Weinstadt

Traktor-Gottesdienst im Endersbacher Trappeler

Traktorgottesdienst im Trappeler
Pfarrer Michael Schneider hielt den Gottesdienst im Trappeler von einem Anhänger herunter. © Büttner

„Es gibt viele Dinge, die sind so selbstverständlich geworden, dass man sie gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, wie auch das Sonntagsläuten der Glocken und die Einladung zum Gottesdienst. Man bemerkt sie erst, wenn sie nicht mehr da sind und einem schmerzlich fehlen. Aber wenn die Gläubigen nicht zur Kirche kommen dürfen, dann ist es gut, wenn die Kirche zu den Menschen kommt“, sagte ein älteres Ehepaar, das am Sonntag von Beinstein zur Wiese beim ehemaligen Steinbruch im Endersbacher Trappeler die Rems entlang spaziert war.

Eine knapp hundertköpfige Gemeinde, darunter erstaunlich viele junge Menschen, hatte sich dort versammelt. Sie waren zu Fuß, mit dem Fahrrad, per Auto und sogar hoch zu Pferd aus dem Trappeler, aus Endersbach, Beinstein und aus Großheppach zusammengekommen, um miteinander einen sogenannten „Traktor-Gottesdienst“ zu feiern. Eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde Endersbach unter der Regie von Pfarrer Michael Schneider – streng darauf bedacht, die durch die Hygienevorschriften geforderte harmonische Distanz von mindestens zwei Metern nicht zu verletzten.

Auf einem Anhänger, der von einem Deutz-Fahr-Traktor gezogen wurde, war ein liebevoll dekorierter Altar mit Kreuz, Kerzen und Blumen errichtet. Von ihm herunter wandte sich Pfarrer Schneider an die Gemeinde, nachdem das von Priscilla (Waldhorn), Jonas (Posaune) sowie Albert und Christiane Hekeler (Trompete) vorgetragene musikalische Vorspiel verklungen war. Leider, so der Pfarrer, sei das gemeinsame Singen durch die auf den Gottesdienst anzuwendende Seuchenschutzverordnung verboten, weshalb auch an diesem Sonntag, der im Kirchenkalender den Namen „Kantate“, also „Singt!“, trage, nicht miteinander gesungen werde. Sowieso passten Singen und Gesichtsmaske nicht zusammen. Verboten sei allerdings nicht das gemeinsame Beten, „Hoffnung ist erlaubt, und auch Glauben ist erlaubt“, lud Schneider ein, der stellvertretend für die Gemeinde Psalm 98 „Der königliche Richter aller Welt“ vortrug.

Seine Predigt widmete Schneider dem 2. Buch der Chronik 5, Vers 12-14, in dem die Einweihung des salomonischen Tempels beschrieben wird. Der Bibeltext, so Schneider, lese sich fast als Negativpause zu der Situation, in der sich die Gemeinde zusammengefunden habe: „Einweihung des Tempels - wir sind draußen auf einem Anhänger. 120 Priester bliesen die Trompete. Dazu kommt noch mal das Gleiche an Sängern … bei uns sind es vier aus einer Gemeinde, die extra separat auf einem anderen Grundstück stehen. Das ganze Volk war versammelt, bei uns sind höchstens hundert erlaubt.“

Beim Anblick der Maskenträger Erinnerung an Batmann

Als bekennender Superheldenfilmfan fühle er sich an Superhelden wie Spiderman und Batman erinnert, sowohl beim Anblick der vielen Maskenträger als auch bei diesem Predigttext. Denn wie auch Superhelden immer genau zum richtigen Zeitpunkt erscheinen und aus misslicher Lage retten, war auch Gott bei der Einweihung des Tempels gegenwärtig: „Die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das ganze Haus“, zitierte er den Bibeltext.

Wenn Gott beim Home-Office vorbeikommt

„Stellen Sie sich vor, plötzlich kommt Gott vorbei!“, sagte Schneider. Etwa während des Home-Offices, wenn die Kinder quengeln und der Kaffee über die Tastatur fließt, während man allein vor dem Fernseher sitzt, weil man niemanden mehr treffen darf, wenn man vor Angst nicht mehr wisse, wohin. Gottes Liebe, so Schneider tröstend, sei im Alltag spürbar und werde durch Worte und Handlungen, Menschen und Ereignisse vermittelt, wie zum Beispiel beim Bibellesen, beim Schauen eines Fernsehgottesdienstes, wenn ein Vater sein Neugeborenes in den Armen hält oder wenn ein alter oder kranker Mensch unerwartet einen Anruf bekommt.

Kein Versteck hinter Masken des Zweifels

Es liege an uns, uns nicht hinter Masken des Zweifelns, des vermeintlich gesunden Menschenverstands oder der Selbstbezogenheit zu verstecken, sondern Gott Raum zu geben, gerade jetzt in der Coronazeit, so Schneider. „Dann kommt er auch. Das ist die Zusage, die wir als Christen haben. Egal, ob wir im Tempel sind oder unter freiem Himmel.“ Jeder dürfe sich zeigen, so wie er ist, und geboren wissen und angenommen. Eine Zuversicht, die von der Gemeinde mit nach Hause genommen wurde, während der Traktor-Gottesdienst weiterzog zu seinen nächsten Stationen vor der evangelischen Kirche in der Schulstraße und zum Sportplatz neben der Endersbacher Jahnhalle.

„Es gibt viele Dinge, die sind so selbstverständlich geworden, dass man sie gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, wie auch das Sonntagsläuten der Glocken und die Einladung zum Gottesdienst. Man bemerkt sie erst, wenn sie nicht mehr da sind und einem schmerzlich fehlen. Aber wenn die Gläubigen nicht zur Kirche kommen dürfen, dann ist es gut, wenn die Kirche zu den Menschen kommt“, sagte ein älteres Ehepaar, das am Sonntag von Beinstein zur Wiese beim ehemaligen Steinbruch im Endersbacher

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