Weinstadt

Wofür steht Michael Scharmann? Der Weinstädter OB im Interview zu Corona, Kritikfähigkeit und Schulden

OB Scharmann
Die Hälfte der ersten Amtszeit von Oberbürgermeister Michael Scharmann ist vorbei, die zweite Hälfte hat turbulent begonnen. © Alexandra Palmizi

Im Corona-Herbst 2020 hat Michael Scharmann (46) sein Vier-Jahr-Jubiläum im Amt als Oberbürgermeister von Weinstadt gefeiert. Die zweite Hälfte seiner Amtszeit hat begonnen – unter ganz anderen Vorzeichen als die erste. Im Interview mit Redakteur Sebastian Striebich spricht Scharmann über das, wofür er steht, seinen Umgang mit Kritik, die Stimmung im Gemeinderat und welche Ziele er für die kommenden vier Jahre hat.

Nach vier Jahren - wofür steht Oberbürgermeister Michael Scharmann?

Ich glaube, dass ich für Bürgernähe stehe, immer für jeden ein offenes Ohr habe. Dass mich die Dinge beschäftigen, die auch die Menschen beschäftigen und ich versuche, eine Lösung dafür zu finden. Das ist mir ein sehr wichtiger Punkt. Außerdem war es mir wichtig, schon im Wahlkampf bestimmte Themen anzusprechen und diese dann auch im Laufe der Amtszeit anzugehen. Wir waren in den letzten vier Jahren sehr aktiv.

Es gab wenige Jahre in Weinstadt, in denen so viele Projekte angegangen worden sind. Das Arbeitspensum war sehr hoch. Wenn man zurückblickt: In den letzten Jahren war alles dabei. Es gab eine Hochphase vor und während der Remstal-Gartenschau, in der man planen, machen, organisieren konnte, die aber auch unendlich viel Einsatz von allen Mitarbeitern im Rathaus verlangt hat. Und kaum war die Gartenschau vorbei, kommt ein halbes Jahr später ein Lockdown. Plötzlich ist alles anders. Man arbeitet ähnlich viel, aber immer nur mit schwierigen Themen und ohne persönlichen Kontakt. Wir geben jetzt seit vier Jahren Vollgas.

Lockdown und Bürgernähe, das passt wirklich schlecht zusammen. Trifft Sie Corona schlimmer als andere Bürgermeister?

In den Vergleich zu anderen möchte ich mich nicht setzen. Alle Bürgermeister haben das Ziel, bürgernah zu sein. Aber das ist schon ein Thema, das mich innerlich schmerzt. Weil man es anders gewohnt ist und so sehr liebt. Es war das Ziel, so viel wie möglich in Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern zu kommen und das bricht natürlich ganz stark weg.

Es ist etwas anderes, wenn man sich über Videokonferenzen unterhält, als wenn man direkt vor Ort ist, mit den Leuten reden und diskutieren kann. Das ist etwas, das wirklich fehlt. Wobei wir in Weinstadt im vergangenen Jahr viel auf die Beine gestellt haben, nicht nur die Verwaltung, auch die Kirchen und andere Organisationen. Ich denke dabei an den Kultur-Drive-in oder die Traktorgottesdienste. Zusammenhalt ist das Wichtigste.

Aber auch abseits von Gartenschau und Corona hatten Sie einiges zu tun.

Wir haben viel in Themen wie Barrierefreiheit, Schulentwicklung, oder die Schaffung von Wohnraum investiert. Wir untersuchen die Organisation der kompletten Verwaltung. Ein anders Thema ist die Zusammenarbeit mit der Jugend. 2018 haben wir den ersten Neujahrsempfang für die Jugend veranstaltet. Es gibt einen monatlichen Jour fixe mit dem Jugendgemeinderat. Die Jugendlichen sind stark engagiert und haben viele Ideen. Wir wollen das Interesse stärken, sich in der eigenen Heimat zu engagieren. Bald steht die nächste Wahl zum Jugendgemeinderat an, wir sind gespannt, wie das funktioniert in Corona-Zeiten.

Das bringt mich zu den Erwachsenen. Dort war die Stimmung zuletzt nicht gut. Der Gemeinderat hat sich viel mit sich selbst beschäftigt und darüber nachgedacht, wie Sitzungen besser strukturiert werden können, etwa durch begrenzte Redezeiten. Kürzlich hat sich eine Gemeinderätin über den Umgangston im Gremium beschwert. Als Sitzungsleiter sind auch Sie in der Pflicht – müssen Sie in dieser Rolle noch dazulernen?

Ich denke, jeder Mensch sollte immer dazulernen wollen, sonst macht er grundsätzlich etwas falsch. Was auch klar ist: In den ersten Jahren haben wir Vollgas gegeben für die Gartenschau, viele Themen mussten sehr kurzfristig entschieden werden. So hatten wir sehr lange Sitzungen. Darüber ist bei manchem Unmut entstanden. Es hieß: Der ein oder andere redet zu viel, oder zu häufig, er wiederholt sich. Trotz allem war die Stimmung damals sehr positiv.

Es ist zwar lang geworden, aber wir haben auch sehr viel erreichen können. Dass die Lage jetzt angespannter ist, liegt an unterschiedlichen Dingen. Zum einen ist das ein ganz, ganz großes Problem von Corona. Die Kommunikation ist natürlich gestört, auch zwischen Verwaltung und Gemeinderat. Man hat gar nicht mehr die Chance, mal zusammenzusitzen und informell Dinge zu beratschlagen.

Dazu kommt: Weil wir so eine große Aufgabenfülle haben und weil wir uns in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase befinden, ist natürlich die eine oder andere Sorge da. Wenn man sich dann nicht perfekt miteinander austauschen kann, führt das zu Spannungen. Das ist eine schwierige Situation. Da muss man Gelassenheit haben und schauen, wie man das optimieren kann. Eine Sitzungsleitung kann immer nur zu einem bestimmten Maß Einfluss nehmen. Was den Tonfall angeht, muss der eine oder andere das vielleicht selbst reflektieren ...

Vielleicht braucht es auch ab und zu mal ein deutlicheres Machtwort. Zu viel Gelassenheit ist doch auch nicht zuträglich.

Genau. Das Thema ist schon ein paarmal angesprochen worden und muss natürlich weiterverfolgt werden.

Weg vom Gemeinderat: Einen wertschätzenden Umgangston im Rathaus hatten Sie sich schon zum Amtsantritt auf die Fahne geschrieben. Wie wichtig ist es Ihnen, Ihre Mitarbeiter viel einzubinden und ihnen großes Mitspracherecht einzuräumen - und was ist die Kehrseite der Medaille? Am Ende müssen ja in aller Regel Sie eine Entscheidung treffen.

Ganz wichtig ist es, ein offenes Ohr zu haben und alle, die fachlich mit dem Thema zu tun haben, zu Wort kommen zu lassen. Das ist das A und O, nicht über diese Köpfe hinweg zu entscheiden. Ich glaube, dass das Arbeitsklima sehr gut ist. Natürlich wird es auch immer Dinge geben, die unterschiedlich gesehen werden. Da ich den Kopf dafür hinhalten muss, muss die letztendliche Entscheidung auch von mir kommen beziehungsweise vom Ersten Bürgermeister Thomas Deißler. Dafür, sich stark auszutauschen, stehe ich nach wie vor.

Als Oberbürgermeister sind Sie nicht nur Ihren Mitarbeitern gegenüber verantwortlich, sondern auch gegenüber der Öffentlichkeit und uns Medienvertretern. In Ihrer vorherigen Stelle als Oberregierungsrat war das nicht so. Wie schwer war es, in diese neue Rolle zu schlüpfen?

Es ist immer eine Aufgabe, mit Kritik umgehen zu können. Wenn diese Kritik öffentlich ist, ist das umso schwieriger, als nur hinter verschlossenen Türen. Es braucht Zeit, Gelassenheit zu lernen. Es ist nach wie vor so: Wenn man sich unbegründeterweise angegriffen fühlt, schmerzt das immer. Das kann man auch nicht ganz abschütteln, zumindest nicht, wenn man den Job mit Herzblut macht. Auf der anderen Seite kriegt man mit der Zeit eine dickere Haut. Und man muss natürlich auch Kritik annehmen können.

Ganz ohne Kritik wird es kein Oberbürgermeister durchs Jahr schaffen. Sie haben allerdings noch vier Jahre vor sich ...

Hoffentlich noch mehr.

Womöglich. Präziser ausgedrückt: Ihre erste Amtszeit dauert noch fast vier Jahre. Welche Ziele wollen Sie denn erreichen, damit es danach noch mit einer zweiten Amtszeit klappt?

Auf der menschlichen Ebene: So bodenständig bleiben, wie ich bin. Auf Augenhöhe mit den Bürgern. Die Themen weiterhin transparent halten. Dann gibt es natürlich mehrere Themen, die in Zukunft wichtig sind. Sie schreiben ja auch gerne drüber, die Hallenbad-Geschichte zum Beispiel.

Da haben wir eine Alternative gefunden, die andere Projekte nicht gefährdet. Wenn wir einen Baubeschluss bekommen, dann ist das ein ganz, ganz großer Gewinn. Weinstadt soll lebens- und liebenswert bleiben, seine Eigenheiten behalten und trotzdem weiter zu einer Stadt zusammenwachsen.

Probleme, die für alle sichtbar sind, wie zum Beispiel die Cabrio-Ruine oder die verwilderte Beutelsbacher Ortsmitte, sind Themen, an denen Sie eher gemessen werden, als an einer Sozialquote im Wohnungsbau oder an einer internen Verwaltungsreform. Wie schwierig ist es, diesen Spagat zu meistern?

Das Wichtige ist, die Stadt ganzheitlich zu sehen. Wir haben eine ganze Fülle an Pflichtaufgaben und Themen, die darüber hinaus wichtig sind. Die muss man in Einklang bringen. Selbstverständlich sind wir nicht auf Rosen gebettet, deswegen geht nur das eine nach dem anderen.

Dieser Stau, der sich über viele Jahre aufgebaut hat, ist nicht auf einen Schlag zu lösen. Aber es können Wege aufgezeigt werden. Wichtig ist mir: Es gibt dabei kein einziges Thema mit einem Eigeninteresse. Ich schaue mir die Stadt an und frage mich: Wo müssen wir vorankommen?

Es ist natürlich sehr ärgerlich, wenn man wie beim Bleistift-Areal eine supergute Idee hatte, supergute Planungen und dann gerät das durch die Insolvenz eines Bauträgers ins Stocken. Wobei ich sicher bin, dass wir da bis 2024 einen Haken dran haben, aber darum geht es eigentlich gar nicht. Wichtig ist, dass man sieht, dass etwas vorangeht.

Ist aber das nicht die Kritik von vielen: Dass die Einkaufsstraße seit zehn Jahren gemacht werden soll, dass beim Cabrio nichts passiert, dass die Grüne Mitte nicht fertig wird ...

Wenn man aufzählt, welche Projekte in den letzten Jahren fertig geworden sind: von der Grundschule Großheppach, über das Kinderhaus Irisweg, über die ganzen Gartenschauprojekte, die mehrere Millionen Euro gekostet haben, über die Stadionsanierung ... dann ist das ein riesengroßer Strauß an Dingen.

Natürlich gibt es immer andere Punkte, wo man sagt: Das könnte man auch noch ... Man wird aber nie alles gleichzeitig machen können. Als Gemeinderat habe ich auch gedacht: Lass uns das Cabrio schnell abreißen, dann ist diese Ruine weg.

Wenn man sich aber tiefer damit beschäftigt, und die Abbruchkosten gegenrechnet, ist es vielleicht sinnvoller, an andere Dinge einen Haken zu machen. Wir können ohne eine entsprechende Planung für eine Nachnutzung nicht einfach das Cabrio für eineinhalb Millionen Euro abreißen, haben dann eine grüne Wiese und können dafür dann einen Kindergarten nicht bauen.

Zumal die finanzielle Lage auch nicht einfacher wird.

Wir haben in den letzten Jahren nicht schlecht gewirtschaftet. Wir haben unsere Pro-Kopf-Verschuldung deutlich gesenkt. Wir werden uns aber nicht zuletzt auch wegen der Corona-Krise in den nächsten Jahren - wie andere Städte auch - damit auseinandersetzen müssen, wieder mehr Kredite aufzunehmen, um die entsprechenden Investitionen tätigen zu können.

Im Corona-Herbst 2020 hat Michael Scharmann (46) sein Vier-Jahr-Jubiläum im Amt als Oberbürgermeister von Weinstadt gefeiert. Die zweite Hälfte seiner Amtszeit hat begonnen – unter ganz anderen Vorzeichen als die erste. Im Interview mit Redakteur Sebastian Striebich spricht Scharmann über das, wofür er steht, seinen Umgang mit Kritik, die Stimmung im Gemeinderat und welche Ziele er für die kommenden vier Jahre hat.

Nach vier Jahren - wofür steht

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