Weinstadt

Stetten-Beinstein: Frau stürzt in den Spalt zwischen Bahnsteig und Zug

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Seit Jahren steht der große Abstand zwischen Zug und Bahnsteig in der Kritik. © Gabriel Habermann

Weinstadt-Endersbach. Erneut ist eine Seniorin in die Bahnsteig-Falle getappt – und hat nun mit Langzeitfolgen zu kämpfen. Die 86-Jährige stürzte im Mai an der Haltestelle Stetten-Beinstein beim Aussteigen in den Spalt zwischen Zug und Bahnsteig. Sie hat eine Fleischwunde davongetragen, die selbst zwei Monate später noch nicht geheilt ist. Ihr Ehemann fordert: Der Zustieg muss endlich barrierefrei werden.

Schon mehr als zwanzig Jahre ist es her, dass die Deutsche Bahn vertraglich zugesichert hat, den Bahnsteig an der S-Bahn-Haltestelle Stetten-Beinstein barrierefrei auszubauen. Höchste Zeit, dieses Versprechen einzulösen, findet der Endersbacher Martin Selle. Seine Ehefrau, die 86-jährige Helmi Selle, ist im Mai in den berüchtigten Spalt zwischen Waggon und Bahnsteigkante gestürzt, als sie am Zugende aussteigen wollte. Seither hat sie mit einer Fleischwunde am linken Schienbein zu kämpfen, die einfach nicht recht zuwachsen will. Sie sei deshalb in ärztlicher Behandlung und habe erst vor wenigen Wochen im Krankenhaus Schorndorf einen Teil der Wunde beschneiden und neu vernähen lassen müssen, schreibt Selle.

Die Gefahr, die von dem Spalt ausgeht, ist schon seit Jahren bekannt. Er ist über den Bahnsteig verteilt zwischen 15 und 27 Zentimeter breit. Durch die Schräglage der S-Bahn in der Kurve Richtung Schorndorf müssen Aus- und Einsteigende außerdem einen Höhenunterschied von 25 bis zu 35 Zentimetern überwinden. Das ist nicht nur für Senioren eine Herausforderung.

Immer wieder gibt es beim Ausstieg Unfälle

Helmi Selle war keineswegs die Erste, die dem großen Abstand zum Opfer gefallen ist. Besonders schockierte ein Vorfall vor bald zwei Jahren, als ein 80-Jähriger vor den Augen seiner Tochter in den Spalt fiel, mit dem Bein stecken blieb und gerade noch rechtzeitig von Helfern befreit werden konnte, bevor die S-Bahn anfuhr. Ein künstliches Hüftgelenk musste ihm nach dem Unfall trotzdem eingesetzt werden.

Damals schien Bewegung in die Sache zu kommen. Die Bahn hatte erst wenige Monate zuvor als Reaktion auf zwei Kernener und Weinstädter Gemeinderatsresolutionen mitgeteilt, dass es möglich sei, die Bahnsteige um 20 Zentimeter zu erhöhen. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür würden geschaffen. Nach dem Unfall des Seniors schrieb der damalige Weinstädter Oberbürgermeister Jürgen Oswald einen geharnischten Brief an den Konzernbevollmächtigten Sven Hantel, in dem er an diese Zusage erinnerte. Wenige Monate später stand es schließlich im Raum, schon 2018 den Bahnsteig zu erhöhen.

Dauerthaft erhöhte Bahnsteige könnten ein Problem für Güterzüge sein

Doch seither scheint das Projekt versandet zu sein. Wie berichtet, standen im vergangenen Herbst technische Probleme zur Debatte. Im Kern ging es darum: Dauerhaft erhöhte Bahnsteige könnten Probleme für Güterzüge verursachen, deshalb wären einfahrbare Erhöhungen nötig. Die Bahn verhandelte trotzdem mit dem Verband Region Stuttgart ein Finanzierungskonzept. Seither wurde es still um das Vorhaben.

Für Selle ist ganz klar: Es muss endlich vorangehen. Auf seine Beschwerde bei der Bahn hin erhielt er die Antwort, die Abstände seien nachgemessen worden und entsprächen den Anforderungen an den dort herrschenden Verkehr. Das entsprechende Schriftstück liegt dieser Zeitung vor. „Sie liegen im Rahmen dessen, was die Rechtsprechung als gefahrlos überwindbar und zumutbar ansieht, sofern der Reisende die ihm obliegende eigene Sorgfalt beachtet“, heißt es darin weiter. Eine Frechheit, findet Selle: Schließlich ist seine Frau nur ein Beispiel von vielen – und gewiss nicht selbst schuld an ihrem Sturz.

Erster Umbau 2018

Ob der Bahnsteig erhöht werden kann und wie die Finanzierung aussähe, ist weiterhin nicht klar.

Der jüngste Stand der Stadtverwaltung ist, dass der Weg zum Bahnsteig von Februar bis Dezember 2018 mit Rampen und Aufzügen ausgestattet werden soll. Seither sind dem Pressesprecher Jochen Beglau zufolge keine weiteren Informationen eingegangen.