Weinstadt

Zweiter Weltkrieg: Viele Bomben flogen auf Endersbach

Bombenfund
Manfred Jäger (82) ist in Endersbach aufgewachsen und hat miterlebt, wie der Ort im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde. © ALEXANDRA PALMIZI

Bei der geplanten Auswechslung einer Wasserleitung in der Schorndorfer Straße in Endersbach drohen Bombenfunde – und genau das hat bei Manfred Jäger Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachgerüttelt. Der 82-Jährige hat als Kind miterlebt, wie Endersbach im März 1944 nachts aus der Luft angegriffen wurde – und dabei auch das Sägewerk seines Großvaters an der Schorndorfer Straße zerstört wurde.

Nach Manfred Jägers Wissen sind in jener Nacht auf jeden Fall drei Bomben explodiert – zwei beim Sägewerk und eine bei einer Garage, in der Reisewagen des Nudelherstellers Birkel standen. In der Ortschronik von Endersbach steht, dass bei dem Angriff auch die Fabrikgebäude der Nachbarbetriebe Jakob Maier und Gebrüder Klöpfer beschädigt wurden. Eine Sprengbombe soll zudem in der Nähe der Nudelfabrik explodiert sein – und die dadurch entstandene Druckwelle hat Türen und Wände eingedrückt.

Funde sind möglich: Bauarbeiten der Stadtwerke beginnen im September

Wenn Anfang September im Auftrag der Weinstädter Stadtwerke in der Schorndorfer Straße auf Höhe der Einmündung in die Birkelstraße rund 70 Meter Hauptleitung und 20 Meter Hausanschlussleitung erneuert werden, wird wegen der drohenden Bombenfunde eine Kampfmittelbeseitigungsfirma vor Ort sein. Die Bauarbeiten selbst sollen rund sechs bis acht Wochen dauern.


Luftbildaufnahmen der Amerikaner

Manfred Jäger erinnert sich daran, dass einige Bomben in der Nähe der Birkelstraße herabfielen – und längst nicht alle seien explodiert. Manfred Jäger hat in den 2000er Jahren Kopien von Luftbildaufnahmen der Amerikaner aus dem Zweiten Weltkrieg erhalten, die Bombenschäden in Endersbach zeigen – und diese unserer Redaktion vorgelegt.

Er selbst war ein kleines Kind und wohnte mit seinen Eltern in der Stettener Straße 3, als die Alliierten in ihrem Kampf gegen die Nazis auch Endersbach aus der Luft angriffen. „Bei den Bombardierungen bin ich im Keller gehockt mit meinen Eltern.“ In jener Nacht sei das Sägewerk seines Großvaters zerstört worden. Das Dach des angrenzenden Hauses, in dem Verwandte gelebt haben, sei komplett abgedeckt worden. „Da sind sie zu uns gekommen und haben 14 Tage da gewohnt, bis das Haus wieder hergerichtet war.“ Das Sägewerk selbst, sagt Manfred Jäger, sei erst in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut worden.

Der Endersbacher Wolf Dieter Forster hat alte Bombenlöcher fotografiert

Wolf Dieter Forster, jahrzehntelanger Stadtrat von Weinstadt und passionierter Heimatforscher, lebt seit 47 Jahren im ans Birkelareal grenzenden Wohngebiet Trappeler. Er hat laut eigenem Bekunden beobachtet, wie sich die Landschaft in der Nähe seines Hauses in den Jahren nach der Bombardierung verändert hat. „Ich habe immer wieder die Bombenlöcher fotografiert.“

Gegen die Zivilbevölkerung

In unserem ersten Bericht über die möglichen Bombenfunde in Endersbach schrieben wir, dass es Amerikaner und Briten bei ihren Bombardierungen vor allem auf Infrastruktureinrichtungen wie Bahnhöfe, Großstädte und Industrie abgesehen hatten. Leser Rudolf Kemmerich machte uns in dem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass das britische Luftfahrtministerium am 14. Februar 1942 dem Oberkommandierenden Arthur Harris die Flächenbombardierung befohlen habe – und die richtete sich auch gegen die Zivilbevölkerung. Die Nazis hatten bereits 1940 und 1941 britische Großstädte bombardiert – und dabei in London, Birmingham, Coventry, Manchester und Sheffield Wohnviertel zerstört.

Keine bewussten Flächenbombardierungen bei Dörfern

Zur allgemeinen Beurteilung des Luftkriegs über deutschen Dörfern kann der Weinstädter Stadtarchivar Dr. Bernd Breyvogel nichts sagen. Er nannte unserer Zeitung jedoch ausgewiesene Experten – unter anderem Professor Gerhard Fritz von der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd. Dieser betont, dass der britische Oberkommandierende Arthur Harris 1944 zumindest Überlegungen anstellte, die Flächenbombardierungen nicht nur bei großen Städten, sondern auch bei Dörfern anzuwenden. Ausgeführt worden sei es jedoch nie.

Historiker: "Die Treffgenauigkeit in der Nacht war miserabel"

Für wahrscheinlich hält es Gerhard Fritz, dass Endersbach aufgrund seiner Nähe zu Stuttgart von den britischen und amerikanischen Kampfpiloten schlichtweg als Teil von Stuttgart wahrgenommen wurde. Da die Briten nach einer Änderung ihrer Kriegstaktik in den letzten Kriegsjahren nicht mehr tagsüber, sondern nachts angriffen, hatte dies verheerende Folgen. „Die Treffgenauigkeit in der Nacht war miserabel.“ Dazu kam laut Gerhard Fritz, dass die Bombardierung von Zivilisten nicht den gewünschten Effekt gebracht habe, dass sich die Bevölkerung gegen Hitler erhebt.

Kriegsschäden an Endersbacher Gebäuden

Bezüglich der Kriegsschäden an Endersbacher Gebäuden sind laut einem Dokument des Weinstädter Stadtarchivs 13 Namen aufgeführt. Es sind die Familie Birkel, Amalie Bochterle, die Erben von Sägewerksbesitzer Wilhelm Jäger, die Gebrüder Klöpfer (Karosseriebau), Fritz Lang (Kaufmann), Jakob Maier (Maurermeister), Rudolf Palmer (Autoreparatur), Steinbruchbesitzer Ernst Schwegler, Arzt Dr. Hermann Steng, Julius Ungerer (Buchdruckerei), Weinläder und Schmalzried (Leiternfabrik), Gipsermeister Julius Winkler und die damalige Reichsbahn.

Weiterer Augenzeuge der Bombardierungen: Kurt Entenmann

Die Berichte und Aussagen von Manfred Jäger und Wolf Dieter Forster kennt der Weinstädter Stadtarchivar Bernd Breyvogel, er kann sie aber durch die Überlieferung im Stadtarchiv nicht bestätigen oder ergänzen. Grund zum Zweifel an den Aussagen der beiden Männer hat Breyvogel aber nicht. Er verweist zudem auf den Augenzeugen Kurt Entenmann, der seine Erinnerungen an Bombardierungen im Jahr 1945 bereits vor 16 Jahren niederschrieb.

Darin heißt es unter anderem: „Ich wohnte in der damaligen Adolf-Hitler-Straße (jetzt Strümpfelbacher Straße 5) beim Eisenbahnviadukt. Wir hatten einen gewölbten Keller. Dieser Keller galt als einigermaßen bombensicher, und so versammelten sich die nächsten Nachbarn bei uns, wenn akuter Fliegeralarm gegeben wurde. Die schlimmste Nacht erlebte ich, als kaum 200 Meter vor unserem Haus eine Luftmine explodierte.“


"Es gab nichts mehr zu retten"

Kurt Entenmann erlebte auch, wie deutsche Soldaten 1945 wegen der anrückenden amerikanischen Soldaten das Viadukt in Endersbach sprengten. Sein Freund, der Saarländer Heinz Flach aus Wadgassen, wurde dabei von einem Betonbrocken am Kopf getroffen und starb. „Helfer trugen ihn zum Arzt, aber es gab nichts mehr zu retten.“ In dem Punkt, betont Archivar Breyvogel, enthält die Ortschronik von Endersbach einen Fehler: Hier steht nämlich, dass der durch die Sprengung des Viadukts getötete Junge ein Italiener gewesen sei.

Bei der geplanten Auswechslung einer Wasserleitung in der Schorndorfer Straße in Endersbach drohen Bombenfunde – und genau das hat bei Manfred Jäger Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachgerüttelt. Der 82-Jährige hat als Kind miterlebt, wie Endersbach im März 1944 nachts aus der Luft angegriffen wurde – und dabei auch das Sägewerk seines Großvaters an der Schorndorfer Straße zerstört wurde.

Nach Manfred Jägers Wissen sind in jener Nacht auf jeden Fall drei Bomben explodiert – zwei

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