Welzheim

Damit Blinde den Fahrtwind spüren

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Motorrad
Besonders in diesen Beiwagen können die blinden, sehbehinderten und mehrfachbehinderten Menschen der Nikolauspflege Platz nehmen. © Palmizi/ZVW
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Motorrad
Endlich den Helm aufsetzen, das Motorrad hören und den Fahrtwind spüren! © Palmizi/ZVW

Welzheimer Wald. Wenn die Sonne strahlt, der Himmel blau leuchtet, dann macht eine Tour mit dem Motorrad besonders viel Spaß, dann glänzen die Sonnenstrahlen auf den Maschinen und manch ein Fußgänger und Autofahrer riskiert einen Blick auf die tollen Fahrzeuge. Doch nicht alle können sie klar erkennen. Sehbehinderte Menschen haben dabei Probleme, müssen sich auf ihr Ohr und ihre Hände verlassen. Sie waren am Sonntag ganz nah dran.

Was war los? Am Sonntagmorgen trafen sich viele Motorradfahrer am Limeshof in Welzheim mit rund 30 sehbehinderten Menschen, um eine Spritztour zu unternehmen. Motorräder, Cabrios und Motorradgespanne fuhren vor, um die Bewohner der Nikolauspflege mitzunehmen. Die Idee dazu entstand vor rund zwei Jahren beim Ebnisee. Dort stand Elke Fuchs mit ihrer Maschine. Ein sehbehinderter Motorradfan im Rollstuhl war ganz begeistert und schaute sich ganze viele Maschinen an, die am dortigen Kiosk parkten. Der Rollstuhlfahrer fasste an, ging mit seinem Kopf ganz nah dran und fragte die Fahrer aus. Das beeindruckte Elke Fuchs. Sie ist Administrator der Facebook-Gruppe „BMW-GS-Endurobikes“. Die Rudersbergerin, begeisterte Besitzerin eines BMW-Motorrads, hatte im Gespräch nicht nur das große Interesse der behinderten Menschen an den Zweirädern und an dem Thema gesehen und gespürt, sondern dann auch eine gemeinsame Ausfahrt vorgeschlagen und mit dem Limeshof Kontakt aufgenommen. 2016 fand die erste Tour statt. Am Sonntag kam es zur zweiten, noch größeren Rundfahrt, die 2018 natürlich wiederholt werden soll.

Aufruf über die Facebookgruppe

Wie funktioniert das? Auf Facebook beschrieb sie ihre Idee: Möglichst viele Motorradfans sollten am Sonntagmorgen zum Limeshof kommen, dort die sehbehinderten Menschen treffen und dann mit ihnen eine Tour machen. Gesagt, getan. „Wir für euch – gemeinsam biken und grillen“ heißt die Aktion. Um 10 Uhr ging’s los.

Wer nicht aufs Motorrad kann, sitzt im Beiwagen oder im Cabrio

Rund 50 Maschinen fuhren vor. Nicht jeder Mensch mit Beeinträchtigung kann sich auf den Rücksitz schwingen, weiß Elke Fuchs. Viele Behinderte konnten so aus Sicherheitsgründen nicht auf dem hinteren Teil der Sitzbank Platz nehmen. Also hatte Elke Fuchs noch mehr Werbung gemacht und besonders andere Motorradgruppen darum gebeten, dass Fahrer mit Maschinen mit Beiwagen und Cabrios nach Welzheim kommen. Sogar aus München reiste ein Paar an, um an dieser besonderen Ausfahrt teilzunehmen. Die beiden Münchener schliefen im Limeshof, freut sich Elke Fuchs. „Die Veranstaltung war ein absoluter Erfolg“, sagt sie. Alle 30 sehbehinderten Menschen konnten bei der Ausfahrt mitmachen, auf dem Motorrad, im Beiwagen oder im Auto. Für ein gemeinsames Frühstück wurden Brot und Würstchen gesponsert. Derart gestärkt machte man sich auf den Weg zu Eddi’s Biker-Residenz in Althütte. Dort gab es Getränke. Motorradfahrer aus dem Remstal, insbesondere aus Weinstadt, waren dabei, außerdem ein Goldwing-Club aus Stuttgart.

In Ruhe tasten und hören

Die sehbehinderten Menschen konnten die Maschinen in Ruhe erleben, tasten und hören. Geduldig beantworteten die Motorradfahrer die vielen Fragen. Sie freuten sich über das riesige Interesse dieser Menschen an Maschinen und Fahrern, freut sich Elke Fuchs. Sie ist ganz glücklich, dass sie diesen Menschen einen besonderen Tag ermöglichen konnte, wobei „es für uns alle ein super schöner Tag war“. Dass sie „Leute mit so wenig Mitteln so glücklich machen können“, das sei eine wahre Freude, ihnen Abwechslung und einen interessanten Tag bieten zu können. Diese Menschen mit Beeinträchtigung hätten ja sonst eher nicht die Möglichkeit, so eng mit Motorrädern und Experten auf Tuchfühlung zu gehen, den Fahrtwind zu spüren, den Auspuff zu hören. „Unsere Bewohner werden ein Leben lang davon erzählen“, ist sich Petra Mack vom Limeshof sicher.

Ein besonderer Abschluss bildete der Auftritt der Limeshof-Band „Black Points“. Die hatten vorher extra Biker-Lieder einstudiert. Und so waren auch die behinderten Menschen „born to be wild!“

Nikolauspflege

Der Limeshof der Nikolauspflege in Stuttgart, seit 1997 in einem Neubau am Stadtrand angesiedelt, ist eine Einrichtung für blinde, sehbehinderte und mehrfachbehinderte Erwachsene der Nikolauspflege in Stuttgart.