Weinstadt

Weinstadt kämpft für seine krisengeplagte Remstalkellerei

Remstalkellerei - Zukunft
Von links: Der evangelische Beutelsbacher Pfarrer Rainer Köpf, der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann und der frühere OB Jürgen Hofer sprechen im Keller des Beutelsbacher Württemberg-Hauses über Vergangenheit und Zukunft der Remstalkellerei. © Bernd Klopfer

Wirtschaftlich befindet sich die Remstalkellerei in einer schweren Krise. In Weinstadt hat die Genossenschaft ihren Hauptsitz – und dort wird ein mögliches Aus mit Sorge gesehen.

Oberbürgermeister Michael Scharmann (seit 2016 im Amt), das ehemalige Stadtoberhaupt Jürgen Hofer (1975 bis 2000) und der evangelische Beutelsbacher Pfarrer Rainer Köpf haben deshalb ein Gespräch im Keller des Württemberg-Hauses in Beutelsbach organisiert, bei dem sie klarmachen, aus welchen Gründen die Remstalkellerei für Weinstadt und auch das ganze Remstal wichtig ist.

Ärger über niedrige Auszahlungen an die Wengerter

Vertreter der Remstalkellerei selbst haben sie bewusst nicht eingeladen, damit sich der Pressetermin nicht nur um die wirtschaftlichen Probleme dreht. Ganz ausblenden können sie diese aber dann doch nicht. Publik wurde die Krise, nachdem der im August 2018 angetretene neue Geschäftsführer die Auszahlung an die Wengerter fürs Kilogramm abgelieferte Trauben senkte. Das ärgerte viele Weinbauern.


Goldbarren-Affäre und Austritte

Die Weingärtnergenossenschaft Stetten stimmte 2018 für den Austritt aus der Remstalkellerei, 2019 fasste die Weingärtnergenossenschaft Korb und Steinreinach einen ähnlichen Beschluss. Und Anfang 2020 kam heraus, dass die Remstalkellerei bereits 2017 Goldbarren im Wert von circa 35 000 Euro in der Hoffnung auf ein großes Geschäft einem Betrüger überreicht hat.

Pfarrer Köpf: Großes Leiden in vielen Wengerterfamilien

Pfarrer Rainer Köpf ärgert es dennoch, dass derzeit vor allem über die Probleme der Remstalkellerei berichtet wird. Als Seelsorger hat er nach eigenen Angaben diesbezüglich viele Gespräche geführt. „Ich weiß, dass das großes Leiden verursacht hat in vielen Wengerterfamilien.“ Viele hätten das Gefühl, dass da eine Institution, mit der sie sich seit vielen Jahren identifizieren würden, ungerecht behandelt werde.

Wenn die Remstalkellerei heute schließen würde, bedeutet dies nach Köpfs Einschätzung aber nicht, dass plötzlich 20, 30 weitere Selbstvermarkter ihren eigenen Wein verkaufen. Der Beutelsbacher Pfarrer rechnet damit, dass sich dann die gesamte durch den Weinbau geprägte Kulturlandschaft ändern würde, da viele ganz aufhören würden.

Wie bei der Corona-Krise: Hoffnung auf Solidarität

Die Anbaufläche ist schon jetzt von einst 800 Hektar auf rund 500 geschrumpft. Damit das nicht so weitergeht, schlägt der frühere Weinstädter Oberbürgermeister Jürgen Hofer vor, bei Verkäufen von Anbaufläche durch Genossenschaftswengerter künftig genauer hinzuschauen.

Oft, sagt er, sei es so gewesen, dass das Grundstück an den Meistbietenden verkauft wurde, da es den Hinterbliebenen vor allem wichtig war, ein paar Euro mehr pro Quadratmeter herauszuholen – und so habe die Remstalkellerei gegenüber Leuten aus Stuttgart den Kürzeren gezogen. Jetzt, mit Blick auf die durch die Corona-Krise wieder stärker werdende Solidarität in der Gesellschaft, will Hofer für einen Bewusstseinswandel kämpfen. Für ihn ist es eine Frage der Haltung: „Leute, das ist wichtig.“

Stadt könnte der Remstalkellerei beim Grundstück helfen

Hofer ist es als erfahrenem Kommunalpolitiker natürlich klar, dass warme Worte alleine nicht helfen. Es gebe aber ein paar Dinge, bei denen Weinstadt als Stadt durchaus etwas für die Remstalkellerei tun könne. „Da kann man beim Grundstück helfen.“ Mit Erbbaurecht könne man immer etwas machen.

Scharmann ergänzt, dass die Stadt bei der geplanten Zentralkelter für die Remstalkellerei, die den Betrieb rentabler machen soll, alles getan habe, was möglich gewesen sei. Das Problem war hier eher die Uneinigkeit innerhalb der verschiedenen Ortsgenossenschaften, von denen bei weitem nicht alle die Idee einer Zentralkelter unterstützt haben.


Von 2013 bis 2018 gab es keinen hauptamtlichen Geschäftsführer

Der frühere Weinstädter OB Jürgen Hofer sieht auch die Remstalkellerei in der Pflicht, bei der Werbung und Vermarktung mit anderen Genossenschaften in Württemberg und auch in Baden stärker zusammenzuarbeiten. Er sieht auch jeden einzelnen Genossenschaftswengerter in der Pflicht, seinen Beitrag zur Vermarktung zu leisten – und sich nicht nur für den Anbau der Weinreben verantwortlich zu sehen. „Ich muss heute Gesicht zeigen“, findet auch Pfarrer Köpf.

In diesem Zusammenhang kritisiert Hofer, dass die Remstalkellerei von 2013 bis 2018 dachte, auf einen hauptamtlichen Geschäftsführer verzichten zu können. „Das war im Grunde genommen nicht richtig.“

Stettener Ebbe Kögel spricht von "Nazi-Gründung"

Dann gibt es da noch eine Kontroverse, die der Stettener Ebbe Kögel losgetreten hat. Er bezeichnet die Remstalkellerei, die sich 1940 formierte und in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag feierte, als „Nazi-Gründung“. Nach Kögels Angaben soll damals eine Zwangsmitgliedschaft für die bestehenden Ortsgenossenschaften bestanden haben – und auch für jeden einzelnen Wengerter im Remstal.

Oberbürgermeister Scharmann und Pfarrer Köpf weisen Vorwurf zurück

Solche Vorwürfe weisen OB Michael Scharmann und Pfarrer Rainer Köpf entschieden zurück. Auslöser der Gründung sei der schlechte Jahrgang 1939 gewesen, der wegen Hagel und Frost keine gute Ernte brachte. Der Versuch, den Wein an Wirte zu verkaufen, sei oft gescheitert. „Da sind viele auf ihrem Wein sitzengeblieben“, sagt Michael Scharmann.

Pfarrer Köpf ergänzt, dass es sich um ein Notgeschäft gehandelt habe – und das habe nichts mit den Nazis zu tun gehabt. „Die Leute, die im Wengert geschafft haben, waren meist Pietisten – das waren gewiss keine Nazis.“ Scharmann ergänzt, dass dies alles in der Chronik der Remstalkellerei zum 75-jährigen Bestehen (das wurde vor fünf Jahren gefeiert) nachgelesen werden könne.

Im Herbst gibt es eine Ausstellung zur Remstalkellerei

Vom 17. Oktober an wird im Württemberg-Haus übrigens eine Sonderausstellung zum 80-jährigen Bestehen der Remstalkellerei zu sehen sein, bei der Geräte sowie historische Fotos und Dokumente gezeigt werden. Die Ausstellung musste wegen der Corona-Krise vom Frühjahr auf den Herbst verschoben werden.

Der letzte Öffnungstag ist voraussichtlich der 28. Februar 2021. Ob es ein Begleitprogramm oder Sonderführungen gibt, kann die Stadt wegen der Corona-Auflagen noch nicht sagen, eine Planung liegt aber bereits vor.

Jüngster Erfolg: Online-Verkostungen

Michael Scharmann, Jürgen Hofer und Rainer Köpf ist es wichtig, in diesen schweren Zeiten vor allem die Stärken der Remstalkellerei zu betonen. Diese gewinne schließlich laufend Preise, etwa bei der Bundes- oder der Landesweinprämierung. Dazu kommt der Erfolg der Online-Verkostungen, die im April gestartet wurden – und der Genossenschaft während der Pandemie Rückenwind gaben. Allein bei der ersten Live-Verkostung Anfang April waren mehr als 500 Teilnehmer dabei.

Pfarrer Rainer Köpf jedenfalls lobt die Vielfalt der Weine, die die Remstalkellerei zu bieten hat. „Ich bin stolz auf unseren Wein hier.“

Wirtschaftlich befindet sich die Remstalkellerei in einer schweren Krise. In Weinstadt hat die Genossenschaft ihren Hauptsitz – und dort wird ein mögliches Aus mit Sorge gesehen.

Oberbürgermeister Michael Scharmann (seit 2016 im Amt), das ehemalige Stadtoberhaupt Jürgen Hofer (1975 bis 2000) und der evangelische Beutelsbacher Pfarrer Rainer Köpf haben deshalb ein Gespräch im Keller des Württemberg-Hauses in Beutelsbach organisiert, bei dem sie klarmachen, aus welchen Gründen die

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