Weinstadt

Trotz Pandemie an Heiligabend in die Kirche? Pfarrer in Weinstadt gehen keine gemeinsame Linie

WeihnachtsTitelWeinstadt
Die Stiftskirche in Weinstadt. © Hardy Zürn

Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Umfrage zeigt: Der größte Teil der Bevölkerung will in diesem Jahr keinen Weihnachtsgottesdienst besuchen. Für diejenigen, die aber an der Tradition trotz Pandemie festhalten wollen, machen die meisten Gemeinden in Weinstadt ein Angebot, das über eine Online-Übertragung hinausgeht. Nur ein Pfarrer machte wegen der hohen Infektionszahlen einen Rückzieher.

Es sind Entscheidungen, die den Verantwortlichen schwergefallen sind. Einerseits wollen sie signalisieren, dass sie für die Gemeinde da sind, gerade in schweren Zeiten. Andererseits soll kein Gottesdienst zum Superspreading-Event werden. Es ist ein echter Spagat für die Kirchen.

Für die Mehrheit in der Bevölkerung scheint festzustehen, dass der Kirchenbesuch in diesem Jahr flachfällt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts You-Gov ist sogar jeder zweite Deutsche angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen für ein Verbot der Weihnachtsgottesdienste. Die Bereitschaft, einen Gottesdienst zu besuchen, ist insgesamt eher gering. Nur sechs Prozent der Befragten sagen, dass sie an den Feiertagen in die Kirche gehen wollen. Die große Mehrheit will darauf verzichten.

Rainer Köpf setzt auf ein dezentrales Konzept

Zumindest einen klassischen großen Gottesdienst in der Stiftskirche wird es in Beutelsbach am Heiligabend nicht geben. Hier setzt Pfarrer Rainer Köpf von der evangelischen Kirche auf ein dezentrales Konzept mit kleinen Gottesdiensten im Freien und eine online übertragene Andacht. An sechs verschiedenen Orten sollen die Zeremonien im Freien für jeweils 25 Minuten abgehalten werden. Die Daten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen dabei erhoben und Abstand eingehalten werden. Die Ansteckungsgefahr soll so möglichst gering gehalten werden. „Wir wollen kein Menschenleben gefährden“, betont Rainer Köpf.

Doch bei allen Vorsichtsmaßnahmen sei es auch wichtig, das Fest zu feiern. „Wir wollen die Weihnachtsbotschaft erlebbar machen“, sagt er. Derzeit erlebe er im Alltag vor allem im Gespräch mit älteren Mitgliedern seiner Gemeinde, wie einsam viele sind. Weihnachten sei da besonders wichtig. „Es braucht Zuwendung und emotionale Stabilisierung“, sagt er.

Dabei gehe es nicht um die Sturheit der Kirche, die manch einer unterstellt, sondern um echte Seelsorge. Man dürfe nicht vergessen, dass es manchen Menschen derzeit auch seelisch wirklich schlecht gehe. Neben den Predigten, die er hält, will Köpf an Heiligabend auch vor ein Altenheim in Beutelsbach ziehen, um dort mit seinem Akkordeon ein Ständchen zu spielen. Das habe er bereits im ersten Lockdown gemacht, die Freude der alten Menschen dort sei groß gewesen.

Seine Gemeinde konnte sich vor kurzem über ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk freuen. Ein anonymer Spender habe der Kirche 10 000 Euro gespendet, um davon Kameras und Mikrofone kaufen zu können. Die Gottesdienste sollen so optimal ins Internet übertragen werden können. Das Ganze sei dabei eine Art Operation am offenen Herzen gewesen, meint Köpf. Die Kirche steckt derzeit in einer großen Renovierung. Selbst in den Aufzeichnungen sind die Arbeiten zu sehen. Hinter dem gekreuzigten Jesus steht ein großes Gerüst aus Metall.

Bei allen Details über die Planungen vor Weihnachten betont Pfarrer Köpf , es könne jederzeit sein, dass noch mal umgeplant werden müsse, falls von oben eine neue Regelung kommt. Dies sei derzeit nicht auszuschließen. Außerdem stünden die beiden großen Kirchen in engem Austausch. Man versuche, eine gemeinsame Linie zu verfolgen.

Michael Schneider hat großen Gottesdienst im Freien abgesagt

Doch tatsächlich scheinen manche sich von der Linie verabschiedet zu haben. Der Endersbacher Pfarrer Michael Schneider hat eine der geplanten Veranstaltungen an Heiligabend kürzlich wieder abgesagt. Ausgerechnet die in Weinstadt in der Vergangenheit besonders beliebten Traktoren-Gottesdienste hat der Pfarrer nun gecancelt.

Findet er es generell falsch, solche großen Feste in Zeiten der Pandemie zu feiern? Schneider erklärt, er wolle auf keinen Fall falsch verstanden werden, jede Gemeinde müsse die Entscheidungen über mögliche Gottesdienste selbst treffen. In den vergangenen Tagen habe Schneider täglich eine 15-minütige Andacht gehalten, zu der aber nur etwa 20 bis 30 Personen kamen. Ein solch kleiner Gottesdienst sei vertretbar. Im Fall der Traktor-Gottesdienste habe er aber befürchtet, dass an Heiligabend ein Event daraus werden könnte und mehrere Hundert Leute kommen könnten.

Auf Facebook schrieb er daher vor wenigen Tagen: „Wir kamen aber zu dem Schluss, dass dieser Tage nicht das, was erlaubt ist, unser Handeln bestimmen sollte, sondern was verantwortbar ist“. Im Nachhinein würde er sich wohl etwas vorsichtiger ausdrücken, meint Schneider. Er habe damit nicht sagen wollen, dass es derzeit generell nicht verantwortbar ist, einen Gottesdienst abzuhalten. Seine Entscheidung und seine Aussage bezögen sich ausschließlich auf den Traktor-Gottesdienst vor Ort. Dass andere Kirchengemeinden an kleinen Gottesdiensten nach wie vor festhalten wollen, könne er durchaus nachvollziehen. Die schwierige Entscheidung müsse nun jede Gemeinde für sich treffen. Er habe vor allem kein falsches Signal setzen wollen. Unter dem Motto „Weihnachten im Wohnzimmer“ soll es aber zumindest eine Online-Übertragung geben.

Was die katholische Kirche plant

Die katholische Kirche in Großheppach will an ihren Plänen festhalten. Sogar ein Krippenspiel im Freien soll es trotz Pandemie geben, wenn auch mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen. Die Proben hätten beispielsweise nur digital stattgefunden, erklärt Gemeindereferent Frank Schien.

Ein klassischer Gottesdienst sei außerdem in Beutelsbach geplant. Ganz drauf verzichten möchte seine Gemeinde nicht. Wer kommen will, muss sich im Vorfeld aber über das Pfarrbüro anmelden. Denn insgesamt dürfen nur 70 Personen in die Kirche. Die Erfahrungen der vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass ein Gottesdienst auch in Zeiten der Pandemie möglich ist.

Für diejenigen, die aber lieber daheimbleiben möchten, soll es auch ein digitales Angebot geben. Lediglich für den Fall, dass die Sieben-Tage-Inzidenz über 300 steigt, werde man noch mal über die Planungen nachdenken. Die Diözese empfehle dann ausschließlich digitale Gottesdienste.

Auch der Christusbund Endersbach hält an seinen Gottesdiensten fest. „Eine Absage war für uns kein Thema“, sagt Achim Friedrich, Vorstand im Christusbund Endersbach. Man veranstalte zwei Gottesdienste anstelle von einem. So könne man den notwendigen Abstand zwischen den Besucherinnen und Besuchern gewährleisten.

Was alle Pfarrer und Verantwortlichen wohl eint, ist die Hoffnung, dass aus keiner der Veranstaltungen ein Corona-Event wird.

Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Umfrage zeigt: Der größte Teil der Bevölkerung will in diesem Jahr keinen Weihnachtsgottesdienst besuchen. Für diejenigen, die aber an der Tradition trotz Pandemie festhalten wollen, machen die meisten Gemeinden in Weinstadt ein Angebot, das über eine Online-Übertragung hinausgeht. Nur ein Pfarrer machte wegen der hohen Infektionszahlen einen Rückzieher.

Es sind Entscheidungen, die den Verantwortlichen schwergefallen sind. Einerseits wollen sie

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