Welzheim

Appell an alle Schüler im Welzheimer Wald: „Habt den Mut, auch mal zu scheitern!

Limes Abschluss
Markus Metzger diskutiert mit den Schülern des Limes-Gymnasiums und sammelt Informationen über deren Zukunftswünsche. © Gabriel Habermann

Corona neigt sich dem Ende zu und hat Spuren hinterlassen. Spuren der Veränderung und Neuausrichtung, auch – und gerade – bei gymnasialen Abschlussklassen. Verbunden mit dem Start in deren berufliche Zukunft zeigt der ZVW anhand vier repräsentativer Beispiele die aktuelle Lage der Abschlussklasse vor Ort in Welzheim und was die Schüler anstreben. Natürlich auch als Inspiration für alle Jugendlichen, die noch auf der Suche nach der für sie passenden Zukunft sind.

Berufsorientierung ist wichtig, daher sind Praktika unumgänglich

Jörg Brehmer ist Abteilungsleiter und Studiendirektor am Welzheimer Limes-Gymnasium in Welzheim. Er ist zuständig für Berufsorientierung und begleitet seit vielen Jahren Abschlussklassen, junge Berufseinsteiger und den Start junger Erwachsener in deren Studienzeit. Brehmer unterrichtet Deutsch als Leistungskurs, Geschichte, Gemeinschaftskunde und unterstützt als Oberstufenberater hier verschiedene Jahrgänge. Maline Anderle, Benjamin Resnik, Marius Pressler und Tirza Weiler sind vier ausgewählte Schüler seiner Abschluss-Klassenstufe 12, mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen. Alle erzählen hier, parallel zu ihm, in eigenen Worten anhand ihrer persönlichen Erfahrungen, wie Corona ihre Berufswahl beeinflusste, auf was sie verzichten mussten und warum diese spezielle Zeit vielleicht sogar ein Vorteil für die spätere Berufslaufbahn sein kann.

Vier repräsentative Zukunftsausrichtungen

Maline Anderle ist 17 Jahre alt und die erste Schülerin, die für Fragen zur Verfügung steht. Sie hat noch etwas Zeit, denn sie will nach den Sommerferien das Studium Grundschullehramt in Ludwigsburg beginnen. Maline hat sich jedoch vorab, anhand eines wohlgewählten Praktikums an der Grundschule in Welzheim, einen – für sie – bleibenden Eindruck für ihren späteren Berufswunsch verschafft. Das war vor zwei Jahren noch undenkbar und musste wegen Corona erst mal ausfallen. Das gewünschte Praktikum konnte so erst einige Zeit danach stattfinden. Nun wartet sie auf die Ergebnisse der kommenden Abi-Prüfung, um sich danach zeitnah auf ihren Wunsch-Studienplatz bewerben zu können. Maline rät allen Absolventen als Tipp, die noch auf der Suche sind: „Man sollte nichts unter Druck entscheiden und parallel immer seinen persönlichen Interessen treu bleiben“, außerdem plädiert die angehende Studentin dafür, dass das Gehalt nicht an erster Stelle stehen sollte, und fügt noch mit einem Augenzwinkern hinzu: „Die Berufsinhalte sind auf die Jahre gesehen doch wesentlich wichtiger.“

Ein duales Studium mit Praxiserfahrung ist eine gute Chance

Benjamin Resnik ist der zweite Schüler, der zum Interview erscheint. Er ist 18 Jahre alt und hat sich für ein duales Studium in Energiewirtschaft, inklusive bereits vorhandenem festen Vertrag, bei den Stadtwerken in Esslingen entschieden. Er bewarb sich hierauf jedoch bereits letztes Jahr im Sommer. „Insgesamt wird mein dualer Studiengang drei Jahre in Anspruch nehmen, hiervon je die Hälfte im Studium und parallel die andere zeitliche Hälfte im Betrieb“, verrät Benjamin. Ihm war bei seiner persönlichen Entscheidungsfindung vor allem die „Zukunftsausrichtung und Stabilität“ seines späteren Berufes wichtig. Seine Erfahrung mit Corona beinhaltete vor allem die neuausgerichtete Online-Bewerbung, was seinen Jahrgang – mit den Abschlussklassen vor dieser Zeit – wohl einzigartig macht. Das Vorstellungsgespräch lief hierzu via Skype ab. Als Tipp legt er allen Schulabgängern ans Herz, erst mal rauszufinden, „was man eigentlich will“. Es sei dann wesentlich einfacher, gezielt in eine Richtung zu gehen, als wenn man dies erst rausfinden muss. Er würde allen unentschlossenen Schulabgängern raten, erst mal in verschiedene Bereiche reinzuschnuppern, Praktika zu machen oder im Internet Firmen ausfindig zu machen, wer was sucht.

Nach dem Abitur muss es nicht immer ein Studium sein, um eine Arbeit zu finden

Marius Pressler ist ebenfalls 17 Jahre alt und hat als dritter Interviewpartner einen für einen Abiturienten doch recht bodenständigen Weg gewählt: Er schaffte es, einen dreijährigen Ausbildungsplatz im Groß- und Außenhandelsmanagement bei der Firma Löffelhardt in Schorndorf zu ergattern. Marius bewarb sich bereits im Oktober letzten Jahres und auch er ging den Weg über die Möglichkeit der Online-Bewerbung, die coronabedingt in den letzten Monaten Standard wurde.

Marius hatte jedoch den Vorteil, sich beim anschließenden Vorstellungsgespräch „persönlich vor Ort“ zu etablieren und den zukünftigen Arbeitgeber, wie es die Jahre zuvor üblich war, von seinem aufgeweckten Charakter zu überzeugen. Marius ultimativer Tipp für alle Abschlussschüler ist: „Einfach mal den Mut fassen, sich zeitnah zu bewerben, und nicht ewig abwarten, sondern auch mal eine Absage in Kauf nehmen.“ Zudem verweist er auf die Talentschmiede, die immer an einem Samstag im Februar stattfindet: „Für alle 11. Klassen zur Orientierung, um rauszufinden, was die eigenen Stärken sind“.

Ein freiwilliges Jahr im Ausland oder Inland erweitert den Horizont

Tirza Weiler ist die vierte Schülerin im Bunde, auch 17 Jahre alt, und sie macht nach dem Abitur etwas – für viele – traumhaft Besonderes: ein freiwilliges Jahr im Ausland. Sie geht nach Papua-Neuguinea, da sie dort einen familiären Bezug zum Land hat. Tirza startet Ende Juli, Anfang August und will es als Erfahrung verbuchen, um später mit "neuem Horizont" ihren kommenden Lebensweg gehen zu können. „Ich bin in einer Missionsstation von einer evangelischen Gemeinde und werde dort erst mal eingelernt“, erläutert sie und ergänzt: „Später werde ich dann vor Ort als Lehrerin im Einsatz sein.“ Ihr Plan für die Zukunft ist es, nach diesem Jahr ein duales Studium mit sozialer Richtung zu beginnen. Wenn man sie nach einem persönlichen Tipp von ihr fragt, ist ihre spontane Antwort: „Einfach mal was wagen!“

Anfangen und nicht ewig abwarten

Was machte nun diesen Jahrgang noch besonders? Jörg Brehmer holt hier aus und erklärt fachmännisch: „Wir haben am Limes-Gymnasium ein relativ breites Angebot, was berufsorientierend funktioniert, jedoch wurde 2010 alles rigoros abgesagt. Ohne Alternative. Normal gibt es ein einwöchiges Praktikum im Mai für alle zehnten Klassen, das fiel einst jedoch flach.“

Zusätzlich gibt es laut Brehmer am Limes-Gymnasium im November, am Buß- und Bettag, den sogenannten Studientag, wo man üblicherweise in die Uni geht. Und 2020 fiel dieses Flair des „Live-Erlebens“ einfach weg. Hier werden Studienorte wie Heidelberg, Tübingen, Konstanz oder Karlsruhe besucht und „das Feeling“ vor Ort aufgesaugt. „Teilweise gab es punktuell zwar Präsenzveranstaltungen, aber das meiste fiel wegen Corona ebenfalls weg und alles fand nur online statt“, erklärt Studiendirektor Brehmer und bekräftigt: „Online ist bei weitem nicht das Gleiche, denn es ist ein qualitativer Unterschied, wenn man einen Menschen vor sich hat oder nur online informiert wird.“ Ein weiterer Meilenstein für alle Abschlussklassen im Welzheimer Limes-Gymnasium ist die im Oktober jährlich wiederkehrende Berufsmesse, die laut Brehmer von Studiengängen, Rettungssanitätern über Polizei und Theaterbühne bis hin zu der Bundeswehr so ziemlich jede Rubrik an beruflichen Einblicken geben kann. Hier werden 40 bis 45 berufliche Gäste, Firmen und Branchen eingeladen, wo man sich dann umfassend orientieren und informieren kann. Zudem plädiert Brehmer dafür, schon in der zehnten Klasse mit dem Bewerben anzufangen und nicht ewig abzuwarten.

Ultimativer Tipp für alle Unentschlossenen

Ja war denn nun alles schlecht? Nein, war es nicht! Es gab auch durchaus Positives zu vermelden. Ein klarer Vorteil in der Corona-Zeit war laut Oberstufenberater Brehmer „die Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Schüler mussten verstärkt lernen, sich selbst zu organisieren und selbstständig zu lernen. „Die hier anwesenden vier Schüler sind, obwohl jeder was anderes macht, repräsentativ für den Jahrgang, weil sie so gut organisiert und so reif geworden sind, dass sie sich nun selber helfen können“, schwärmt Brehmer über seine Schützlinge.

Was ist nun der ultimative Tipp für alle, die noch nicht so weit sind oder nicht wirklich wissen, wie der Einstieg ins berufliche Erwachsenenleben klappen kann? Ein erster Tipp laut Brehmer ist, die aktuelle Berufsberaterin Frau Brendel unbedingt mit einzubeziehen.

„Von Klasse 10 bis Klasse 12 kann man sich in Listen eintragen und mit der Frau vom Arbeitsamt reden, sie ist unglaublich engagiert und umfassend informiert“, erklärt er weiter. Sie kommt zeitnah im Mai und steht allen interessierten Berufseinsteigern zur Verfügung.

Sein zweiter – wenn nicht der – ultimativer Tipp von Jörg Brehmer ist: „Praktika machen, Praktika machen, Praktika machen … bis zum Anschlag Praktika machen!“, mahnt Brehmer, und zwar auch in Bereichen, die etwas abstrus klingen. „Vielleicht mal beim Tierarzt, obwohl man nicht Tierarzt werden will, und dann auch in der Stadtverwaltung, um einfach ein Gespür für verschiedene Bereiche zu bekommen – das macht sich im Lebenslauf gut“, fachsimpelt der Welzheimer Studienrat und hat für dringliche Fälle sogar noch einen Trumpf im Ärmel: Für aktuelle Praktika ist eine Freistellung vom Unterricht noch möglich, muss jedoch begründet werden.

Eine kleine Anekdote unterstreicht dabei seine Aussage. Brehmer fragte einst seinen Lehrprofessor, nach welchen Kriterien diese bei der Vergabe von Studienplätzen vorgehen, sprich, wie diese die Leute auswählen? Sein Professor sagte, dass die Ersten bereits an den fehlerhaften Bewerbungsunterlagen scheitern. Rechtschreibfehler oder Unvollständigkeiten sind ein absolutes No-Go. Der verbleibende Rest wird anhand der absolvierten Praktika eingestuft, wer wie viele gemacht hat und wer welchen Horizont mitbringt. Hat der Bewerber überhaupt ein ernsthaftes Interesse, hat er sich informiert? Erst der dritte Punkt sei dann die Abi-Note und das anschließende Vorstellungsgespräch.

Abschließend richtet er einen von Herzen kommenden Appell an alle Schüler mit den Worten: „Habt den Mut, auch mal zu scheitern! Aber macht was – und beginnt!“

Corona neigt sich dem Ende zu und hat Spuren hinterlassen. Spuren der Veränderung und Neuausrichtung, auch – und gerade – bei gymnasialen Abschlussklassen. Verbunden mit dem Start in deren berufliche Zukunft zeigt der ZVW anhand vier repräsentativer Beispiele die aktuelle Lage der Abschlussklasse vor Ort in Welzheim und was die Schüler anstreben. Natürlich auch als Inspiration für alle Jugendlichen, die noch auf der Suche nach der für sie passenden Zukunft sind.

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