Welzheim

Besucher erleben den Handwerkertag im Museum Welzheim als einen persönlichen Höhepunkt

Alte Handwerkskunst
Schmied Ulrich Deeß zeigte den Gästen seine Handwerkskunst. © Benjamin Büttner

Aus der Schmiede dringt Klopfen. Metall auf Metall, Vorschlaghammer auf Schmiedebronze, der charakteristische „Sound“ einer Schmiede. Schmied Ulrich Deeß ist am Schaffen, trägt Lederschürze und hat Ruß auf der Nasenspitze. Ein perfektes Bild für das historische Handwerk, das beim jüngsten Handwerkertag auf Einladung des historischen Vereins gezeigt wurde.

Es riecht nach Holzkohle-Grillabend, Räucherkammer, lagerfeuerschwadig, aber nicht nach Edel-Barbeque aus dem „Smoker“, sondern urwüchsig nach „Worker“: Ulrich Deeß bringt mit gekonnten Hammerschlägen sein Metall in den gewünschten teigigen Zustand. Wie Knetmasse gibt das Material auf dem Amboss nach. Besucher der Werkstatt, die vor 20 Jahren neben dem Museum eingerichtet worden ist, sehen ihm dabei zu, wie er die Härte aus dem Metall rausklopft, die Widerstandskraft des Metalls machtlos macht, knetbar und biegsam.

Mit der Fingerspitze schiebt er immer wieder seine rutschende Brille auf die Nase zurück, dabei kann es nicht ausbleiben, dass etwas vom Kohlestaub die Nasenspitze schwärzt: Feuer und Ruß prägen seit 2000 Jahren das Gesicht der Schmiede, daran hat sich nichts geändert. „Die Schmiedetechniken sind dieselben geblieben, nur die Formen haben sich durch alle Kulturepochen hindurch verändert“, sagt er. Der ursprüngliche Waffen- und Geräteschmied wurde weiter spezialisiert, spaltete sich in Nagel- und Messerschmiede, Harnischmacher und Kupferschmiede, um 1400 kam der Schlosser dazu. Huf- und Wagenschmied sowie Kunstschmied ging über in den Metallbauer, Fachrichtung Metallgestaltung, der den gesamten gestalterischen Bereich beinhaltet. Mit der Zange greift Deeß etwas Spiralförmiges aus der Glut. Eine Zierschnecke für Haustürengitter oder Obergitter aus der Zeit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts. „Ich will die Kulturepochen unterstreichen“, erklärt er seine Motivation, in der Hitze zu schwitzen, vor der Esse, unter einem antiken Blasebalg, umgeben von Metallhämmern in etlichen Größen und einer betagten Säulenbohrmaschine.

Bei 1250 Grad glüht das Feuer zu Beginn der Schmiede-Arbeit

Deeß verfährt wie eh und je, er spitzt, setzt ab, schmiedet aus, streckt, breitet, formt und verwandelt Stahl, Edelstahl oder Schmiedebronze in schmückende Zier. „Der Schmied wird immer noch verbunden mit Esse und Amboss, dabei ist im heutigen Berufsbild der gesamte gestalterische Bereich dabei.“ Bis heute gilt: Geschmiedet wird, solange das Eisen heiß ist. „Heiß“, das heißt: Wenn das Feuer hellgelb-weiß glüht, bei 1250 Grad, das sei die „Schmiedeanfangstemperatur.“ Links trägt er einen Handschuh, um das erwärmte Material zu isolieren, in der rechten Hand hält er unverhüllt den Hammerstiel: „Ich möchte den naturbelassenen Gegenstand in der Hand halten, weil er sich besser führen lässt und nicht aus der Hand rutscht.“ Auf die Führung des Werkzeugs kommt es an, denn viel Zeit bleibt dem Schmied nicht für sein Werk: Bei rund 750 Grad ist Schluss. „Ich muss nach jedem Schlag sofort entscheiden und sehen, wo der nächste hintreffen muss.“ Angeleitet von der ständigen Auseinandersetzung mit der Form und den gleichmäßig steigenden Radien, die er erreichen will, müsse er in einem Zug durcharbeiten. Deeß orientiert sich an der Farbe der Glut, die kirschrot sein soll - in etwa wie ein Trollinger, lässt er einen Vergleich zu. „Der Stahl glüht dann noch klein, er wird fester, die Röte kommt durch das Abkühlen.“ Biegsam sei er im abgekühlten Zustand zwar noch, er könne aber nur mit erhöhtem Aufwand weiterarbeiten.

Geschmiedet werde heutzutage mit einer Unterart der Steinkohle, die sogenannte Fettnuss-Kohle habe besondere Eigenschaften. „Sie beppt zusammen und bildet Schlacke, dadurch habe ich weniger Staub im Schmiedefeuer.“ Im Gegensatz dazu die Hausbrandkohle „Anthrazitkohle“, die sofort zu Sandhaufen zerfalle und Asche rausblase. „Damit stände ich dauernd im Nebel.“ In einigen Schmieden, etwa in Messerschmieden, werde Holzkohle vom Köhler für edle Materialien eingesetzt, die schadstofffrei erwärmt werden sollen. Etwa bei Werkzeugstahl, der zu Mehrschichtstahl verarbeitet wird - besser bekannt als Damaststahl, aus dem Demeszenerklingen gefertigt werden (siehe Info). Die Voraussetzungen, seine historischen Rekonstruktionen des Schmiedehandwerks möglichst vielen Besuchern zu zeigen, könnten nicht traumhafter sein: Wetter top, schwäbische Waldbahn fährt, Biergarten geöffnet. Entsprechend oft beantwortet Deeß die am häufigsten gestellten Fragen, die den Werkstattgästen unter den Nägeln zu ‚brennen’ scheinen: Was er verbrennt, ob es zu heiß am Feuer ist, wie hoch die Temperatur beim Schmieden ist.

Überraschend für die Besucher ist auch das Abfallen des staubfeinen, metallisch glänzenden Zunders vom Werkstück bei den ersten Schmiedeschlägen. Gestaunt wird auch über die Schnelligkeit, wie er innerhalb von fünf Minuten einen simplen Zimmermannsnagel aus Baustahl in ein Zierelement verwandelt. Kinder dürfen ein stählernes Herbstblatt mitnehmen. An manchen Handwerkstagen lässt er die kleinen Besucher zum Hammer greifen und ihre Initialen ins glühende Metall hauen. Der Beruf des Schmieds lässt ihn frohlocken: „Ich habe mit allen vier Elementen zu tun: Feuer, Erde in Form von Kohle, mit der Luft zum Durchblasen und Wasser brauche ich zum Runterkühlen“, sagt der gelernte Werkzeugmacher mit Schmiedausbildung. Er hat 32 Jahre lang als Lehrer an einer gewerblichen Schule gearbeitet. Inzwischen in Pension, lässt er sich vom historischen Verein gerne zur Unterstützung des Handwerkertags verpflichten. „Die Feinarbeit des Werkzeugmachers und das Gestalterische trage ich in mir und kann es hier verbinden.“ Ihm ist es wichtig, Zeugnis abzulegen vom Handwerk, das mit Welzheim verbunden ist. „Es gab hier bis in die 1950er Jahre fünf Betriebe.“

Immer am ersten Sonntag des Monats lädt der historische Verein zu einem historischen Handwerkertag ein - wegen Corona gab es in diesem Jahr bisher nur drei Termine. Normalerweise bewirtet der Verein mit Café und Kuchen in der „Bordstube“, was aber wegen Corona nicht möglich ist.

Dauerausstellung „Souvenirs“ noch bis zum 25. Oktober

Auch wenn wir infolge von Corona das Reisen etwas auf Eis gelegt haben: Fast jeder hat in „Vor-Corona“-Zeiten schon Souvenirs erworben, damit schöne Orte und Begebenheiten sich verknüpfen und nicht vergessen werden. Zudem ist ein Reiseandenken der vorzeigbare und anschaubare Beweis dafür, dass man wirklich dort war.

Irgendwas muss es mit nach Hause - und sei es die kleine Seife des Hotels, die in einer besonderen Packung steckt, oder ein Fahrschein. Was Menschen alles als Reiseandenken in Wohnzimmern und Vitrinen aufbewahren, wird im Rahmen der Sonderausstellung „Souvenirs“ noch bis zum 25. Oktober gezeigt. Zusammen mit Spielzeug wie einer Silhouette des Eiffelturms in Paris oder der Londoner Telefonzelle und dem roten Doppeldeckerbus kann man trotz Corona zumindest gedanklich, schmunzelnd und vielleicht auch wehmütig und vorfreudig zugleich auf Reisen gehen. Nicht aus allen 47 europäischen Ländern werden Souvenirs gezeigt. Der Schwerpunkt liegt auf den Hauptreiseländern der Deutschen. Das Museum in der Pfarrstraße ist sonntags von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Weitere Informationen, auch über Sonderführungen, auf der Homepage des Museums unter www.museumwelzheim.de

Info „Damaststahl“

Demeszenerklingen sind heute noch im werthaltigen Einsatz für japanische Küchenmesser, Jagd- oder edle Freizeitmesser. Früher waren Erze kohlenstoffarm oder -reich - je nach Stollen. Die Schwerter aus kohlenstoffreichem Erz sind sofort gebrochen, die mit armen Erzen wurden nicht hart, haben sich verbogen. Vermutlich wurde mit der Zeit erkannt, dass Klingen aus unterschiedlichen Stählen leistungsfähiger waren und zum optimalen Ergebnis geführt haben: ein zähes, biegsames, dabei aber hartes Schwert mit scharfer Klinge.

Aus der Schmiede dringt Klopfen. Metall auf Metall, Vorschlaghammer auf Schmiedebronze, der charakteristische „Sound“ einer Schmiede. Schmied Ulrich Deeß ist am Schaffen, trägt Lederschürze und hat Ruß auf der Nasenspitze. Ein perfektes Bild für das historische Handwerk, das beim jüngsten Handwerkertag auf Einladung des historischen Vereins gezeigt wurde.

Es riecht nach Holzkohle-Grillabend, Räucherkammer, lagerfeuerschwadig, aber nicht nach Edel-Barbeque aus dem „Smoker“, sondern

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