Weinstadt

Sprungbrett im Freibad Beutelsbach abgebaut

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Im August 2013 war das rund ein Meter hohe Sprungbrett im Beutelsbacher Freibad noch in Betrieb. © ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)
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Christiane Widmann.
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Bernd Klopfer

Weinstadt-Beutelsbach. Aus Angst vor Entschädigungszahlungen bei einem Unfall hat Weinstadt das Einmetersprungbrett im Beutelsbacher Freibad entfernt. Das Hochbauamt begründet den Entschluss mit der zu geringen Wassertiefe und beruft sich auf einen Fall aus Bayern. Verwunderlich: Erst 2018 wurde das Sprungbrett durch ein neues ersetzt, ohne die Wassertiefe zu prüfen.

An diesem Samstag öffnet das Beutelsbacher Freibad zum ersten Mal in diesem Jahr – allerdings ohne das gerade beim Nachwuchs beliebte Einmetersprungbrett. Die Stadtverwaltung gab am Donnerstag in einer kurzen Pressemitteilung bekannt, dass sich bei einer Sicherheitsüberprüfung herausgestellt habe, dass die Wassertiefe des Schwimmbeckens für ein Sprungbrett nicht ausreichend sei. Um die Sicherheit der Badegäste zu gewährleisten, sei das Brett abgebaut worden. Das Ganze wirft natürlich weitere Fragen auf. Seit rund 80 Jahren gibt es das Beutelsbacher Freibad, das Sprungbrett steht also nicht erst seit ein paar Monaten dort. Wieso wurde in all den Jahren nicht überprüft, ob das Wasser tief genug ist? Wer mit einem Hechtsprung ins Wasser hüpft und mit dem Kopf am Boden aufkommt, kann sich schließlich so stark verletzen, dass er für den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt ist – oder schlimmeres.

Späte Kenntnis eines Unfalls von 2008 führt zu Abbau des Bretts

Ein Vertreter des Hochbauamts, mit dem unsere Zeitung am Donnerstag sprach, erklärte, dass der Anlass für die jetzige Überprüfung der Wassertiefe ein Badeunfall im oberbayerischen Bad Aibling gewesen sei, wegen dem die Stadt einem Badegast eine Entschädigung zahlen musste. Ein Mann hatte mit einem Hechtsprung von einem 0,63 Meter hohen Brett einen Genickbruch erlitten, weil das Becken nur 2,34 Meter tief war. Das klang zunächst so, als ob das Gerichtsurteil erst kürzlich getroffen wurde. Ein kurzer Blick ins Internet zeigt jedoch: Der Unfall hat sich bereits 2008 ereignet, die Gerichtsentscheidung ist vom Frühjahr 2010. Heißt: Weinstadt hätte schon vor neun Jahren davon erfahren können.

3,40 Meter werden empfohlen - das Becken ist nur 2,80 Meter tief

Laut einem Bericht des Onlinemediums Mangfall24 des Oberbayerischen Volksblatts verurteilte das Gericht damals die Stadt Bad Aibling, obwohl es kein Regelwerk für Sprungbretter unter einem Meter gab. Der zuständige Richter wird in dem Bericht mit den Worten zitiert, dass solch ein Sprungbrett auch nicht mit einem Startblock gleichzusetzen sei, für den nur eine Wassertiefe von 1,80 Meter vorhanden sein müsse. Grund: Auch ein arretiertes Brett kann bei einem Sprung aus dem Stand nach unten durchbiegen und zurückfedern – was wiederum die Unfallgefahr erhöht.

Die Stadt Weinstadt hätte, selbst wenn sie von dem Unfall in Bad Aibling nichts mitbekommen hätte, Kenntnis von einer neuen Richtlinie der Haftpflichtversicherer aus dem Jahr 2009 haben können, nach der selbst für Sprunganlagen unter einem Meter nun eine Mindestwassertiefe von 3,40 Meter empfohlen wird. Nur noch mal zum Vergleich: Das Beutelsbacher Freibad ist nur bis zu 2,80 Meter tief.

Heiße Debatte auf Facebook

In der öffentlichen Weinstadt-Gruppe auf Facebook wird die Maßnahme der Stadt seit Donnerstagabend bereits kontrovers diskutiert. „Welcher Hirnverbrannte hat denn das entschieden?“, schreibt etwa Nutzer Patrick Vaihinger. Vertreter dieser Auffassung halten die Reaktion der Stadt für übertrieben. Auch Stadträte schalteten sich in die Diskussion ein. Theo Bachteler (SPD) empfiehlt: „Hopfet halt vorsichtig vom Rand aus nei.“ Und Sabine Dippon (Freie Wähler) schreibt mit einem Augenzwinkern: „Wäre vielleicht eine Rutsche für Erwachsene denkbar“.

Fakt ist, dass das abgebaute Sprungbrett im Beutelsbacher Freibad die Leute umtreibt. Im vergangenen Jahr gab es 26 172 Besuche, das Freibad ist ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. Wir wollten deshalb von der Stadt Weinstadt wissen, was sie tun will, um nach dem Abbau des Sprungbretts den Verlust der Attraktivität auszugleichen. Dazu stellt der Weinstädter Pressesprecher Holger Niederberger fest: „Es gilt: Sicherheit vor Attraktivität! Selbstverständlich wird es von nun an im Beutelsbacher Freibad kein Sprungbrett mehr geben.“ Eine Veränderung der Beckentiefe oder ein weiteres Sprungbecken sei in keiner Weise darstellbar. Das stelle in der Tat einen Verlust an Attraktivität dar und sei sehr bedauerlich. „Jedoch kann man mit Blick auf das Freibad Strümpfelbach feststellen, dass auch ein Freibad ohne Sprungbrett für Kinder und Jugendliche durchaus attraktiv sein kann“, betont Niederberger. Eventuell, räumt der Pressesprecher ein, müsse sich die Stadt überlegen, ob sie früher oder später eine andere Attraktion bieten kann.

Was den Punkt angeht, dass Weinstadt schon viel früher das Sprungbrett hätte abbauen können, wenn sich die Verantwortlichen besser informiert hätten, teilt Holger Niederberger Folgendes mit: „Die Stadtverwaltung kann zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass der Umstand der zu geringen Wassertiefe jetzt festgestellt wurde und entsprechende Maßnahmen daher umgehend getroffen wurden.“


Auch Schutz hat Grenzen

Ein Kommentar von Christiane Widmann

Sicherheit – das wünscht sich jeder Mensch. Nicht in Angst leben müssen; auch einmal leichtsinnig sein dürfen, ohne ernste Konsequenzen befürchten zu müssen. Gut ist es, wenn Gesetzgeber und Verwaltungen eine Umgebung schaffen, in der ein Mensch sich sicher fühlen kann. Ob jedoch die Umgebung bis zum letzten Zentimeter Beckentiefe unterm Einmeterbrett reguliert werden muss, darüber lässt sich streiten. Denn es stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen Schutz und Überbehütung verläuft. Nein, grundsätzlicher noch: Es stellt sich die Frage, wo Bevormundung beginnt – und bis zu welchem Punkt ein Mensch schlicht in der Lage sein sollte, auf sich selbst achtzugeben (oder zumindest aufs Aufsichtspersonal zu hören). Zumal im aktuellen Fall nicht einmal dringender Handlungsbedarf herrscht: Das Bad ist keineswegs als Unfallschwerpunkt bekannt – die Angst vor einer in der Liegewiese lauernden Wespe hat so manchen Besucher (einschließlich die Autorin) deutlich mehr begleitet als die Sorge, beim Sprung vom Einer zu verunglücken. Die (sowieso peinlich späte) Maßnahme der Stadtverwaltung wirkt vor diesem Hintergrund schlicht absurd.


Jahrelang geschlafen

Ein Kommentar von Bernd Klopfer

Es lässt sich nicht schönreden: Die Verantwortlichen bei der Stadt haben in puncto Sicherheit im Freibad jahrelang geschlafen. Hätte sich ein Badegast beim Sprung vom Einmeterbrett verletzt, dann hätte Weinstadt im Fall einer Gerichtsverhandlung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Entschädigung zahlen müssen – und zwar völlig zu Recht.

Die Stadt hätte schon vor Jahren die Wassertiefe nachmessen müssen. Wenn die Verantwortlichen sich informiert hätten, wäre das auch passiert. Immerhin macht Weinstadt jetzt alles richtig und hat das Brett sofort abgebaut. Wer in Kenntnis des Risikos trotzdem nichts tut, würde grob fahrlässig handeln – und zwar auf Kosten der Gesundheit von Menschen. Das sollten all jene bedenken, die das Handeln der Stadt als übertrieben ansehen. Abgesehen davon würde es Weinstadt viel Geld kosten und das Ansehen schädigen, wenn so etwas vor Gericht landet.

Eines allerdings ist auch klar: Das Beutelsbacher Freibad ist jetzt weniger attraktiv. Die Stadt sollte sich zumindest überlegen, was getan werden kann, um die Attraktivität wieder zu steigern.