Weinstadt

Wenn alles stillsteht: Firma Lütze in Weinstadt wartet viele Monate auf Bauteile

Firma Lütze
Martin Teufel hofft darauf, dass sich die Lage im Jahr 2023 stabilisiert, derzeit bleibt Lütze auf hohen Kosten sitzen. © ZVW/Alexandra Palmizi

Wer häufig mit der Bahn unterwegs ist, hat ein Stück Weinstadt immer dabei: Die hier ansässige Firma Lütze baut Technik, die die Kommunikation zwischen Zug und Lokführer ermöglicht. Auch die elektronische Steuerung von Lokomotiven wird in Weinstadt realisiert. Martin Teufel, Geschäftsführer der Firma Lütze, erzählt, warum derzeit ein Großteil des Kapitals einfach nur im Lager herumliegt und vor welchen Herausforderungen das Unternehmen 2023 steht.

Lieferzeiten und Beschaffungskosten sind enorm gestiegen

Das Unternehmen stellt alle Produkte selbst her – einzelne Bauteile werden nach Weinstadt bestellt und dort verarbeitet. Lieferverzögerungen und hohe Preise im Einkauf haben das Industrieunternehmen aus diesem Grund hart getroffen: Die Lieferzeit für ein Bauteil, die früher bei zwei Wochen lag, beträgt derzeit bis zu mehreren Monaten. Kostete ein Bauteil einmal 50 Cent, sind es heute 7,50 Euro, erzählt Martin Teufel.

Die Produktion der Firma Lütze ist mittlerweile hoch automatisiert - normalerweise wird in den Produktionshallen effizient gearbeitet. Aktuell aber stehe alles still, sobald nur ein einziges Teil fehlt. „Der Automat funktioniert nur, wenn alles da ist“, so der Geschäftsführer. Das ist aufgrund der langen Wartezeiten allerdings häufig eben nicht mehr der Fall.

Zur Überwachung des Bestandes nutzt die Firma Lütze ein System, das automatisch Prognosen erstellt und somit vorhersehen kann, wann ein Bauteil neu bestellt werden muss. Dazu verfügt es über Echtzeitdaten der aktuellen Lieferzeiten. Doch diese variieren zurzeit ständig, sagt Martin Teufel. Dementsprechend müssen die Daten, die sonst von einem System erfasst werden, nun händisch eingepflegt werden. Das habe massive Auswirkungen auf die Produktivität der Firma.

Dass er sich nicht mehr auf die Lieferzeiten verlassen kann, ist ein Defizit, das auch Auswirkungen auf andere Bereiche hat. Es erschwert feste Zusagen an den Weitertransport, häufig komme es vor, dass Lastwagen bei Logistikpartnern bestellt und in letzter Sekunde doch wieder abgesagt werden müssen. Martin Teufel hat darüber hinaus bemerkt, dass die Kunden der Firma Lütze häufiger in Zahlungsverzug geraten: „Es gibt viele offene Forderungen.“

Anzahl der Mahnungen hat sich verdreifacht

In den Mahnungen bleibe das Unternehmen strikt - wer nicht zahlt, bekommt keine Ware geliefert. Die Anzahl der Mahnungen habe sich „locker verdreifacht“. Warum einige Kunden nicht zahlen können, lässt sich für Martin Teufel leicht herleiten, schließlich befinden sich alle im gleichen Boot. Rund 80 Prozent der Rechnungen beliefen sich auf über 10.000 Euro. Kosten, auf denen das Unternehmen am Ende selbst sitzenbleibt, denn die Ware ist schließlich produziert worden.

Kunden, die nicht zahlen können, Produktionen, die stillstehen, weil Bauteile fehlen: Die Lager des Weinstädter Unternehmens sind voll. Ein Drittel mehr Kapital als gewohnt liege derzeit im Lütze-Lager. Geld, über welches das Unternehmen erst einmal nicht verfügen kann - und dennoch müssen die Lieferanten bezahlt werden. Als Konsequenz musste das Industrieunternehmen seine Verkaufspreise erhöhen. „Wenn wir nichts unternehmen, bleiben wir auf den Kosten sitzen“, sagt der Geschäftsführer. Ihm kommt es jetzt vor allem darauf an, die neuen Preise fair weiterzugeben.

Verschärft wird die Lage für die Weinstädter noch zusätzlich, weil auch sie mit den hohen Energiepreisen zu kämpfen haben, gerade in der Produktion seien die Kosten enorm: „Der Preis für den Strom hat sich verdreifacht.“ Über die Weihnachtstage wurde die Temperatur der Heizungsanlage gesenkt, so der Geschäftsführer.

Er hofft darauf, dass sich die Lage 2023 stabilisiert – nicht nur die Energiekosten betreffend. Derzeit sucht das Unternehmen „händeringend“ neues Personal. „Personal im Elektrobereich zu finden ist schwer.“ Lütze setze deshalb auf die Zusammenarbeit mit Universitäten, zum Beispiel durch ein duales Studium. Auch Masterarbeiten können in Weinstadt geschrieben werden.

Um auch jungen Menschen Zugang zur Branche zu ermöglichen, hat Lütze im Oktober 2022 sogar Besuch von der Sendung mit der Maus bekommen. Manchmal hilft aber alles nichts. Einmal sagte ein Ingenieur, der bereits einen Vertrag unterschrieben hatte, wieder ab, erinnert sich Martin Teufel. Weil er in der Gegend kein bezahlbares Haus für sich und seine Familie gefunden hat, sei die Erklärung gewesen. Um solche Situationen, aber auch die Abwanderung von Arbeitskräften zu vermeiden, setze Lütze vor allem auf regional ansässige Mitarbeiter.

Das Weinstädter Familienunternehmen ist grundsätzlich aber international aufgestellt. Nicht nur in europäischen Ländern wird produziert und geforscht – auch in den USA. Ist die Situation dort genauso kritisch wie hier? Die Lage in den Vereinigten Staaten und in Deutschland zu vergleichen sei schwierig, so Teufel. Die Energiekrise treffe die USA nicht ganz so hart wie die Produktion in Deutschland. In der Beschaffung hingegen gebe es genau die gleichen Probleme: lange Lieferzeiten, hohe Preise.

Wer häufig mit der Bahn unterwegs ist, hat ein Stück Weinstadt immer dabei: Die hier ansässige Firma Lütze baut Technik, die die Kommunikation zwischen Zug und Lokführer ermöglicht. Auch die elektronische Steuerung von Lokomotiven wird in Weinstadt realisiert. Martin Teufel, Geschäftsführer der Firma Lütze, erzählt, warum derzeit ein Großteil des Kapitals einfach nur im Lager herumliegt und vor welchen Herausforderungen das Unternehmen 2023 steht.

Lieferzeiten und Beschaffungskosten

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