sagt Waltraud Bühl, werde sich im Herbst noch einmal aufstellen lassen, für zwei weitere Jahre. Und sich dann langsam, aber sicher zurückziehen: „Loslassen ist kein Problem“, sagt Waltraud Bühl. „Und dann will ich auf Reisen gehen.“ Hoffentlich ohne Corona-Einschränkungen.

Waltraud Bühl ist die selbstbewusste Stimme der Senioren in Weinstadt und im ganzen Rems-Murr-Kreis. Den Umgang mit alten, pflegebedürftigen Menschen während der Corona-Pandemie kritisiert sie scharf. Dass die Alten „weggesperrt“ werden, das dürfe nie wieder passieren, sagt die 74-Jährige. Jetzt will sie die Menschen wieder in Bewegung bringen, in den Kontakt miteinander. Für Impfmuffel hat sie jedoch kein Verständnis.

In Waltraud Bühls Garten am Ortsrand von Schnait, so scheint es,

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