Weinstadt

So war das erste Jahr in Deutschland

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Im Deutschkurs des Arbeitskreises Asyl gibt’s keinen Frontalunterricht – beim Memoryspielen werden Vokabeln gelernt. © Jansen / ZVW
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Sajid Mahmoud. © Jansen / ZVW
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Sameer Saleh. © Jansen / ZVW
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Juneid Muhammad. © Jansen / ZVW
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Adnan Mahmoud. © Jansen / ZVW
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Nazir Ahmad. © Jansen / ZVW
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Abid Khan. © Jansen / ZVW
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Ali Qasim. © Jansen / ZVW
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Saeed Muhammad. © Jansen / ZVW
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Shehzad Baloch. © Jansen / ZVW
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Usman Gani. © Jansen / ZVW

Weinstadt-Beutelsbach. Knapp ein Jahr ist es her, da zogen 50 Asylbewerber aus Pakistan, Iran und Sri Lanka ins Schefflerhaus auf dem Schönbühl. Nun müssen die jungen Männer wieder ausziehen: Sie werden nach Plüderhausen umquartiert. Wir haben mit zehn von ihnen über ihre Erfahrungen in Deutschland, ihre Träume und Zukunftsängste gesprochen.

Richtig Deutsch lernen, eine Ausbildung machen, studieren – die Ziele der zehn jungen Männer aus Pakistan haben eines gemeinsam: Sie alle wollen etwas aus ihrem Leben machen, das ihnen in ihrer Heimat verwehrt blieb. Sie haben sich in dem einen Jahr in Beutelsbach gut eingelebt, Kontakte geknüpft, ein soziales Netz aufgebaut. Dass sie nun umziehen sollen, macht ihnen Angst. Vor der Ungewissheit, davor, wieder von vorne anfangen zu müssen, davor, zu verlieren, was sie sich aufgebaut haben, davor, abgelehnt zu werden.

„Wir sind alleine in Deutschland, ohne unsere Familien“, sagt Sameer Saleh. Der 25-Jährige stammt aus Belutschistan, einer Provinz in Pakistan, in der Rebellen für die Unabhängigkeit kämpfen (wir berichteten). Damals hat der junge Mann, der in seiner Heimat Wirtschaft studiert hatte, die Fragen noch auf Englisch beantwortet. Heute, ein halbes Jahr später, geht es schon auf Deutsch. Hier in Beutelsbach habe er eine Art Familienersatz gefunden, sagt er. „Ich habe schon zu Hause erzählt, dass ich hier auch eine Mutter und eine Großmutter gefunden habe.“

„Am Anfang war es schwierig, uns zurechtzufinden“

Video: Die jungen Flüchtlinge erzählen, was sie besonders bewegt.

„Ohne die Helfer würde nichts gehen“, sagt Saeed Muhammad, ebenfalls Belutsche und 21 Jahre alt. „Am Anfang hatten wir keine Ahnung von Deutschland und es war schwierig, uns zurechtzufinden.“ Inzwischen aber ist er angekommen, erst kürzlich hat er in Waiblingen einen Deutschkurs begonnen. Er möchte sein Deutsch so weit verbessern, dass er hier eine Ausbildung machen kann – zum Automechaniker, in dem Beruf, den er auch in seiner Heimat ausgeübt hat. Den Kurs muss er selbst bezahlen, denn Pakistani haben keinen Anspruch auf staatlich geförderte Integrationskurse. Abends arbeitet Muhammad deshalb in einem Restaurant in Stuttgart, spült Teller, Töpfe und Pfannen. Oft kommt er spät in der Nacht heim und geht dann zu Fuß die drei Kilometer vom Bahnhof Beutelsbach zu seiner Unterkunft auf dem Schönbühl.

Die Ankunft in München war ein Schock

Shehzad Baloch, ebenfalls Belutsche, ist vor allem die Ankunft am Münchner Hauptbahnhof im Gedächtnis geblieben. „Die ersten zwei Tage waren wirklich ein Schock. Dort waren so viele Menschen und man hat uns von den anderen getrennt“, erinnert sich der 24-Jährige. Es sei das Gerücht umgegangen, Afrikaner und Pakistani würden sofort wieder heimgeschickt. Dass er und seine Cousins es trotzdem nach Neuenstadt und weiter auf den Schönbühl geschafft haben, empfindet er als großes Glück – auch wenn die ersten Wochen fernab der Familie hart waren: „Es war Winter und wir saßen nur auf unserem Zimmer, hatten nichts zu tun. Ich war richtig deprimiert“, sagt Baloch. Einen Motivationsschub hat ihm der vom Arbeitskreis Asyl organisierte Deutschkurs gegeben: Seine Leistungen waren so gut, dass er einen weiterführenden Kurs an der Volkshochschule gesponsert bekam. Sein Ziel: Er möchte sein in Pakistan begonnenes Soziologiestudium hier fortsetzen. Gemeinsam mit Juneid Muhammad und Ali Qasim nimmt Baloch derzeit an einem Kurs teil, der auf eine Berufsausbildung in der Metallbranche vorbereiten soll. Sechs Wochen lang sind die drei dafür jeden Morgen um 4 Uhr aufgestanden und mit der Bahn nach Winnenden gefahren – Arbeitsbeginn in der Paulinenpflege war um 7 Uhr. Stolz zeigt Juneid Muhammad auf seinem Handy Fotos von seinem Werkstück: einer Lokomotive aus Metall. Weil sein Deutsch noch nicht so gut ist, hilft Baloch ihm und übersetzt: „Zu Hause war ich nur etwa zwei Wochen auf der Schule. Aber als ich in Deutschland angekommen bin, habe ich gesehen, dass alle etwas lernen. Da wollte ich auch etwas aus mir machen.“ Sein Traumberuf: Metallbauer.

Wünsche, Träume, Ziele

Arbeiten und lernen, das wollen sie alle: Abid Khan, der acht Jahre lang in der Zeitungsfabrik seines Schwagers gearbeitet hat, Nazir Ahmad, der Maurer, der in Pakistan nie eine Schule besucht hat, und Adnan Mahmoud, der Schneider, der in einer Fabrik Hosen, T-Shirts und Jacken genäht hat, aber nun keinen Platz im offiziellen Deutschkurs bekommt, weil er Pakistani ist. Sajid Mahmoud sagt, er sei einfach glücklich, dass er hier zur Schule gehen und ein Praktikum machen könne.

Auch Usman Gani sieht endlich eine Chance für sich. Zehn Jahre lang hat er sich in Griechenland als Maler und Fliesenleger verdingt, bevor er nach Deutschland kam. In Pakistan hatte er als Halbwaise nur selten eine Schule besucht: Früh musste er sich um die jüngeren Geschwister kümmern. Dass er nun ein Jahr lang Bundesfreiwilligendienst bei der Diakonie Stetten leisten darf, verdanke er den AK-Helfern. „Sie haben mich aus meinem Zimmer und zum Deutschkurs gezogen, auch wenn es mir mal nicht so gut ging“, sagt der 26-Jährige.

Video: Was wünschen sich die Flüchtlinge im Schönbühl für ihre Zukunft?

Umzug nach Plüderhausen zerreißt soziale Gefüge

„Der Umzug nach Plüderhausen ist eine Katastrophe“, sagt Saeed Muhammad. Die anderen jungen Männer nicken zustimmend, aber resigniert. Sie sind machtlos: Nicht nur werden sie aus ihrem sozialen Gefüge gerissen, auch die Bahntickets nach Stuttgart oder Waiblingen werden teurer, die Wege länger. Als einzige Möglichkeit bleibt ihnen, eine eigene Wohnung in Beutelsbach zu finden – doch die Chancen gehen gegen null. „Wir sind sehr glücklich hier mit unserer Beutelsbacher Familie“, ergänzt Sameer Saleh. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Was in Plüderhausen passieren wird, das wissen wir nicht.“

Sie müssen gehen

Spätestens Ende November müssen die 70 Asylbewerber, die derzeit noch im Schefflerhaus leben, den Schönbühl verlassen.

Klar ist bisher nur, dass die Flüchtlinge nach Plüderhausen verlegt werden. Wo sie dort wohnen werden, wissen sie noch nicht.

Die einzige Möglichkeit, dem Umzug zu entgehen, wäre, eigene Unterkünfte zu finden. Doch die Chancen stehen schlecht.