Weinstadt

Trotz Hörproblem Freude an der Musik

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Annika Sigle (17) faszinieren Instrumente: Erst hat sie Melodika gelernt, dann Klavier und Posaune – und 2014 hat sie die Orgel für sich entdeckt. © Ralph Steinemann

Weinstadt-Großheppach. Sie weiß nicht, ob sie nicht irgendwann taub sein wird. Annika Sigle hat eine Schallempfindungsschwerhörigkeit, hohe Töne hört sie daher kaum oder gar nicht. Immer alles zu verstehen, was andere sagen, ist für die 17-Jährige nicht leicht. Ihre Leidenschaft für Musik überrascht daher: Annika Sigle beherrscht einige Instrumente – und lernt seit 2014 sogar Orgelspielen.

Video: Annika Sigle hat 2014 die Orgel für sich entdeckt.

Als Annika Sigle als Zweijährige den Musikgarten des Harmonika-Orchesters Endersbach besuchte, ahnten ihre Eltern noch nicht, dass ihre Tochter nicht so hört wie die meisten anderen Kinder. Erst vor der Einschulung hatten sie Klarheit. Da fiel im Kindergarten nämlich auf, dass bei einem Suchspiel mit einem versteckten Wecker alle anderen Mädchen und Buben hören konnten, woher das Klingelgeräusch stammt – nur Annika nicht.

Schallempfindungsschwerhörigkeit im Hochtonbereich lautete die Diagnose. Zu hohe Töne hört Annika schlichtweg nicht mehr. Schleiflaute wie „sch“ registriert sie oft nur anhand der Lippenbewegungen und des Zusammenhangs. Dass sie trotz dieser Beeinträchtigung Musik liebt, verwundert zunächst, schließlich kann sie auch nicht jeden Ton hören. Aber für Annika Sigle ist es einfach wohltuend, nach der Schule zu Hause erst mal bei Musik zu entspannen. „Das ist so ein bisschen eine andere Welt für mich.“

Mit ihren Brüdern spielt Annika Sigle im örtlichen Posaunenchor

Eine Garantie, dass ihr Hörvermögen nicht weiter nachlässt, hat Annika Sigle nicht. Wenn es schlecht läuft, wird sie irgendwann taub sein. Am Beruflichen Gymnasium der Winnender Paulinenpflege lernt sie deshalb seit der achten Klasse Gebärdensprache, erst drei Jahre als Wahlfach, aktuell in einer AG. Aber Annika Sigle vermittelt trotz allem keinen pessimistischen Eindruck, im Gegenteil: Die 17-Jährige will später beruflich irgendetwas mit Musik machen.

Die Grundlagen dafür hat sie schon früh geschaffen: Nachdem sie bereits als kleines Kind Melodika lernte, kam im Alter von acht, neun Jahren das Klavier dazu. Mit ihren Brüdern spielt sie außerdem seit sieben Jahren im Großheppacher Posaunenchor Trompete. All das war Annika aber nicht genug, sie wollte mehr – und begann im Februar 2014 mit dem Orgelunterricht.

„Ich finde, Bach geht einfach immer“

Seither geht sie einmal in der Woche zum Waiblinger Kirchenmusikdirektor Immanuel Rößler und übt zudem einmal wöchentlich in der Großheppacher Ägidiuskirche. Annika Sigle hat fest vor, die sogenannte C-Prüfung zu absolvieren. „Erst danach darf man offiziell im Gottesdienst spielen.“ Wer von der 17-Jährigen wissen will, wer in Sachen Orgel ihr Lieblingskomponist ist, muss nicht lange auf eine Antwort warten. „Ich finde, Bach geht einfach immer.“

Dass Annika Sigle 2014 mit dem Orgelspielen angefangen hat, liegt auch daran, dass sie auf ihrer neuen Schule, dem Beruflichen Gymnasium der Paulinenpflege, richtig aufgeblüht ist. 2013 ist sie an die Schule beim Jakobsweg gewechselt, die auf die Bedürfnisse hör- und sprachbehinderter Kinder wesentlich besser eingehen kann als eine Regelschule. In den Klassenzimmern gibt es schallschluckenden Teppich und eine Tonanlage, die das, was ein Lehrer ins Mikrofon spricht, direkt ins Ohr der Schüler sendet.

Kleine Klassen und Lehrer mit Zusatzqualifikation

Zudem sind die Klassen klein, und die Lehrer wissen durch ihre Zusatzqualifikation, wie sie reden müssen, damit Schüler mit Hörproblemen sie besser verstehen. Wenn Annika zum Beispiel das Gesicht des Lehrers sieht, während dieser spricht, versteht sie ihn besser, als wenn er mit dem Rücken zur Klasse vor der Tafel etwas vor sich hinnuschelt. „Die Schule war ein ganz großer Glücksfall“, sagt Annikas Mutter, die übrigens selbst für die Paulinenpflege arbeitet.

Im vergangenen Sommer konnte sich Annika von der Schule aus einen kleinen Traum erfüllen. Sie schnupperte für einen Tag bei einer Freiburger Orgelbaufirma rein und konnte zusehen, wie gerade eine Orgel für den chinesischen Markt angefertigt wurde. „Es ist einfach faszinierend, aus wie vielen Teilen so ein Instrument besteht, was man von außen gar nicht sieht.“ 2017 will Annika wieder zu der Firma, diesmal für ein einwöchiges Praktikum. Ob sie den Orgelbau auch zu ihrem Beruf macht, weiß die 17-Jährige noch nicht. Ihr Hörproblem würde ihr dabei auch nicht im Weg stehen. Denn ein Orgelbauer muss sein Instrument nicht unbedingt selbst stimmen, dafür gibt es den Intonateur.

„Wie kann ein Mensch ohne Musik leben?“

So oder so: Irgendein Beruf mit Musik soll es später mal sein. Annikas Sigles Mutter wundert das nicht, sie erinnert sich noch sehr gut, wie ihre Tochter sie mal fragte: „Mama, wie kann ein Mensch ohne Musik leben?“

Auch sportlich

Bei aller Leidenschaft für die Musik gibt es in Annika Sigles Leben noch andere Dinge, die sie in der Freizeit macht: Sie spielt zum Beispiel sehr gerne Tischtennis. In Sachen Sport war die 17-jährige Großheppacherin bislang überhaupt sehr experimentierfreudig. „Ich habe relativ lange alles Mögliche ausprobiert.“