Weinstadt

Vom Flüchtling zum Unternehmer

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Kol Gashi (50) fühlt sich wohl in Strümpfelbach. Als er Anfang der 90er nach Deutschland kam, hatte er nichts, heute besitzt er eine eigene Firma. © Bernd Klopfer

Weinstadt-Strümpfelbach. „Ich war überall willkommen, so wie ich war“: Kol Gashi (50) hat als Flüchtling im Remstal viel Hilfe erfahren – vor allem von seinem früheren Chef Franz Wari. Der setzte sich sehr für den Kosovo-Albaner ein – und half so mit, eine Abschiebung zu verhindern. Heute besitzt Kol Gashi einen Stuckateurbetrieb – und ist in seiner Wahlheimat Strümpfelbach bestens integriert.

Um 4.30 Uhr in der Nacht klingelte es an der Wohnungstür: Kol Gashi wusste nicht, wer das sein könnte, er machte auf – es war die Polizei. „Herr Gashi, es tut uns leid“, sagten die Beamten. Sie erklärten ihm, dass sie ihn mitnehmen müssten nach Ludwigsburg, wegen seiner Abschiebung. Der Kosovo-Albaner weiß noch genau, wie die Polizisten sich verhalten haben: ruhig, freundlich, höflich. „Bitte seien Sie vernünftig, lassen Sie alles liegen“, sagten sie. Und Kol Gashi antwortete: „Ja, mach’ ich.“ Ohne weitere Hilfe, da ist sich Kol Gashi sicher, wäre er wohl von den deutschen Behörden in den Kosovo abgeschoben worden. Vor allem sein Chef Franz Wari unterstützte ihn. Der Kernener war es auch, der ihm 2007 anbot, seine Firma zu übernehmen, einen Stuckateurbetrieb. Zehn Jahre ist das jetzt her – und Kol Gashi kann auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken.

Mit acht Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen

Seine Firma floriert, er wohnt mit seinen vier Kindern und seiner Frau in Strümpfelbach ganz nah an den Weinbergen, Bildhauer Karl Ulrich Nuss ist einer seiner Nachbarn. Er hat viele deutsche Freunde, viele bekannte Remstäler sind seine Kunden, seine Kinder besuchen das Gymnasium. Kol Gashi hat es geschafft – aber er hat keinen leichten Weg hinter sich. Mit acht Geschwistern ist er im Kosovo groß geworden. Sein Vater war ein Bauer, die Kinder mussten auf dem Feld mitarbeiten. „In meiner Zeit war das selbstverständlich.“

Nicht selbstverständlich war hingegen, dass der Vater trotz seiner Herkunft so viel Wert auf eine gute Bildung legte. „Was machst du mit deinem Hof?“, fragten die Leute, als der Vater davon erzählte, dass seine Kinder mal studieren sollen. Kol Gashi ist seinem Vater dafür dankbar, dass er so viel Wert auf Bildung legte. Alle seine Geschwister, erzählt der Strümpfelbacher, hätten einen Hochschulabschluss geschafft, einer seiner Neffen studiere heute sogar an der Eliteuni in Oxford. Kol Gashi war der Einzige, der ohne Uniabschluss blieb, er eröffnete stattdessen einen Lebensmittelladen und kam gut zurecht – bis Anfang der 90er auf dem Balkan der Krieg ausbrach. Das Warenangebot nahm rapide ab, die Zukunftsaussichten waren schlecht – und Kol Gashi wollte nur weg.

Ein Freund lotste ihn nach Strümpfelbach

Mit der Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz kam der Kosovo-Albaner vor rund 25 Jahren nach Hessen. „Die Arbeitslosigkeit war dort hoch“, erinnert er sich. Ein Freund überzeugte ihn schließlich, dass die Joblage in der Region um Stuttgart besser ist – und lotste ihn nach Strümpfelbach. Er fing bei der Firma von Franz Wari an, dort lernte er auch die Sprache. Wer mit Kol Gashi redet, merkt das sofort: Er hat einen deutlich schwäbischen Zungenschlag.

Heute ist Strümpfelbach Kol Gashis Heimat. Seine Jungs kicken beim TSV Strümpfelbach, seine Kinder hat der Katholik bewusst im Remstal taufen lassen – obwohl es in Stuttgart auch eine albanische katholische Gemeinde gibt. Den deutschen Pass hat der 50-Jährige zwar nicht, aber er findet, dass er den auch nicht wirklich braucht, um sich als Deutscher zu fühlen. Im Gegenteil: Er hält es eher für bedenklich, wenn sich Leute einbürgern lassen, aber ansonsten kein Interesse an der Kultur und dem Vereinsleben zeigen. „Integration ist für mich keine Einbahnstraße.“

Kol Gashi ist sich sicher: Wer offen auf andere Menschen zugeht, kann auch in einem neuen, zunächst fremden Land viel Unterstützung erfahren. Er selbst hatte dieses Glück – und dafür ist der 50-Jährige noch heute unheimlich dankbar. „Ich habe meinen Beitrag getan – aber die Gesellschaft war auch immer für mich da.“


Mit einer Jubiläumsfeier am Samstag, 1. Juli, im Bürgerhaus in Rommelshausen will sich Kol Gashi für all das Gute bedanken, das ihm in Deutschland widerfahren ist – bei Freunden, Bekannten und Kunden seiner Firma.

Auch Vertreter der Gemeinde Kernen und der Stadt Weinstadt haben laut Gashi ihr Kommen zugesagt. Der 50-Jährige rechnet zudem mit einem Fernsehteam aus dem Kosovo.