Weinstadt

Weinstadt stellt ab 2023 kostenlos Binden und Tampons an den Schulen bereit

Tamponspender Symbol
Tampons und Binden einfach wie Papierhandtücher aus einem Spender in den Schultoiletten? Weinstadt will das ausprobieren (Symbolfoto). © Nagy

Der weibliche Zyklus, die Menstruation, ist für viele immer noch ein Tabu-Thema. Gerade für Schülerinnen können daraus sehr unangenehme Situationen entstehen: Die Periode beginnt vielleicht zum ersten Mal oder einfach unerwartet, während das Mädchen in der Schule ist.

Vielleicht liegt das Täschchen mit den dringend benötigten Hygieneprodukten zu Hause, im Schulranzen außer Reichweite, das Sekretariat, wo Ersatz beschafft werden könnte, hat vielleicht schon geschlossen. Jetzt vielleicht auch noch einen männlichen Lehrer wegen des „Frauenproblems“ ansprechen müssen? Für einige junge Mädchen sicherlich eine Alptraum-Situation.

Spender auf den Toiletten sollen Mädchen im Notfall helfen

Ausgerechnet der Weinstädter Gemeinderat hat sich kürzlich mit diesem Szenario auseinandergesetzt, nämlich auf Antrag des Jugendgemeinderats: Das junge Gremium hat angeregt, solchen Situationen durch das Bereitstellen von kostenlosen Menstruationsprodukten wie Binden und Tampons auf den Schultoiletten und in zwei weiteren öffentlichen Gebäuden künftig vorzubeugen.

Die Gemeinderatsmitglieder reagierten durchaus aufgeschlossen auf die Idee und stimmten dem Antrag mehrheitlich zu - was sicherlich auch am persönlich gefärbten Sachvortrag von Stadtjugendreferent Kurt Meyer lag.

Manche Schülerinnen versäumen deswegen sogar den Unterricht

Kurt Meyer hat selbst eine Tochter und erzählt im Gremium, er habe solche Notfälle selbst schon miterlebt. Er weiß, was so ein „Unfall“ für ein junges Mädchen bedeuten kann. Einige Schülerinnen gehen seiner Erfahrung nach wegen solcher Vorfälle sogar nach Hause, versäumen Unterricht. Das kann es nicht sein, findet der Stadtjugendreferent.

Trotzdem, als der Jugendgemeinderat das erste Mal mit diesem Thema an ihn herangetreten sei, habe er selbst sich noch gedacht: „Ey, da könnte man sich auf Glatteis begeben“ - gerade hinsichtlich der angespannten Haushaltslage der Stadt. Aber dann habe er sich damit auseinandergesetzt, sich in die Situation der Mädchen hineingedacht: „Ich stehe mittlerweile voll und ganz dahinter“, sagt Kurt Meyer.

Kostenlose Produkte sind lediglich für Notfälle gedacht

So könnte die Stadt Mädchen und jungen Frauen unkompliziert in einer Notsituation helfen, ihnen ein Angebot machen „in ihrer Lebenswelt.“ Die Menstruationsprodukte aus den Spendern seien lediglich für Notfälle gedacht, legte Jugendgemeinderätin Antonia Lenz weiter dar. Um ein „Plündern“ zu verhindern, sollen besonders günstige Produkte dafür verwendet werden.

Ein weiterer Grund, wieso die Stadtverwaltung den Antrag des Jugendgemeinderats unterstützt, ist die sogenannte „Perioden-Armut“ - ein Phänomen, das die Kinder- und Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit beschreibt und das wohl in Weinstadt in letzter Zeit vereinzelt zu beobachten war: Mädchen aus einkommensschwachen Familien haben demnach vermehrt aus Kostengründen keine Tampons oder Binden dabei. So werde diesen Schülerinnen zusätzlich die gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben erschwert.

Insgesamt sollen in der Erstanschaffung acht Spender mit 200 Tampons und 200 Binden im Remstal-Gymnasium, zwei Spender mit 150 Tampons und 150 Binden in der Reinhold-Nägele-Realschule, zwei Spender und jeweils 100 der Hygieneartikel in der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule, ein Spender mit 30 Tampons und 30 Binden in der Vollmarschule und weitere drei Spender mit zehn- beziehungsweise 20-facher Beladung mit Tampons und Binden im Haus der Jugendarbeit und bei der Schulsozialarbeit am Bildungszentrum stehen. Standorte sind jeweils die Mädchentoiletten.

Zusätzliche 2800 Euro fürs Remstal-Gymnasium

Die Erstbeschaffung samt Menstruationsprodukte wird sich nach einer ersten Rechnung auf rund 4700 Euro belaufen. Dann seien jährliche Gesamtkosten von ungefähr knapp 2000 Euro zu erwarten - auch, wenn natürlich noch nicht klar ist, wie stark die kostenlosen Produkte auf den Toiletten in Anspruch genommen werden.

Die Binden und Tampons sollen künftig zusammen mit Toilettenpapier, Papierhandtüchern und Seife bestellt und auch von den dafür zur Verfügung stehenden Geldern bezahlt werden. Der Liefervertrag dafür wird 2023 ohnehin neu ausgeschrieben. Lediglich für das Remstal-Gymnasium sollen im kommenden Jahr deswegen zusätzliche 2800 Euro zur Verfügung gestellt werden.

Geteilte Meinungen zum kostenlosen Angebot im Gemeinderat

„Das macht definitiv für einige Mädchen einen Unterschied“, lobte SPD-Stadtrat Julian Künkele den seiner Meinung nach sehr gut ausgearbeiteten Antrag des Jugendgemeinderats. Da müsse man den Jugendlichen schon vertrauen: „Die sind am nächsten dran.“

Es gab aber auch Gemeinderatsmitglieder, die dieses kostenlose Angebot nicht uneingeschränkt befürworteten: „Man hat auch Eltern daheim“, fand Isolde Schurrer (FWW). Sie bezweifelte, dass die „aufgeklärte Jugend“ heutzutage noch große Peinlichkeit beim Thema Menstruation und Hygieneprodukte empfinden würde. Außerdem nütze bei einem tatsächlichen Notfall in der Schule ein kostenloses Menstruationsprodukt oft auch nichts mehr: „Dann ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.“

Der weibliche Zyklus, die Menstruation, ist für viele immer noch ein Tabu-Thema. Gerade für Schülerinnen können daraus sehr unangenehme Situationen entstehen: Die Periode beginnt vielleicht zum ersten Mal oder einfach unerwartet, während das Mädchen in der Schule ist.

Vielleicht liegt das Täschchen mit den dringend benötigten Hygieneprodukten zu Hause, im Schulranzen außer Reichweite, das Sekretariat, wo Ersatz beschafft werden könnte, hat vielleicht schon geschlossen. Jetzt

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