Welzheim

Corona-Pause mal anders: Biergarten im Welzheimer Tannwald ist sonntags geöffnet

Glühwein Biergarten
Die ersten Gäste freuten sich über das Welzheimer Angebot in der kalten Jahreszeit im Biergarten im Tannwald. © Gabriel Habermann

Nur die Harten kommen in den Winter-Biergarten. Kälte hat aus Sicht der Besucher im winterlichen Tannwald-Biergarten ihren eigenen Reiz. Warum setzen sie sich bei gefrierpunktnahen Temperaturen und unangenehmem Wind freiwillig, vorsätzlich und gern diesen Kältereizen aus?

„Das heute, das ist doch noch nicht kalt“, sagt voller Inbrunst Fritz Gerosa. Aus dem Mund des Durch-und-durch-Welzheimers klingt es durchaus überzeugend. „Wir sind ja Kälte gewohnt, ziehen uns halt wärmer an“, kommt Bestätigung von Hartmut Heissenberger und vom gesamten Tisch der Stammgäste. Sie zeigen auf die erste geleerte Glühweintasse, haben rote Wangen und beim Sprechen die Hände tief in dicken Jackentaschen vergraben. „Die frische Luft hält uns gesund und bei guter Laune“, sagt Inge Heissenberger. Auch Margarete Spinner setzt sich gern der Winterkälte aus: „Wir wollen gern den Wirt unterstützen, auch im Winter“, meint sie. Für ein Bier sei es aber selbst ihnen zu kalt. Sie bleiben beim Glühwein. „Und der könnte ruhig etwas heißer sein“, frotzeln sie.

Auf Betriebstemperatur hingegen sei das Augustiner, das es im Winterbiergarten nur aus der Flasche gibt. „Das Bier wird auf jeden Fall heute nicht so schnell warm“, scherzt Melanie. „Und die Anstehschlange fehlt heute auch niemandem“, sorgt Peters Kommentar für herzhaftes Lachen. Ihre munter im Kreis stehende und mit gebotenem Abstand anstoßende Clique aus Welzheim hat sich einen der Stehtische gekrallt für ein lang vermisstes Beisammensein. „Mal wieder Geselligkeit ist nicht schlecht“, meint einer der Kälteerprobten. „Wir haben uns in der Runde schon ewig nicht mehr treffen können“, schildert Melanie ihren „Cliquen-Lockdown“. Sie zählen sich zu den Sommer-Stammgästen im Biergarten, seien aber neugierig gewesen, wie es sich im Winter aushalten lässt. Ihr erstes Bier des Jahres im Freien sei prima. „Vom Fass ist es natürlich viel besser, aber das tut der ganzen Sache jetzt keinen Abbruch“, meint einer der Kälteerprobten. Über eine private Biergarten-Whatsapp-Gruppe hätten sie sich verabredet.

Die Bewirtung über die Wintermonate ist eine Bereicherung

Eine virtuelle Gruppe brauchen die älteren Semester am Nebentisch rund um Fritz Gerosa und Hartmut Heissenberger nicht - zumindest im Sommer seien sie „der harte Kern“. Auch jetzt im Winter hätten sie sich weder groß verabredet noch müsse man sie überreden. Die Bewirtung über die Wintermonate empfinden sie als Bereicherung. „Wir bedauern, dass es in Welzheim sonst bis auf eine weitere Ausnahme keiner hinbekommen hat, was zu machen, wo man sich mit Abstand und allen Regeln treffen kann.“

Offenbar winterfest fühlt sich auch die junge Familie aus Winterbach, die mit Punsch und Glühwein gegen das Kaltwerden ansüffelt und sich einen Flammkuchen teilt. Den müssen sie zügig essen, damit er noch dampft und zum Magenwärmer wird. „Wir wollten gar nicht raus bei dem Wetter, haben aber aus Berufsgründen kurz einen Abstecher hier hoch gemacht und gesehen, dass die Klappe offen ist, also sind wir tapfer gekommen“, erklären sie. Am dicksten eingepackt ist die sechsjährige Tochter Ronja, deren Augen in Richtung Spielplatz wandern: „Ja, und sie wollte gern aufn Spieli, deshalb sind wir auch hier.“ Ronja horcht auf. „Der ist toll“, lautet die Meinung der Spielplatz-Expertin. Sie kenne ihn bis jetzt im Sommer, da seien sie manchmal hier. Kürzlich hätten sie den Weihnachtsweg genossen. Kälteunempfindliche wie sie können das bisschen Frösteln wegstecken.

Doch bei allen Beteuerungen – dem Sommer geben alle den Vorzug. „Am schönsten ist es, wenn man länger sitzen bleiben und vespern kann, dann kommen wir immer, wenn offen ist“, sagt Ehepaar Heissenberger.

Der Wintergarten ist sonntags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Es gibt Getränke, Wein und Flammkuchen. Auf das Augustiner vom Fass müssen Bierfans noch ein bisserl warten: Für diese Öffnungszeiten kann laut Pächter Thomas Linzmair kein Fassbier ausgeschenkt werden, der „Edelstoff“ wird in Flaschen gereicht.

Diesen Sommer wird die Speisekarte wieder etwas abgespeckt, die zur Saison 2021 auf vielfachen Kundenwunsch um Tellergerichte aus der schwäbischen und gutbürgerlichen Küche erweitert wurde. Linzmairs Sohn Michael ist auch weiterhin Küchenchef in der 2021 restaurantfähig umgebauten und vergrößerten Küche. Die Küchenmannschaft sei mit dem größeren Speisenangebot an die Grenzen gekommen, so dass es aufwendige Speisen wie Krautwickel, Schweinebraten oder Haxn in diesem Sommer nurmehr als Wochengerichte geben wird – nicht mehr als Tagesgericht. Damit werde es auch Spätzle nicht mehr täglich geben. „Ich bräuchte eine Person zusätzlich für die große Karte“, sagt Thomas Linzmair. Auf Spätzle aus der Tüte ausweichen, das komme ihm nicht in die Tüte. Dadurch könnten die Gäste sicher sein: „Wenn Spätzle auf der Karte stehen, dann sind sie auch frisch und selbst gemacht.“

Einige Lehren habe er gezogen aus dem vergangenen Sommer, der für einen reinen Biergartenbetrieb ohne überdachte Tische „durchwachsen“ gewesen sei, wie Linzmair sich vorsichtig ausdrückt. So habe er an 79 Tagen offen gehabt, in 2020 sei er noch auf 98 Öffnungstage gekommen, was einen Umsatzeinbruch um elf Prozent bedeute. Linzmair schiebt es nicht auf die Ansteckungsrisiken, denn im Freien mit ausreichend Abstand und Hygienekonzept sei Corona kein Thema gewesen. Für ihn steht und fällt alles mit dem Wetter. Und das sei lausig statt biergartenlaunig gewesen. „Biergarten ist ein Saisongeschäft. Wir arbeiten nicht nach Dienstplänen, sondern nach der Wetterkarte“, so Linzmair. Als Reaktion, um ein positives Ergebnis zu erwirtschaften, wird es Linzmair dieses Jahr mit Service an den Tischen probieren. So werde ein Teil des Biergartens, er plant rund 40 bis 50 Plätze, durch optische Trenner abgeteilt zum Bedienbereich. „Der Servicemitarbeiter kommt an den Tisch, nimmt die Bestellung auf und bringt Speisen und Getränke.“

Alles coronakonform und vor allem an der frischen Luft

Alles andere bleibe beim bewährten Konzept: Getränke in Selbstbedienung, das Essen muss bestellt werden, wird aber von Mitarbeitern an die Tische gebracht. Von diesen sympathischen „Teller-Taxis“ in Dirndl und Tracht, vom Augustiner-Fassbier, von der Atmosphäre unter Bäumen und von den bayrischen Brotzeiten lebe der Biergarten – und das soll so bleiben. Die bayrische Karte sei safe, auf die sei Verlass, so Linzmair. „Mit einem etwas besseren Sommer und den Änderungen hoffen wir, dass es gut funktioniert.“

Beibehalten will Linzmair auch die sehr gut besuchten Events. Eine Country-Night mit Linedance soll es im August wieder geben, bei der auch wieder der Grill angeworfen werde. Auf großes Interesse stoße die Medizin-Reihe mit Vorträgen am Sonntagnachmittag. Im Wechsel werden auch dieses Jahr Professoren und Fachärzte zu verschiedenen Gesundheitsthemen informieren. In Planung auch: ein Bierseminar und ein Auftritt der regionalen Kultband „Grooveteeth“. Auch für Events im Jazzbereich gebe es Ideen.

Nur die Harten kommen in den Winter-Biergarten. Kälte hat aus Sicht der Besucher im winterlichen Tannwald-Biergarten ihren eigenen Reiz. Warum setzen sie sich bei gefrierpunktnahen Temperaturen und unangenehmem Wind freiwillig, vorsätzlich und gern diesen Kältereizen aus?

„Das heute, das ist doch noch nicht kalt“, sagt voller Inbrunst Fritz Gerosa. Aus dem Mund des Durch-und-durch-Welzheimers klingt es durchaus überzeugend. „Wir sind ja Kälte gewohnt, ziehen uns halt wärmer an“, kommt

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