Welzheim

Auch das Christentum hat ein Rassismus-Problem

Friedensgebet Probst
Hans-Ulrich Probst am Außenaltar des Friedensgebets mit Lulia Zemichael, die über das Mittelmeer aus Zentralafrika geflohen ist. „Ich gehe in die evangelische Kirche, weil es danach immer Eis gibt. Eis und Gottvertrauen sind wichtig“, meint Lulia. © Martin Becker

Einer der ersten warmen Tage in diesem Frühjahr. Die Sonnenstrahlen am Abend locken die Menschen in die St.-Gallus-Kirche zum ersten Extra-Friedensgebet. Prädikant Martin Becker kam auf die Idee, Referenten einzuladen, um während der Pandemiezeit die Kirche als einen öffentlichen Ort des Austausches und der Kommunikation über aktuelle Themen anzubieten.

Die St.-Gallus-Kirche ist an diesem Abend so gut besucht wie an hohen Feiertagen. Das Interesse hat Hans-Ulrich Probst - Referent für die Themen Populismus und Extremismus - von der Evangelischen Landeskirche Stuttgart geweckt.

Hans-Ulrich Probst ist ganz überrascht über die liturgische Gestaltung des Friedensgebets sowie die Vielfalt der anwesenden Menschen aus dem ganzen Rems-Murr-Kreis und mit Geburtsorten rund um die Erde.

„Erhebe uns über die Verschiedenheit und Unterschiede, die die Menschen voneinander trennen“, spricht Prädikant Becker. Es handelt sich um Gebetsworte aus „Gott in vielen Stimmen - Beten in Mannheim - eine Sammlung jüdischer, christlicher und islamischer Gebete“.

In den letzten Jahren gab es eine Verrohung der Sprache

„Wir nehmen eine gesellschaftliche Dynamik wahr, die seit Jahren eine Verrohung von Sprache mit sich bringt, in der politischen Debatte wird bewusst menschenverachtend und ausgrenzend gesprochen“, beginnt der Referent Probst seinen Vortrag. Er erinnert an die Toten des rechtsextremen Anschlags in Solingen am 29. Mai 1993 und liest ihre Namen vor. Ihm ist wichtig, dass die Namen genannt werden, und er fügt hinzu: „Ausgelöscht im Brand durch blinden Hass“.

Probst meint weiter: „Untersuchungen zeigen auch: Christen sind eben keine Insel der Seligen. Auch wir sehen in unseren Reihen Hass auf angeblich andere“. Doch kein Mensch werde als Rassist geboren. Niemand ist einfach Rassist. Es ginge darum zu verstehen: Im Laufe der individuellen Sozialisation und Identitätssuche kann es passieren, dass Menschen sich rassistische Stereotypen und Bilder aneignen.

Ein Schwarzer als Arzt? Das scheint nicht selbstverständlich

Probst fügt eine Anekdote ein. Wer ist hier der Zahnarzt, fragte sich eine Kollegin, die in ein Wohn- und Geschäftshaus neu eingezogen war. Völlig überrascht war sie über die Tatsache, dass ein „people of color“ - also Schwarzer - der Zahnarzt war. Sie hatte ihn mehrmals im Treppenhaus gesehen, aber ihn nie damit verbunden, dass er, der „Schwarze“ der Zahnarzt sein könnte.

Für Betroffene bedeutet dies, dass sie sich ständig damit auseinandersetzen müssen, nicht ebenbürtig oder als gleichwertig wahrgenommen zu werden.

Sie werden nicht zu Menschen, sondern zu „anderen“ gemacht.

Probst verwies auch auf das Gottesbild. Michelangelo malte Gott mit spezifischem Geschlecht und Hautfarbe an die Decke der Sixtinischen Kapelle. Nun wird der Referent sehr deutlich: „Weiße Hautfarbe wird hier untergründig mit göttlichen Attributen verknüpft: das absolut Gute, die Allmacht, die Herrschaft über die Welt. Damit laufen weiße Gottesbilder Gefahr, eine angenommene Höherwertigkeit der eigenen Kultur und Hautfarbe zu legitimieren. Und hierauf baut Rassismus auf. Das Bild eines weißen Gottes ist dabei nicht in Europa geblieben, sondern hat sich über den gesamten Globus verteilt. Wir finden Illustrationen eines weißen Gottes in Südamerika oder in China. Damit ist durch ein weißes Gottesbild nicht nur ein Erhabenheitsgefühl unter weißen Menschen legitimiert worden. Weiße Gottesvorstellungen haben auch die Attraktion der weißen Hautfarbe ausgelöst, die im globalen Süden präsent ist.

Die Tradition durch Rassismuskritik brechen

Doch diese Tradition kann die Kirche durch eine rassismuskritische Theologie einholen und brechen: Denn Rassismus widerspricht dem biblischen Bild vom Menschen und von Gott. Wenn die Vielfalt der Menschheit ein Abbild Gottes ist, ist dann nicht auch Gott eben in dieser Vielfalt zu denken? Der Gedanke der Gottebenbildlichkeit fordert so die Bilder eines männlichen-weißen Gottes heraus. Mit einer Vision der Begegnung, in der Grenzen abgebaut werden, könne Frieden entstehen. Prädikant Becker bedankt sich herzlich bei Hans-Ulrich Probst. Die Anwesenden applaudieren lange.

Das Friedensgebet schließt mit dem Vaterunser in drei Sprachen und Worten des Musikers und Humanisten Yehudi Menuhin: „Ermutige mich, zu verehren und solch lebendigem Beispiel zu folgen, die Deinen Geist Gott bewahren … den Geist des Einen und des Vielen … die Erleuchtung der Weisen, Dichter, Schriftsteller, Maler, Bildhauer und aller Geschöpfe und Künstler … Frauen, Männer, Kinder zu allen Zeiten und an allen Orten, deren Geist und Beispiel bei und in uns bleiben werden für alle Zeit.“

Einer der ersten warmen Tage in diesem Frühjahr. Die Sonnenstrahlen am Abend locken die Menschen in die St.-Gallus-Kirche zum ersten Extra-Friedensgebet. Prädikant Martin Becker kam auf die Idee, Referenten einzuladen, um während der Pandemiezeit die Kirche als einen öffentlichen Ort des Austausches und der Kommunikation über aktuelle Themen anzubieten.

Die St.-Gallus-Kirche ist an diesem Abend so gut besucht wie an hohen Feiertagen. Das Interesse hat Hans-Ulrich Probst - Referent für

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