Weinstadt

Vier Jahre Haft für einen 22-jährigen Messerstecher: Ging der Tat ein Streit um Cannabis voraus?

Taschenmesser
Symbolbild. Foto: webandi/Pixabay © webandi/Pixabay

Heimtücke wirft das Landgericht Stuttgart dem heute 22-jährigen Somalier vor und verurteilte ihn zu vier Jahren und einem Monat Haft wegen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung. In einer Asylbewerberunterkunft in Weinstadt-Großheppach hatte er volltrunken und bekifft mit einem Schweizer Taschenmesser auf einen Mitbewohner, 23, eingestochen. Über die Hintergründe der Tat herrschte bei der Urteilsverkündung der neunten Strafkammer am Montag Rätselraten.

Der Vorsitzende Richter Jörg Geiger hatte zwei Erklärungen für die Tat zur Auswahl. Beide erschienen ihm nicht schlüssig zu sein und rochen eher nach Ausreden, um die wahren Hintergründe zu vernebeln: den Streit zwischen dem Opfer und dem Täter um Betäubungsmittel. Am Tathergang jedoch hegte das Gericht keine Zweifel, wie ihn schon die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage beschrieben hatte. Am Mittag des 30. September stattete der 22-Jährige seinem Nachbarn, einem 23-jährigen Nigerianer, einen Besuch ab und bat ihn um Tabak. Der war gerade beschäftigt, neue Schnürsenkel in seine Schuhe einzuziehen, und lehnte die Bitte ab. Kurze Zeit später kam der 22-Jährige mit dem Taschenmesser erneut ins Zimmer, stach unvermittelt auf das gebückt auf dem Stuhl sitzende Opfer ein und rief „I'll kill you today“ (Ich töte dich heute). Geistesgegenwärtig wehrte der 23-Jährige den Stich in Richtung Hals und Nacken ab, wurde jedoch am Finger verletzt. Das Messer durchtrennte eine Sehne des Fingers. Nachdem das Opfer die Polizei alarmiert hatte, wurde der Somalier kurze Zeit später in seinem Zimmer festgenommen und die Tatwaffe sichergestellt.

Vier Stunden nach der Tat hatte der Somalier bei einer Blutprobe noch 2,46 Promille Alkohol aufgewiesen. Zudem war er bekifft. Am zweiten Tag des Prozesses hatte er seine Version des Tatverlaufes erzählt. Hintergrund sei ein Streit um Cannabis, das der Somalier nicht mehr bei seinem Nachbarn kaufen wollte. Das Opfer sei deshalb an diesem Tag zunächst in seinem Zimmer aufgetaucht und habe ihm 200 Euro sowie Kleingeld gestohlen. Als er sein Geld zurückholen wollte, sei es zum Streit gekommen und er habe mit dem Taschenmesser zugestochen. Allerdings nicht in der Absicht, zu töten, wie es in der Anklage hieß. Er habe lediglich auf die Hand gezielt, um sein Geld zurückzukriegen. Schon wenige Wochen vor der Tat hatte der Somalier seinen Bewohner beschuldigt und bei der Polizei angezeigt, ihm ein Handy gestohlen zu haben. Ein Vorwurf, der sich nach den Ermittlungen der Polizei nicht bestätigte. Für das Gericht wirkte diese Aussage „sehr konstruiert“, sagte Jörg Geiger in seiner Urteilsbegründung.

"Der Geschädigte mauert"

Die Strafkammer schenkte auch dem Opfer wenig Glauben, der als Zeuge vor Gericht kein Motiv nennen konnte - oder wollte. „Der Geschädigte mauert.“

Bei der Urteilsfindung sprachen die blutige Verletzung sowie die Vorstrafen gegen den Somalier. Strafmildernd wirkte sich aus, dass keine Todesgefahr bestanden habe und der 22-Jährige volltrunken und bekifft war. Wie berichtet, hat der noch junge Asylbewerber schon eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. Als 16-Jähriger war er dem islamistischen Terror entflohen, mit dem die Shabaab-Milizen sein Heimatland überziehen und die ihn angeheuert hatten. Mit Waffen, die er den Milizen stahl, finanzierte er seine Flucht von Kenia quer durch Nordafrika übers Mittelmeer in die Schweiz, wo er das erste Mal Asyl beantragte. Entwurzelt, wie er war, sei er dem Alkohol und anderen Drogen verfallen, erzählte er dem Gericht. Der streng gläubige Vater habe ihn aus der Familie verstoßen.

Nach der Schweiz folgte eine weitere Odyssee durch Europa. Nach mehreren abgelehnten Asylanträgen führte sie ihn nach Weinstadt und nun vorläufig ins Gefängnis. Die neunte Strafkammer sah eine Freiheitsstrafe von vier Jahren für den Mordversuch und die gefährliche Körperverletzung als angemessen an. In die Gesamtstrafe von vier Jahren und einem Monat fließt noch eine kleine Strafe des Amtsgerichts Waiblingen (50 Tagessätze zu je zehn Euro) ein. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Heimtücke wirft das Landgericht Stuttgart dem heute 22-jährigen Somalier vor und verurteilte ihn zu vier Jahren und einem Monat Haft wegen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung. In einer Asylbewerberunterkunft in Weinstadt-Großheppach hatte er volltrunken und bekifft mit einem Schweizer Taschenmesser auf einen Mitbewohner, 23, eingestochen. Über die Hintergründe der Tat herrschte bei der Urteilsverkündung der neunten Strafkammer am Montag Rätselraten.

Der Vorsitzende Richter

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