Welzheim

Corona in Welzheim: Einsamkeit und psychische Belastung – wie Kinder und Jugendliche in der Pandemie leiden und was die Stadt dagegen tun will

AdobeStock_354259005 jugend corona  junge schaut aus dem fenster  symbol symbollbild symbolfoto
Kinder und Jugendliche leiden auch in Welzheim extrem unter der Corona-Pandemie. © Adobestock/dubova

Wohl kaum eine andere Gruppe ist als Ganzes so massiv von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen wie die Jugendlichen und die Heranwachsenden, warnt die Bertelsmann-Stiftung in ihrem Policy-Brief „Jugend und Corona“ vom März 2021: „Sie sind einsam, vermissen ihre Peers und sind psychisch belastet. Ihnen fehlen soziale Lern- und Lebensorte wie Schule, Uni, Vereine oder Jugendzentren. Ihr normaler Tagesablauf ist aus dem Rhythmus geraten, sie haben Angst um ihre Familie, Freunde und Freundinnen und auch um ihre Zukunft.“

Gerade in der Jugendphase, in der es um Abnabelung und Autonomie, Ausprobieren und Austoben gehen sollte, würden sie hart ausgebremst. Die meisten Jugendlichen hielten sich dennoch an die Corona-Regeln und zeigten sich solidarisch, was allerdings in ihren Augen von Gesellschaft und Politik nicht anerkannt werde. Während des ersten Lockdowns, so die Jugendbefragungen der Bertelsmann-Stiftung, glaubten noch 45 Prozent der Befragten, dass ihre Sorgen nicht gehört würden, während des zweiten waren es bereits 65 Prozent. Zwar würde immer wieder betont, dass Kinder und Jugendliche in der Krise an erster Stelle stehen und ihre Rechte und Bedürfnisse Vorrang haben müssten. Allerdings ziele dieses Versprechen der Politik in erster Linie auf die Öffnung der Bildungsinstitutionen ab, nicht aber auf Kindheit und Jugend als Ganzes, also auf das Bedürfnis, Gleichaltrige zu treffen oder Freizeitaktivitäten im Verein oder Jugendzentrum nachzugehen.

Mobile Jugendsozialarbeit wird nach Corona noch wichtiger

Die Rechnung für die Lockdowns, Kontaktverbote und Schulschließungen sowie für die dadurch verursachten seelischen und körperlichen Verwüstungen werde letztendlich von der Gesellschaft bezahlt werden müssen, prophezeite das Gemeinderatsmitglied Brigitte Macha im Gespräch. Sie wies darauf hin, dass zwar in der Schulsozialarbeit „hervorragende Arbeit“ geleistet werde und „nach ewiger Suche“ endlich auch eine der beiden Stellen für die Mobile Jugendsozialarbeit wieder besetzt werden konnte, es darüber hinaus aber auch eine Anlaufstelle für die Jugendlichen geben müsse, Räumlichkeiten, in die sie sich zurückziehen und einen Ansprechpartner finden könnten, dem sie vertrauen, für alle ihre Probleme, ob es um Drogen, Schule, Elternhaus oder Beruf gehe.

„Und wenn die Sportvereine endlich wieder aufmachen dürfen, dann ist dies allein schon die halbe Miete“, so Macha, „denn der Trainer ist zugleich auch Bezugsperson, Freund, Sozialarbeiter, Therapeut und Erzieher in einem.“ Große Hoffnung setzt Macha auch in das für 2022 geplante Familienzentrum, das in der Bahnhofstraße in die Räumlichkeiten einziehen soll, die bisher vom Verein Tagesmütter Welzheimer Wald genutzt wurden. Im Auftrag der Stadt Welzheim habe der Verein die Planung eines Familienzentrums übernommen, das im Idealfall im kommenden Jahr eröffnet werden soll. Gemäß dem von dem Verein erarbeiteten Konzept, das noch dem Gemeinderat vorgelegt werde, solle damit ein zentraler Anlaufort in Welzheim geschaffen werden, an dem Familien sich niederschwellig treffen können, wo sie aber auch alle Informationen gebündelt vorfinden und auch einen Ansprechpartner für ihre Fragen und Probleme treffen. Alle Institutionen, die derzeit in Welzheim in der Familienberatung tätig sind, sollten in diesem Familienzentrum Räumlichkeiten für ihre jeweiligen Angebote finden.

Warum wurde das Jugendzentrum in Welzheim geschlossen?

Große Hoffnung setzt auch das Gemeinderatsmitglied Alexandra Veit auf die Jugendarbeit der Welzheimer Vereine. Sie bieten „die beste Möglichkeit, sich auszutoben und den altersgerechten Umgang miteinander zu pflegen“. Es gebe keinen besseren Hebel, um die Jugendlichen zu bewegen, wieder „aus ihren Höhlen herauszukommen“, in die sie sich coronabedingt zurückgezogen hätten. Dies gelte sowohl für den Sportverein wie auch zum Beispiel für die Kirchengemeinden, den CVJM oder die Arbeiterwohlfahrt, die mit ihrem hochmotivierten Team gerade das Waldheim vorbereite.

Veit bedauert, dass in Welzheim das Jugendzentrum in der alten Kantine geschlossen werden musste, nachdem es trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen war, junge Menschen zu finden, die bereit gewesen wären, es fortzuführen. Sowohl Stadtverwaltung wie auch Gemeinderat hätten offene Ohren für diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bereit seien, Ideen zu entwickeln, zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen, und sei es auch nur projektbezogen, wie bei der neuen Inlinerbahn. Man sei durchaus aufgeschlossen, miteinander auch neue Wege zu gehen.

Es sei schade, dass es bisher nicht gelungen sei, die zweite Planstelle für die Mobile Jugendarbeit wieder zu besetzen, bedauerte auch Veit. In der Mobilen Jugendarbeit werde hervorragende Arbeit geleistet, sie eröffne den direkten Zugang gerade zu denjenigen Jugendlichen, die man sonst nur schwer erreichen könne. Aber wie sich bisher schon gezeigt habe, sei es nicht einfach, dafür auch entsprechend qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Sozialarbeiter gehörten nicht zu den Bestbezahlten, und wenn man die angebotenen Stellen als 75-Prozent-Plätze ausschreibe, dann schränke dies deren Attraktivität noch weiter ein. „Denn davon lässt sich dann nur schwerlich eine Familie erhalten“, so Veit.

Maria Sittart ist noch als Einzelkämpferin tätig

In der Mobilen Jugendarbeit Welzheims ist seit Mitte März Maria Sittart tätig, zurzeit als Einzelkämpferin frisch vom Studium weg. Vorher habe sie eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert, erzählte sie. Sie sei gerade unter anderem dabei, sich ein Netzwerk aufzubauen und den Kontakt zu denjenigen herzustellen, die sich von Berufs wegen oder ehrenamtlich ebenfalls in der Jugendarbeit einbringen.

Die Mobile Jugendarbeit stütze sich in Welzheim auf die vier klassischen Methoden Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit, Streetwork und Gemeinwesenarbeit. Den größten Bereich nehme die Einzelfallhilfe ein, die gezielte Beratung und Begleitung einzelner Jugendlicher. Bei der Gruppenarbeit gehe es darum, mit bestehenden Cliquen im und außerhalb des „Hauses der Mobilen Jugendarbeit“ in der Burgstraße gemeinsame Aktivitäten zu veranstalten. Streetwork wiederum bedeute, die Jugendlichen in deren Lebenswelt abzuholen, sie an ihren Treffpunkten aufzusuchen, Präsenz zu zeigen und bestehende Kontakte zu pflegen.

Bei der Gemeinwesenarbeit gehe es letztendlich darum, in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen die Lebenssituation Jugendlicher in Welzheim zu verbessern, „bedarfsorientiert“ die jeweiligen Angebote abzustimmen und den Interessen und Wünschen der Jugendlichen anzupassen. Die sogenannte „offene Jugendarbeit“ sei derzeit leider nicht möglich, da es in Welzheim kein Jugendhaus gebe, das Jugendlichen als Anlaufstelle diene und wo man sie auch gezielt ansprechen könne. Somit seien gerade in Zeiten des Lockdowns und der Schulschließung die sozialen Netzwerke Instagram, Whatsapp und Facebook wichtige Anknüpfungspunkte, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten. „Die jungen Leute haben Lust darauf, etwas zu unternehmen und sich zu engagieren, doch sie benötigen dafür Freiräume und Möglichkeiten“, so Sittarts Einschätzung.

Leider sei Welzheim nicht die klassische Partystadt für junge Menschen, wie zum Beispiel Schwäbisch Gmünd oder Schorndorf, konstatierte Philipp Köngeter. Die Stadt sei sehr gut aufgestellt, um etwas draußen zu unternehmen und zu feiern, „aber was, wenn es eine Woche lang pausenlos regnet oder Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden?“ Der traditionelle Rückzugsort Kneipe stehe den jungen Leuten auch nicht mehr zur Verfügung, um dort zum Beispiel Billard oder Dart zu spielen, seit sie als Raucherkneipen erst ab 18 betreten werden könnten.

Stadtverwaltung und Gemeinderat seien der Jugend und deren Wünschen durchaus aufgeschlossen, allerdings wäre es hilfreich, wenn sie dafür einen direkten Ansprechpartner hätten, einen Jugendgemeinderat zum Beispiel, der im Gemeinderat zumindest über ein Recht auf Gehör verfügt. „Und ganz wichtig wäre“, so Köngeter, „dass wir endlich wieder die Heimattage hinbekommen, das große Fest, das alle Generationen zusammenbringt und für uns alle Gemeinschaft erlebbar macht.“

Hinderer: „Die Jugend darf uns nicht verloren gehen!“

„Die Jugend darf uns nicht verloren gehen!“ appellierte Gemeinderat Dieter Hinderer, schließlich stehe sie für die Zukunft und müsse „das Rad weiter drehen. Wir Älteren dagegen haben jetzt die Verantwortung dafür, dass sie eine Stimme bekommt, die ernst genommen und gehört wird.“ Dies sei ein Zeichen von Wertschätzung, nachdem es doch gerade die Kinder und Jugendlichen seien, die seit anderthalb Jahren besonders schwer leiden würden. „Wir wären früher einfach auf den Bolzplatz gegangen, dort hätten wir schon die Ansprache gefunden, die wir brauchen“, so Hinderer. Dies genüge heutzutage nicht, auch wenn kein Lockdown sei. Es bedürfe der Fachleute und deren Rates, um mit passend zugeschnittenen Angeboten die Jugend zurückzuholen.

Die Schulsozialarbeit wird in Welzheim von Andreas Vetter und Luisa Brecht getragen. Sie sind für alle Schulen des Zentrums zuständig und arbeiten im normalen Schulalltag in den Klassen an der Entwicklung der Sozialkompetenz und der Förderung positiver Klassengemeinschaften, betreiben Mobbing-, Sucht- und Gewaltprävention. Schulübergreifend gelte das Ziel, in Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern, Schulleitern, der mobilen Jugend- und der Sozialarbeit ein positives Miteinander zu gestalten, beschrieb es Vetter: „Alle, die irgendwie mit Schule zu tun haben, sind unsere Zielgruppe.“

Die Gestaltung eines lebensnahen, bunten und erfolgreichen Schulalltags sei umso wichtiger, ergänzte Brecht, da dieser durch die Ganztagsschule ständig an Bedeutung gewinne und immer mehr Zeit in Anspruch nehme. Während der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, waren sich beide einig, sei auch ihr Arbeitsalltag eingeschränkt gewesen. Sie hätten über die Lernplattformen den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern halten können, die diese Plattformen nutzten, teilweise auch über ihr eigenes Instagramprofil „schusowelzheim“, aber es sei ihnen wichtig gewesen, auch selbst aus dem Büro herauszukommen und den Kontakt mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu halten.

Daraus hätten sich mehrere Projekte entwickelt, wie die Mountainbike- und BMX-Strecke Dirtpark, eine Kraftsportanlage auf dem Rötelfeld und eine Floßbauaktion, die nach den Sommerferien in eine Regatta münde. Mittlerweile würden die Schülerinnen und Schüler langsam wieder zurückkommen und der Schulbetrieb würde Tritt fassen, so Vetter und Brecht. Ihr Eindruck sei, dass vor allem die älteren Schüler aus wohlsituierten und behüteten Familienverhältnissen den Lockdown relativ gut überstanden haben. Problemfälle seien diejenigen, die vorher schon Schwierigkeiten hatten, sowie die Grundschulkinder. Dort herrsche in den Klassen große Unruhe und er werde einige Arbeit notwendig sein, um zu einem „gesunden Lernen“ zurückzufinden.

Andreas Vetter und Luisa Brecht geben an den Schulen Vollgas

Als in Welzheim im Jahr 2000 die Mobile Jugendarbeit und 2009 die Schulsozialarbeit eingeführt wurden, hätten sich viele Gemeinderatsmitglieder kein Bild davon machen können, was deren konkrete Aufgaben und Ziele seien, gestand Winfried Ellinger. Inzwischen habe sich dies allerdings zum Positiven hin geändert, die Arbeit der Sozialarbeiter werde anerkannt und geschätzt. Nicht nur als Gemeinderat, sondern auch als Vorstand des Musikvereins sei er froh und dankbar, dass man nun endlich wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren könne. In Schule, Musikschule, Jugendkapelle und in den Abteilungen des Sportvereins wisse man die jungen Menschen schließlich gut aufgehoben.

Dass die Jugend für eine Stadt in der Größe Welzheims einen hohen Stellenwert einnehme, betonte Nicole Marquardt-Lindauer, die Leiterin des Haupt- und Personalamts. Bei der Stadt seien 3,5 Vollzeitarbeitskräfte mit ihr beschäftigt. Es gebe ein großes Gebäude für die Mobile Jugendarbeit, das vielfältig genutzt werden könne. Darüber hinaus stehen auch in der alten Kantine Räumlichkeiten für die Jugend zur Verfügung. Auch die evangelische Kirche beschäftige Personal für die Jugendarbeit. Der direkte Dialog erfolge typischerweise am erfolgreichsten anlass- und projektbezogen, z.B. am Beispiel Jugendplatz am Rötelsee. Einem Jugendgemeinderat stehen sowohl die Verwaltung als auch der Gemeinderat jederzeit offen gegenüber, betonte sie. Die Initiative und der Wille, sich zu engagieren, müssten allerdings von den Jugendlichen selbst kommen. In Städten und Gemeinden der Größe Welzheims seien solche relativ formalen Strukturen leider selten von langer Dauer, weil die Jugendlichen schnell in ein Alter kommen, in dem sie entweder studieren und ortsabwesend sind oder sich bei den Erwachsenen engagieren dürfen und wollen.

Die Wertschätzung der Jugendarbeit wird nicht zuletzt allein schon durch den finanziellen Aufwand deutlich. Allein für die Personal- und Sachaufwendungen der Mobilen Jugendarbeit sind laut Marquardt-Lindauer ca. 95.000 Euro/Jahr vorgesehen. Die Stellen sind dabei mit rund 16.000 Euro im Jahr gefördert. Zusätzlich dazu sind in Vollzeit die beiden Mitarbeiter in der Schulsozialarbeit eingesetzt. Bezüglich der Jugend- und Nachwuchsarbeit der Vereine erklärte Marquardt-Lindauer, dass diese von der Stadt Welzheim nicht materiell durch finanzielle Zuwendungen gefördert werde, sondern durch die kostenlose Zur- Verfügung-Stellung von Räumlichkeiten wie Hallen, Veranstaltungsräume, Flächen im Gemeinschaftsheim. Andere Kommunen verlangen etwas für die Nutzung der Räumlichkeiten und geben dafür anteilig in Form von Zuschüssen einen gewissen Gegenwert. Die Förderung der ehrenamtlichen Tätigkeiten durch die Stadt Welzheim belaufe sich dagegen typischerweise auf einen Betrag von ca. 650.000 Euro pro Jahr.

„Die Corona-Pandemie hat stellenweise zu einem Beziehungsabbruch in der Jugendarbeit geführt“, bedauerte Marquardt-Lindauer. Diese Beziehungen müssten nun wieder aufgebaut werden. Hinsichtlich der „richtigen Justierung“ der Jugendbeteiligung starte aktuell das Projekt „Jung sein in der Kommune“, von dem sich die Stadtverwaltung eine Bearbeitung dieser Fragen und der künftigen Schwerpunkte erhoffe. Dass die Stellen in der Mobilen Jugendarbeit so lange unbesetzt geblieben sind, liege daran, dass die Bewerberlage auf dem Sozialarbeitermarkt schlicht sehr angespannt sei. Man habe sie bereits viermal ausgeschrieben. Eine Stelle sei seit Frühjahr besetzt, bei der zweiten seien bereits Vorstellungsgespräche in Planung.

Wohl kaum eine andere Gruppe ist als Ganzes so massiv von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen wie die Jugendlichen und die Heranwachsenden, warnt die Bertelsmann-Stiftung in ihrem Policy-Brief „Jugend und Corona“ vom März 2021: „Sie sind einsam, vermissen ihre Peers und sind psychisch belastet. Ihnen fehlen soziale Lern- und Lebensorte wie Schule, Uni, Vereine oder Jugendzentren. Ihr normaler Tagesablauf ist aus dem Rhythmus geraten, sie haben Angst um ihre Familie, Freunde und

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper