Weinstadt

Streit um Auto eskaliert

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Symbolbild. © ZVW/Joachim Mogck

Weinstadt. Es ging um ein Auto. Das hatte der Onkel seiner Nichte geschenkt, oder zumindest zur Verfügung gestellt. Weil sie sich nicht an seine Vorgaben hielt, ließ er es abschleppen. Es kam zur Konfrontation – und die verbale Auseinandersetzung eskalierte zur Schlägerei.

Der Ex-Freund der Nichte musste sich nun vor dem Waiblinger Amtsgericht wegen schwerer Körperverletzung verantworten. Am Ende wurde das Verfahren eingestellt.

Geschlagen und getreten haben soll ein Mann den Onkel seiner Ex-Freundin, auch als dieser bereits am Boden lag. Der Onkel soll dadurch eine Platzwunde am Kopf, Prellungen und Schürfwunden, wegen derer er im Krankenhaus behandelt werden musste, davongetragen haben. Ein Stück Schneidezahn soll abgebrochen sein. Weil er unter Angstzuständen und Schlaflosigkeit gelitten haben soll, soll er etwa vier Wochen lang arbeitsunfähig gewesen sein. So zumindest steht es in der Anklageschrift. Doch der Geschädigte verstrickt sich später selbst in Widersprüchen.

Zunächst sagt jedoch der Angeklagte, Kevin F. (alle Namen von der Redaktion geändert), aus. 33 Jahre ist er alt, geschieden, hat ein Kind, 30 000 Euro Schulden. Zum Tatzeitpunkt – der inzwischen fast drei Jahre zurückliegt – sei er mit Jacqueline M. liiert gewesen. Deren Onkel habe seiner Nichte ein Auto schenken wollen, es dann aber unter fadenscheinigen Gründen doch auf sich selbst zugelassen.

"Er hat gedroht, er werde ihn schon bekommen"

Er stellte es Jacqueline M. zur Verfügung – machte aber danach Vorgaben, wie es zu nutzen sei. Das habe sie sich nicht bieten lassen wollen. Daraufhin habe der Onkel sie mit Anrufen und Nachrichten bombardiert. Der Streit am Telefon eskalierte und der Onkel forderte den Wagen zurück. „Er hat gedroht, er werde ihn schon bekommen“, so der Angeklagte. Als dann eines Morgens das Auto plötzlich aus der Einfahrt verschwunden war, fiel der Verdacht des Paares sofort auf den Onkel.

Damit lagen die beiden gar nicht falsch, wie sich in der Verhandlung herausstellt. Zwar hatte der Onkel das Auto nicht selbst abgeholt – wohl aber einen Abschleppdienst beauftragt. Das wusste das Pärchen damals nicht und machte sich auf den Weg aus dem Ruhrgebiet nach Weinstadt, um den Onkel zur Rede zu stellen. Was dann geschah, davon gibt es mehrere Versionen. Aber immerhin die des Angeklagten und des Bruders seiner damaligen Freundin decken sich: Es sei zum Streit gekommen, der Bruder habe den Onkel gepackt und Jacqueline M. sei dazwischengegangen. Dabei habe sie von ihrem Onkel einen Schlag in die Magengegend abbekommen und sei zu Boden gegangen. Daraufhin habe Kevin F. eingegriffen und sei auf den Onkel losgegangen.

Aus einem abgebrochenen Zahn werden verschobene Zähne

Der hat sich anscheinend bereits in seinen Aussagen bei der Polizei mehrfach widersprochen und bleibt auch vor Gericht in dieser Tradition. Aus einem abgebrochenen Schneidezahn werden verschobene Zähne, in welchem Krankenhaus er war, fällt ihm erst nach kurzem Überlegen ein, und ein Attest gibt es nicht. Auch die Ex-Freundin des Angeklagten überlegt es sich vor Gericht anders und revidiert die Aussage, die sie bei der Polizei gemacht hat. Ihr damaliger Freund habe sie dazu aufgefordert, die Sache so darzustellen, damit er selbst besser dastehe. Ihre Magenschmerzen an dem Tag hätten vom Stress hergerührt – und Familie sei eben Familie, das zähle doch und da wisse man, was man habe.

Am Ende halten sowohl die Richterin als auch die Staatsanwältin die Version des Angeklagten und des Bruders seiner Ex für die wahrhaftigste. Uneinigkeit herrscht lediglich darüber, ob das Verfahren nun mit oder ohne Auflage eingestellt werden könne. Für die Staatsanwältin war die Reaktion des Angeklagten unverhältnismäßig gewalttätig, sie hält daher eine Geldstrafe für angebracht.

Verfahren eingestellt

Die Vorsitzende Richterin Dotzauer hingegen sieht in einer Geldstrafe eine unangebrachte Belastung für den Angeklagten – zumal die Tat bereits fast drei Jahre zurückliege und der Mann sich mit Kind und neuem Job inzwischen ein komplett neues Leben aufgebaut habe.

Und: „Selbst wenn es hier ein Zuviel an Nothilfe gegeben hätte“, fügt die Richterin Dotzauer hinzu, käme bei einer Verurteilung aus ihrer Sicht lediglich fahrlässige Körperverletzung in Betracht. Und die würde sie mit einer Verwarnung aburteilen. Denn den Geschädigten finde sie als Zeugen „einfach schwierig“. Die Verteidigerin argumentiert, auch die Zeugenaussage der Ex-Freundin sei nicht haltbar. Schließlich willigt die Staatsanwältin ein: Das Verfahren wird ohne Auflage eingestellt. Damit ist Kevin F. nicht vorbestraft und muss auch nicht die Kosten des Verfahrens tragen. Die übernimmt in so einem Fall die Staatskasse.


Geschädigter ist gerichtsbekannt

Der Mann, der in diesem Verfahren als Geschädigter auftritt, ist dem Gericht aus anderen Fällen wohlbekannt, wie die Richterin Christel Dotzauer anmerkt.

„Er ist in letzter Zeit ganz oft bei uns aufgetaucht, immer in der Opferrolle“, fährt sie fort.

Für „einfach schwierig“ befindet Dotzauer den Geschädigten am Ende der Verhandlung. „Erst fehlt ein Stück vom Zahn, dann sind die Zähne verschoben und dann gibt es nicht mal ein Attest.“

Auch von einer falschen Anschuldigung, die der Geschädigte in der Vergangenheit vorgebracht hat, berichtet die Richterin.

Dass der vorliegende Fall erst nach knapp drei Jahren vor Gericht landet, bezeichnet die Verteidigerin als „eine Bombe“. Das sei eigentlich nicht zumutbar.