Welzheim

Bethel-Geschäftsführerin Ulrike Brenner: "Beim Pflegeberuf muss ein Umdenken kommen"

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Ulrike Brenner: Hauptgeschäftsführerin des Bethel in Welzheim. © Gaby Schneider

„40 Prozent wollen ihren Beruf wechseln: Pflegekräfte fliehen massenhaft aus dem Job.“ Diese Schlagzeile sorgte vor wenigen Wochen für große Aufregung in Deutschland. Wir fragten deshalb nach bei der Hauptgeschäftsführerin des Bethel in Welzheim, Ulrike Brenner.

Frau Brenner, wie Sie sicherlich wissen, hat die Bertelsmann-Stiftung eine Untersuchung veröffentlicht, laut der 40 Prozent der Pflegekräfte ihren Beruf wechseln wollen. Wie ist aus Ihrer Sicht die Situation am Bethel in Welzheim? Wie können Sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten? Wie groß ist die Fluktuation? Sind derzeit alle Stellen besetzt?

Ja, von der Studie habe ich gelesen. Das Gesundheitswesen braucht eine Stärkung des Berufsbildes. Die Pflegereform, die zum 1. Januar 2020 in Kraft getreten ist, bringt diese erhoffte Verbesserung in der Pflege einfach nicht. Zwei Jahre nach der Einführung zeigt sich anstatt einer Verbesserung eine spürbare Verschlechterung der Situation. Hier würde ich nicht einmal der Pandemie die Schuld zuweisen, sondern sowohl der Komplexität der Regelungen wie auch den Veränderungen von Begrifflichkeiten, vor allem die unglücklichen neuen Berufsbezeichnungen „Pflegefachmann, Pflegefachfrau“.

Attraktivität und Kontinuität in den Begrifflichkeiten wären sinnig. Alle Auszubildenden starten mit dem Berufsziel „Pflegefachfrau“ beziehungsweise „Pflegefachmann“. Neben dem generalistischen Berufsabschluss nach drei Jahren in Vollzeit beziehungsweise bis zu fünf Jahren in Teilzeit, können Auszubildende auch einen gesonderten Abschluss erlangen - als „Altenpflegerin“ oder „Altenpfleger“, als „Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger“ beziehungsweise „Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin“.

Die Möglichkeit, nach zwei Dritteln der Ausbildung einen gesonderten Abschluss zu wählen, haben die Auszubildenden, die zu Beginn ihrer Ausbildung einen Vertiefungseinsatz in der Altenpflege oder Kinderkrankenpflege gewählt haben.

Wie sich Mitarbeiter halten lassen

Um Mitarbeiter zu halten, spielen sicher viele einzelne Faktoren eine Rolle. Ein familiärer Zusammenhalt und Vertrauen wachsen über die Jahre im Betrieb und prägen einen guten Geist, gepaart mit gegenseitiger Wertschätzung und Fachlichkeit. Hinzu kommt die positive Rückmeldung der Bewohner und Patienten, die natürlich eine zusätzliche Motivation bringt. Grundsätzlich haben wir in allen drei Einrichtungen eine geringe Fluktuation und liegen erfreulicherweise deutlich unter der genannten Quote von 40 Prozent. Stellen müssen bei uns hauptsächlich dann neu besetzt werden, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden, Bewerbungen von Fachkräften sind jederzeit willkommen. Derzeit sind in unseren drei Einrichtungen glücklicherweise nahezu alle Stellen in der Pflege besetzt.

Schlechte Bezahlung, hohe Belastung und zu wenig Zeit für alte Menschen: Diese Gründe werden in der Studie „Altenpflege im Fokus“ für einen möglichen Arbeitsplatzwechsel angegeben. Wie ist aus Ihrer Sicht die Arbeitssituation im Bethel? Was wird von Ihrer Seite aus getan, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten und neue zu gewinnen?

Zum einen werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns nach Tarif bezahlt. Zum anderen versuchen wir, die Arbeitsbedingungen familienfreundlich zu gestalten und individuelle Wünsche bei der Dienstplanung zu berücksichtigen. Zusätzlich gibt es in unserem Haus ein Prämiensystem, das Anreize schafft.

Wir bieten auch Gesundheitskurse und spezielle Programme für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kostenfrei an, um sich gesund und fit zu halten. Im Jahr 2021 haben wir mit dem Projekt „Prävention in der Pflege“ in Zusammenarbeit mit der AOK zusätzliche Anreize geschaffen. Damit können wir nach einem speziell festgelegten Ablauf auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen. Außerdem bieten wir individuelle Fort- und Weiterbildungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kostenfrei an.

Wie der Beruf attraktiver werden kann

Ein weiterer Punkt, der zu beachten gilt: Aufstiegsmöglichkeiten sind gerade in der Pflege gefragt und interessant. Da verschiedene Bereiche breitgefächert aufgestellt sein müssen, um den gesetzlichen Anforderungen zu entsprechen, bietet sich gerade hier die Möglichkeit zur individuellen Weiterentwicklung und damit auch zum Aufstieg an. Diese Bereiche sind beispielsweise das Qualitätsmanagement, der Datenschutz, der Umweltschutz, die Praxisanleitung, die Hygiene, etc.

Was sind aus Ihrer Sicht die Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, um den Beruf wieder attraktiver zu machen, und wie lassen sich diese Vorschläge umsetzen? Braucht es dazu eine neue Struktur der Pflegeeinrichtungen oder fehlt es schlichtweg am Geld?

Meiner Meinung nach fehlt es an einer positiven Berichterstattung aus dem Pflegebereich. Gerade hier braucht es ein gutes Marketing, um auch die Anreize und Vorteile sichtbar zu machen, um das Image des Berufes aufzuwerten. Wir sollten alle etwas dafür tun, dass die notwendige Wertschätzung dieses verantwortungsvollen Berufes auch wieder gesellschaftlich sichtbar wird und politisch gelebt wird.

Um noch ein anderes Thema anzuschneiden: Die gesetzlichen Bedingungen bezüglich der Personalbesetzung müssen meiner Meinung nach neu überdacht werden. Was in der Praxis auch mit viel zu viel Personalaufwand verbunden ist, sind die Prüfungen vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Ich denke, die Prüfkriterien sollten hier vereinfacht werden, um die Umsetzung in der Praxis zu erleichtern. Aber am Ende läuft alles immer auf den gleichen Punkt hinaus: Es fehlt schlichtweg an Fördermitteln im Pflegebereich. Hier muss ein Umdenken stattfinden, auch im Hinblick auf die Zukunft, in der aufgrund des demografischen Wandels ja wie bekannt voraussichtlich immer mehr Pflegefachkräfte benötigt werden.

„40 Prozent wollen ihren Beruf wechseln: Pflegekräfte fliehen massenhaft aus dem Job.“ Diese Schlagzeile sorgte vor wenigen Wochen für große Aufregung in Deutschland. Wir fragten deshalb nach bei der Hauptgeschäftsführerin des Bethel in Welzheim, Ulrike Brenner.

Frau Brenner, wie Sie sicherlich wissen, hat die Bertelsmann-Stiftung eine Untersuchung veröffentlicht, laut der 40 Prozent der Pflegekräfte ihren Beruf wechseln wollen. Wie ist aus Ihrer Sicht die

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