Weinstadt

Verschenktes Potenzial in Endersbacher Gewerbegebiet: Wie Weinstadt attraktiver werden will

Gewerbegebiet
Baubürgermeister Thomas Deißler im Gewerbegebiet Benedikt-Aucht-Wiesen. Im Hintergrund ist das Areal von Abbruchunternehmer Köppel zu sehen, der mit der Stadt vor Gericht streitet. © Alexandra Palmizi

Hier stapeln sich Frachtcontainer in die Höhe, dort ist eine Lagerhalle sich selbst überlassen; am einen Ende steht ein Wohnwagen im Parkverbot, am anderen blockiert seit einer halben Stunde ein Tieflader die komplette Fahrbahn. Das Gewerbegebiet Benedikt-Aucht-Wiesen in Endersbach wirkt schon auf Einheimische nicht besonders einladend – und umso weniger auf Unternehmen, die sich überlegen, in Weinstadt anzusiedeln.

Köppel ist das prominenteste Beispiel, das Problem hat Struktur

Ein Grundstück, das der Stadt ein besonders großer Dorn im Auge ist, gehört dem Abbruchunternehmer Marcel Köppel, mit dem sich die Stadt seit Monaten im Rechtsstreit befindet und dem sie eine illegale Nutzung vorwirft. Der aktuelle Stand: Beide Parteien haben einem Vergleich zugestimmt, Köppel darf auf dem Gelände keinen Lager- oder Recyclingbetrieb fortführen, sondern muss das Areal von einigen seiner Maschinen befreien sowie Sanierungsarbeiten des durch Giftstoffe belasteten Bodens durchführen. Köppel versucht, das vor Ablauf der Frist zum Jahresende umzusetzen.

Der Unternehmer, der eigentlich gern neu bauen würde und sich von der Stadt ungerecht behandelt fühlt, ist durch den Rechtsstreit und die Berichterstattung das prominenteste Beispiel – das Problem ist aber mittlerweile struktureller Art.

Nach Ansicht von Baubürgermeister Thomas Deißler ziehen ungepflegte Grundstücke und Firmen, die den Straßenraum wahlweise als Park- oder Umschlagplatz nutzen, das gesamte Gebiet herunter. Grünflächen? Stellplätze unter Baumwipfeln? Gar ein grüner Zugang zur Rems, der die Aufenthaltsqualität stärken würde? Fehlanzeige. Dafür meterhohe Stapel an Containern. Ist das eigentlich erlaubt? „Ein Grenzfall“, sagt Deißler.

Fest steht für ihn aber: „Interessierte Betriebe wollen ein attraktives Umfeld, sonst siedeln sie nicht an.“ Die Folge seien riesige Grundstücke, die lediglich als Lagerfläche dienen oder ganz ungenutzt bleiben. In Thomas Deißlers Augen verschenkt die Stadt in diesem Gebiet viel Potenzial: „Keine Arbeitsplätze, keine Steuerkraft, aber Lkw-Verkehr“, sagt er auf einer Rundfahrt durch das Gebiet, „und am Ende fehlen der Stadt die Finanzen, um die Infrastruktur zu verbessern.“

Ein Tieflader versperrt die Straße

Dann, ausgerechnet vor Köppels Grundstück, muss der Baubürgermeister aus seinem Wagen steigen, weil ein Tieflader die gesamte Straße blockiert. Der Ton ist rau, der Lkw-Fahrer, eh schon im Stress, stapft schimpfend herbei, klettert ins Führerhaus und fährt sein tonnenschweres Fahrzeug zur Seite. Als hätte es für die angespannte Atmosphäre im Gebiet noch einen Beweis gebraucht.

Die Stadt Weinstadt hat sich jetzt zum Ziel gesetzt, die Benedikt-Aucht-Wiesen aufzuwerten. „Das ist viel schwieriger, als ein neues Gewerbegebiet zu planen“, sagt Thomas Deißler. Weil die Aufgabe besondere städtebauliche und planerische Herausforderungen birgt, hat sich jüngst auch eine Delegation von Studenten und Professoren zum Kolloquium in Weinstadt eingefunden, um Einblick zu nehmen in die Pläne der Stadt. Ganz angetan vom Vorbildcharakter des Weinstädter Projekts seien Besucher gewesen, berichtete Wirtschaftsförderer Karlheinz Heinisch vergangene Woche im Technischen Ausschuss des Gemeinderats im Beutelsbacher Stiftskeller.

Der neue Bebauungsplan soll das Gebiet langfristig aufwerten

Dort hatte der neue Bebauungsplan für das Gewerbegebiet auf der Tagesordnung gestanden, der die beiden bestehenden, veralteten Pläne ersetzen soll. „Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, dass sich attraktive Betriebe ansiedeln“, betonte Thomas Deißler. Ziel des neuen Bebauungsplans, dessen Entwurf der Technische Ausschuss dann auch gebilligt hat, ist es laut Sitzungsvorlage, „das Plangebiet in seiner städtebaulichen Entwicklung zu fördern, die Gewerbeflächen wieder effizienteren Nutzungen zuzuführen und somit das Quartier zukunftsfest zu gestalten“. Bislang sei es „durch Gestaltungsdefizite der Gebäude und Freiflächen, ungeordnete Parkierungsflächen und Lagerflächen sowie eine mangelnde Durchgrünung geprägt“. Das soll sich durch den Bebauungsplan auf lange Sicht ändern.

Einerseits soll es, wenn der fertige Bebauungsplan nach dem Weg durch die Instanzen irgendwann in Kraft getreten ist, mehr städtebauliche Möglichkeiten für bestehende Firmen und Neuansiedlungen geben. Andererseits werden die erlaubten Nutzungen eingeschränkt: Unter anderem Einzelhandelsbetriebe sind nicht zugelassen, ebenso wenig Bus- und Speditionsunternehmen oder offene Lagerflächen zum Beispiel für Recyclinghöfe oder Schrotthandel. Und auch die Diskussion um ein Kleintierkrematorium, wie sie in Korb geführt wird, will die Stadt offenbar vermeiden.

Klar ist aber auch: Bis sich die Benedikt-Aucht-Wiesen in ein Wohlfühl-Gewerbegebiet nach Vorstellung des Baubürgermeisters verwandelt haben, können Jahrzehnte vergehen. „Ein Bebauungsplan wirkt immer in die Zukunft hinein“, sagt Thomas Deißler. Für die schon heute dort ansässigen Unternehmen gilt erst einmal Bestandsschutz.

Gemeinderat: Die Firmen sollen nicht unnötig belastet werden

Dass die Weinstädter Firmen nicht schon mit Inkrafttreten eines neuen Bebauungsplans zur Kasse gebeten werden, ist den Gemeinderäten besonders wichtig. Im Plan-Entwurf ist deshalb auf Anregung aus dem Gremium die Grundflächenzahl (GRZ) nicht erhöht worden. Die Stadt hätte sonst sogenannte Nachveranlagungsbeträge von den Grundstückseigentümern verlangen müssen – ganz egal, ob diese ihren Betrieb nun erweitern wollen oder nicht. „Um dennoch eine bessere Ausnutzung der Grundstücke und Flächenverfügbarkeit zu erwirken, wurde aufgenommen, dass Garagengeschosse oder Stellplatzflächen in Vollgeschossen nicht zu der GRZ angerechnet werden, zudem wurde die Gebäudehöhe auf die Höhen des angrenzenden Birkelareals angeglichen“, heißt es in der Vorlage zum Bebauungsplan.

Wie Baubürgermeister Thomas Deißler ankündigt, sollen die Unternehmen in dem Endersbacher Gewerbegebiet im weiteren Verlauf der Planung erneut informiert und gehört werden. Es wird spannend sein, zu hören, was sie von den Plänen halten.

Hier stapeln sich Frachtcontainer in die Höhe, dort ist eine Lagerhalle sich selbst überlassen; am einen Ende steht ein Wohnwagen im Parkverbot, am anderen blockiert seit einer halben Stunde ein Tieflader die komplette Fahrbahn. Das Gewerbegebiet Benedikt-Aucht-Wiesen in Endersbach wirkt schon auf Einheimische nicht besonders einladend – und umso weniger auf Unternehmen, die sich überlegen, in Weinstadt anzusiedeln.

Köppel ist das prominenteste Beispiel, das Problem hat

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