Weinstadt

Wie kommen Alkoholiker durch die Corona-Zeit?

Komasaufen
Symbolbild. © ZVW/Gaby Schneider

„Irgendwann kann es dir passieren, dass jemand zu dir sagt: Schau dir mal diesen wunderschönen Sonnenuntergang an, genieß’ diese perfekte Radtour! Und du bemerkst nichts davon, weil alle deine Interessen weg sind. Du hast nichts außer das Saufen, und alle deine Gedanken drehen sich einzig darum, wie du die kommenden Stunden bis zum nächsten Viertele verbringst.“ Das sagt ein Mitglied der Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes, die sich jetzt nach vielen Wochen Pause wegen Corona wieder mittwochs in den Räumen der Missionsgemeinde in Endersbach trifft.

Alkoholiker-Selbsthilfegruppe trifft sich jeden Mittwoch in Weinstadt

Keineswegs gehe es bei diesen Treffen nur um das „Saufen“, betont der ehrenamtliche Suchtkrankenhelfer Uwe. Während der Entgiftung in der Psychiatrie oder in der Therapie höre man so gut wie nichts anderes. Hier gehe es darum, dass man lerne, befreit zu leben, frei von Alkohol. Dazu verhelfe das christliche Menschenbild mit seiner Gewissheit, dass der Mensch von Gott geschaffen sei und dass Gott jeden Einzelnen liebe, egal wie schwach und unvollkommen er sei. Jeder dürfe Fehler machen, jeder dürfe auch scheitern, er werde dennoch in seiner Unvollkommenheit angenommen.

Die Arbeit in der Gruppe, erklärt Uwe, ermögliche es, etwas für sich zu tun und gleichzeitig anderen zu helfen. Dafür komme die Selbsthilfegruppe jeden Mittwoch um 19.30 Uhr zusammen; nachmittags treffe sich die „Seniorengruppe 70 plus“ und zusätzlich jeden ersten Mittwoch im Monat die Angehörigen. Es handle sich um offene Gruppen, jeder sei willkommen, man könne kommen und gehen, wie man will. Dies schaffe eine große Offenheit, baue Schwellenangst ab und ermutige zum Besuch.

An diesem Mittwochabend wird in dem großzügig angelegten Stuhlkreis viel gelacht und erzählt. Manchem der Teilnehmer stecken nach wie vor die langen Wochen in den Knochen, als aufgrund der Corona-Auflagen keine Zusammenkünfte möglich waren. Es seien schwere Zeiten gewesen, besonders für jene, die nicht in einer festen Beziehung leben, keinen Garten und kein Stückle zum Bewirtschaften haben und nicht jeden Tag zur Arbeit gehen können. Dazu gab es keine Gottesdienste, keine Konzerte und kein Theater, kein Fußball.

Es gibt auch Rückfälle

Glücklicherweise haben die Teilnehmer die anderen Gruppenmitglieder gehabt. Man habe untereinander telefoniert und Spaziergänge in der Natur unternommen, soweit es die Kontaktbeschränkungen erlaubten. Über die Internetseite des Blauen Kreuzes und Telefonkonferenzen wurde Kontakt miteinander gehalten, zudem wurden Online-Meetings abgehalten. Fast schon paradox sei es gewesen, wird eingeworfen, dass sich ein paar Gruppenmitgliedern regelmäßig im Biergarten trafen. Aber leider nicht jeder besitze ein Handy oder habe Zugang zum Internet. Da sei der „Saufdruck“ bisweilen schier unerträglich geworden. Es gab Rückfälle.

„Du bist sicher auf drei Beinen: die Arbeit, dein Partner und der Führerschein“, erklärt ein Gruppenmitglied. „Solange du sie hast, kannst du deinen Alkoholismus vor dir selbst und der Umgebung gut verbergen. Du kannst damit umgehen, nach außen hin funktionieren. Aber wenn eines dieser Standbeine wegbricht, dann stürzt du ab!“ Und erst wenn der Leidensdruck zu groß werde, größer als der Saufdruck, gestehe man sich ein, dass man ein Problem habe. „Für den Alkohol gibt es keinen Ersatz!“, wird dazu in die Runde geworfen. Je eher man sich dies eingestehe, desto besser komme man mit seinem Alkoholismus und mit sich selbst zurecht.

Keine jungen Leute in der Endersbacher Selbsthilfegruppe

Aber es gibt aus Sicht der Gruppe die Möglichkeit, sich einen Ausgleich dafür zu erarbeiten. „Wie zum Beispiel ein viertes Mal den Jakobsweg erwandern“, kommt es aus der Runde, „dreimal habe ich diese Herausforderung bereits bewältigt! Und für dieses Mal habe ich sogar angefangen, Spanisch zu lernen.“ Die große Herausforderung bestehe darin, auch ohne Alkohol zufrieden mit sich selbst zu leben, ein Selbstwertgefühl und Stolz in der Abstinenz zu entwickeln, zu lernen, „Nein“ zu sagen, wenn einem Wein, Bier oder Sekt angeboten werde. Er sei „richtig stolz“ auf sich, merkt ein anderes Gruppenmitglied an, dass er den Keller voller Schnaps und Wein habe, um jeden Besucher damit bewirten zu können, aber seit vielen Jahren trocken sei.

Schade sei es, ist man sich einig, dass sich keine jungen Leute in die Endersbacher Selbsthilfegruppe verirrten. Das Zentrum für Psychiatrie Winnenden (ZfP) und die Therapieeinrichtungen seien voller junger Frauen und Männer, die mit ihren Drogenproblemen kämpften, während sie sich hier immer mehr zu einer Seniorengruppe entwickelten. Und dabei habe man doch einiges zu bieten: gemeinsame Wanderungen, Ausflüge, Gruppenfreizeiten, Themen- und Kreativabende, Schulungen, sowie den Rückhalt und die Wärme im Kreise von Menschen, die mit einem ähnlichen Schicksal kämpften.

„Irgendwann kann es dir passieren, dass jemand zu dir sagt: Schau dir mal diesen wunderschönen Sonnenuntergang an, genieß’ diese perfekte Radtour! Und du bemerkst nichts davon, weil alle deine Interessen weg sind. Du hast nichts außer das Saufen, und alle deine Gedanken drehen sich einzig darum, wie du die kommenden Stunden bis zum nächsten Viertele verbringst.“ Das sagt ein Mitglied der Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes, die sich jetzt nach vielen Wochen Pause wegen Corona wieder

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